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Rassistischer Überfall: Potsdam im Schockzustand

Nach dem rassistischen Übergriff auf einen afrikanischstämmigen Deutschen befindet sich die Stadt im Schockzustand. Laut der Potsdamer Polizei hat sich bereits vor einiger Zeit eine rechtsextreme Szene in der sonst so weltoffenen Stadt etabliert.

Potsdam steht unter Schock: "Dass jemand so brutal an einer Haltestelle zusammengeschlagen wird, dass er um sein Leben fürchten muss, so etwas hatten wir bisher noch nie", sagt Oberbürgermeister Jann Jakobs. Gemeint ist der brutale rassistische Überfall auf einen afrikanischstämmigen Deutschen am Ostersonntag. Der in Potsdam lebende Ingenieur war von vermutlich zwei Unbekannten derart zusammengeschlagen worden, dass er am Dienstag wegen schwerer Schädelverletzungen noch immer in Lebensgefahr schwebte. Die Ermittler gehen von einem fremdenfeindlichen Hintergrund aus und ermitteln auf Hochtouren.

Rechtsextreme Szene hat sich bereits etabliert

Auf einer Handy-Mailbox war zu hören, wie die Angreifer ihr Opfer als "Nigger" und "blödes Schwein" beschimpften - der Mann hatte gerade versucht, seine Ehefrau anzurufen. Das Verbrechen spielte sich am Sonntag gegen vier Uhr morgens mitten in der Potsdamer Innenstadt an einer Straßenbahnhaltestelle ab. Dabei gilt die Brandenburger Landeshauptstadt eigentlich als weltoffen und tolerant. Hunderte ausländische Studenten lernen an der Universität, die berühmten preußischen Schlösser und Gärten werden Jahr für Jahr von hunderttausenden Touristen aus aller Welt besucht. Auch Staatsanwalt Benedikt Welfens sprach von einem Einzelfall. "So etwas ist in meiner jahrelangen Tätigkeit hier noch nicht vorgekommen", sagte er. Anti-Rassismus-Initiativen aber sehen Potsdam längst nicht mehr als heile Insel im ansonsten von zahlreichen Neonazi-Übergriffen geplagten Brandenburg.

Auch die Polizei hat längst registriert, dass sich in der geschichtsträchtigen Stadt eine rechtsextreme Szene etabliert hat. Zwar sei die deutlich kleiner als die linke Szene im Umfeld der Uni, sagt Rudi Sonntag vom Potsdamer Polizeipräsidium. Dafür aber hätten die Potsdamer Neonazis gute Verbindungen zu ihren straff organisierten Berliner Gesinnungsgenossen. Schon vor einigen Monaten hat die Polizei deshalb die Sonderkommission "Potsdam" gegründet. "Es geht darum, Präsenz zu zeigen und bei Überfällen schnell vor Ort zu sein", sagt Sonntag. Vor allem im vergangenen Jahr häuften sich Angriffe auf anders denkende Jugendliche. Erst vor drei Wochen verurteilte das Potsdamer Landgericht sechs Neonazis zu mehrjährigen Haftstrafen und vier zu Jugendstrafen, weil sie im Sommer 2005 zwei junge Deutsche überfallen und brutal zusammengeschlagen hatten. Doch auch Fremde gerieten in Potsdam wegen ihrer Herkunft bereits ins Visier der Rechtsextremisten. Der Verein "Opferperspektive" zählte 14 Übergriffe auf Ausländer allein in den Jahren 2004 und 2005, die glücklicherweise nie solch schwere Folgen wie der Angriff am Osterwochenende hatten. "Auch in Potsdam gibt es einige gewaltbereite Neonazis", sagt Ole Weidmann von dem Verein, der seit Jahren Opfer von Neonazis unterstützt.

Deutliches Engagement gegen Fremdenhass

Allerdings attestiert die "Opferperspektive" der Stadtverwaltung ein breites Engagement gegen Ausländerhass. "Viele Migranten sagen, dass sie sehr gerne in Potsdam leben, weil es hier eine breite Infrastruktur an Beratung und Hilfe gibt", berichtet Weidmann. Im Unterschied zu manch kleinerer Stadt sei es den Neonazis auch nicht gelungen, die Potsdamer Jugendkultur zu prägen. Anetta Kahane von der Amadeu-Antonio-Stiftung, die sich nach dem ersten Todesopfer rassistischer Gewalt nach der Wiedervereinigung benannt hat, schätzt die Potsdamer Neonazi-Szene ebenfalls als stark und deren Kontakte zu Berliner Gesinnungsgenossen als eng ein. "Im Grunde ist aber egal, ob die Täter aus Potsdam kommen, aus dem Umland, oder aus Berlin", erklärt sie. "Wichtig ist, dass etwas dagegen getan wird."

Oberbürgermeister Jakobs spricht von einer "neuen Qualität rechtsextremistischer Gewalt" in seiner Stadt. Der SPD-Politiker hat eine gemeinsame Erklärung mit den Stadtverordneten gegen Fremdenhass angekündigt. Bereits am Montagabend hatten rund 400 Potsdamer spontan gegen Rassismus demonstriert. Der Vorsitzende der Brandenburger SPD-Landtagsfraktion, Günter Baaske, lobte unterdessen die Zivilcourage des Taxifahrers, der den Überfall beobachtet, die Polizei verständigt und die Verfolgung der Täter aufgenommen hatte. "Wir brauchen eine stärkere Kultur des Hinschauens und des Miteinanders", sagte er im Inforadio Berlin-Brandenburg. Eine "Toleranz gegenüber der Intoleranz" dürfe es nicht geben.

Sven Kästner/AP / AP