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Pro und Contra: Was bringt das Betreuungsgeld?

Sollen Eltern, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten geben, Geld vom Staat bekommen? Ja, sagt Christoph Schäfer, Erziehung ist eindeutig Familiensache. Manuela Pfohl widerspricht.

Erziehung gehört in die Familie

Die Deutschen, so scheint es dieser Tage, trauen sich selbst nicht mehr über den Weg. Die allermeisten Frauen in der Bundesrepublik haben eigene Kinder, doch die Mehrheitsmeinung im Land geht dahin, dass sich der Staat um die Erziehung der Kleinen kümmern sollte. Je früher, desto besser!

Natürlich muss ein Kind mit sechs, sieben Jahren in die Schule und sollte nicht etwa daheim erzogen werden. Daran zweifelt in Deutschland seit Jahrzehnten niemand mehr. Auch ein Kindergarten, in den die Kleinen häufig bereits mit drei Jahren geschickt werden, hat sein Gutes. Was aber ist das Beste für die Kleinsten der Gesellschaft?

Zu niedrig, aber ein Anfang

Die Schutzwürdigsten können in den ersten drei Lebensjahren am Sinnvollsten zu Hause erzogen werden. Der Elternteil, der deshalb nicht arbeiten geht, soll dafür als Anerkennung 150 Euro im Monat erhalten. Der Betrag ist zwar zu niedrig, doch er ist immerhin ein Anfang.

Die Mehrheit der veröffentlichten Meinung sieht das anders. Der moderne Zeitgeist will die Kinder quasi direkt aus dem Kreißsaal in staatliche Obhut schicken und hält das ab 2013 geplante Betreuungsgeld für unnütz. "Die deutsche Unterschicht versäuft die Kohle ihrer Kinder!", poltert beispielsweise Heinz Buschkowsky, der berühmte Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln.

Dabei krankt der Streit gleich an zwei zentralen Stellen: Erstens rufen die Gegner des Betreuungsgelds immer "Kita-Plätze STATT Betreuungsgeld". Dabei könnte beides finanziert werden, wenn die Politik nur wirklich wollte. "Kita-Plätze UND Betreuungsgeld" wäre für alle die mit Abstand beste Lösung.

Noch zu klein gedacht

Zweitens macht sich die ganze Republik nur noch darüber Gedanken, ob die Kinder von Arbeitslosengeld-II-Beziehern damit am besten fahren. Das ist viel zu klein gedacht! Die übergroße Mehrheit der Kinder in Deutschland wächst nicht in Hartz-IV-Haushalten auf. Und anders als es mancher Fernsehbeitrag vermuten lässt, ist die übergroße Mehrheit der Betroffenen auch nicht dauer-alkoholisiert und unzurechnungsfähig, sondern schlicht ohne Job und deshalb in materieller Not. Welches Menschenbild steckt also hinter der Vermutung, Langzeitarbeitslose würden sich nicht mehr gut um ihre Kinder kümmern!?

Kurz gesagt: Die allermeisten Familien können mit Geld vernünftig umgehen und wissen selbst am besten, wie sie zusätzliches Geld am sinnvollsten verwenden. Gleiches gilt für die Erziehung: Die Allermeisten können ihre Kinder in den ersten drei Lebensjahren prima zu Hause betreuen. 150 Euro als Anerkennung für zahlreiche durchwachte Nächte und unzählige Windel-Wechsel sind angesichts von Hunderten Milliarden Euro für die Rettung deutscher Banken sicher nicht zu viel verlangt.

Stimmen Sie Christoph Schäfer zu? Oder haben Sie eine andere Meinung? Diskutieren Sie das Thema unter www.stern.de/betreuungsgeld.

Herdprämie hilft Kindern nicht

Da ist sie also wieder, die deutsche Mutti. Mit dem Baby auf dem Arm wirbelt sie durchs Reihenhäuschen. Und während sie liebevoll ein pädagogisch wertvolles Kinderlied singt und sich gedanklich auf den Mutter-Kind-Yoga-Kurs vorbereitet, dampft auf dem Herd ein Möhrchen-Brei, der selbstverständlich aus biologisch einwandfreiem Anbau stammt. Wenn dann abends der Vati nach Hause kommt, schläft das Kleine brav im Himmelbettchen. Ein CSU-Traum, gesponsort von 150 Euro Betreuungsgeld. Zahlbar an jede Familie, die bereit ist, ihr Kind bis zum dritten Lebensjahr zu Hause zu erziehen und nicht in eine Kindertagesstätte zu geben.

Die Wirklichkeit sieht anders aus: Nicht nur, dass unzählige Mütter gezwungen sind, möglichst bald nach der Geburt ihres Kindes wieder arbeiten zu gehen, wenn ihnen ihr Job lieb ist. Es ist oft genug auch gar nicht möglich drei Jahre zu Hause zu bleiben, weil die Familienfinanzen das nicht hergeben - und das reißen auch 150 Euro nicht raus. Viel wichtiger aber: Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung ist jedes fünfte Kind in der Bundesrepublik arm. Zusätzlich ist jedes sechste Kind von Armut bedroht. 13 Prozent aller Kinder wachsen bei Alleinerziehenden auf. Und Schätzungen des nationalen Zentrums für Frühe Hilfen und des Deutschen Jugendinstituts zufolge, werden in der Bundesrepublik fünf bis zehn Prozent aller Kinder im Alter bis zu sechs Jahren vernachlässigt. Eine Randgruppe? Immerhin handelt es sich um 250.000 bis 500.000 Kinder.

Betreuungsgeld ist keine Garantie für gute Erziehung

Kinder, die nichts mehr brauchen als eine zumindest stundenweise staatliche Betreuung. Und zwar kostenlos bis zum Schulbeginn. Jetzt komme keiner mit dem Einwand, Kitas seien zu teuer. Das geplante Betreuungsgeld würde den Staat pro Jahr geschätzte 2,7 Milliarden Euro kosten. Eine Summe, die für den Ausbau und Unterhalt von Kitas und Krippen besser angelegt wäre. Um Hilfe zu bieten für Kinder, die auf eine warme Mahlzeit in der Kita angewiesen sind, weil Mama keinen Bock auf Kochen hat. Für Kinder, die nur in der Kita lernen, ein Lied zu singen, ein Bild zu malen und mit anderen Kindern zusammen zu spielen. Für Kinder, die sonst niemanden haben, der sich um sie kümmert.

Kinder, wie Lea Sophie (4). Sie erinnern sich? Das Mädchen verhungerte 2007. Da war sie fünf. Ein Jahr zuvor hatten sich die Großeltern vergeblich um einen Kita-Platz für die Kleine bemüht, damit ihre Mutter die Ausbildung beenden konnte. Sie hatten beim Amt um eine Familienhilfe gebeten, weil Tochter Nicole G. offensichtlich mit der Erziehung des Kindes überfordert war. Ohne Erfolg. Als das Kind am 20. November 2007 starb, war es nur noch Haut und Knochen, ganze 7,4 Kilogramm leicht. Die Eltern hatten das Mädchen irgendwann einfach vergessen. Hätte es Lea Sophies Leben gerettet, wenn ihre Mutter monatlich 150 Euro Betreuungsgeld bekommen hätte?

Sie teilen Manuela Pfohls Meinung? Oder sind Sie eher beim Standpunkt von Christoph Schäfer? Diskutieren Sie das Thema unter www.stern.de/betreuungsgeld.