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Reaktion auf Plagiatsvorwürfe: Guttenberg will seinen Dr. abschütteln

In der hessischen Provinz gesteht Karl-Theodor zu Guttenberg Fehler ein und erklärt, dass er den Doktortitel nicht mehr tragen werde, auch wenn es ihn schmerze. Echte Reue sieht anders aus.

Von Sonja Jordans

Es ist der Auftritt eines Stars: Selbstsicher, mit flottem Schritt betritt Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) am Montagabend die Bühne in Kelkheim am Taunus. Gut sieht er aus, mit blauem Hemd, heller Krawatte und anthrazitfarbenem Anzug. Mit kräftigem Applaus wird er empfangen, auch mit Jubelrufen - ganz so, als wäre nichts gewesen. Als stünden nicht Vorwürfe im Raum, der Polit-Star mit dem smarten Siegerlächeln hätte in seiner Doktorarbeit abgekupfert. Nicht ein paar Sätze, sondern ganze Passagen aus Zeitungsartikeln, Aufsätzen und wissenschaftlichen Arbeiten. Doch zu Guttenberg lächelt, scherzt. Er ist zu Gast bei Freunden, bei CDU-Wählern. Die Stimmung ist gut, und eigentlich ist ja auch nichts Schlimmes passiert.

Für den ersten öffentlichen Auftritt nach den Plagiats-Vorwürfen hat "KT" die Provinz gewählt, "hier, vor Ihnen, nicht vor der Hauptstadtpresse", wie er später sagen wird. Sondern in einer Stadt irgendwo bei Frankfurt am Main, wo sich die Hänge des Taunus sanft aufschwingen. Dort, wo es um den Kommunalwahlkampf geht, wo Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) die Zuhörer auf die Wahl einstimmt. Doch viele Besucher der Kelkheimer Stadthalle sind wegen zu Guttenberg gekommen. "Ich möchte hören, was er zu den Schummelvorwürfen sagt", bringt es Gymnasiastin Jasmina (19) auf den Punkt. "Der Rest ist uninteressant." Umstehende nicken.

Die Universität prüft trotzdem

Guttenberg weiß das. Die öffentlichen Diskussionen der vergangenen Tage haben ihm gezeigt, worauf die Menschen warten. Und er weiß, wie er seine Worte zu verpacken hat. Er wird an diesem Abend von "gravierenden Fehlern" sprechen, die er jedoch nicht absichtlich begangen habe. Er wird erzählen, dass er "an der einen oder anderen Stelle den Überblick verloren" habe über die Quellen, die er nutzte. Und er wird sagen, dass "die Entscheidung, einen Doktortitel nicht zu führen, schmerzt".

Guttenberg bat die Universität Bayreuth am Montagabend schriftlich, den Dr. zurückzunehmen. Zur Begründung habe er auf "gravierende handwerkliche Fehler" in seiner Arbeit hingewiesen, teilte die Hochschule am späten Abend mit. Trotz Guttenbergs Verzichtsangebots sieht sich die Universität jedoch verpflichtet, "die notwendigen Prüfungen gemäß dem vorgegebenen Verfahren vorzunehmen". Bereits an diesem Dienstag werde die Promotionskommission der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät die nötigen Schritte einleiten. Am frühen Nachmittag wolle Uni-Präsident Rüdiger Bormann ein Pressestatement abgeben, sagte dessen Sprecher

Guttenbergs Plauderstunde

Die Sätze sind Hammerschläge, doch Guttenberg verpackt sie im Plauderton. Er beginnt mit Scherzen: "Danke, dass ich mich in das Gästebuch eintragen durfte, bevor ich etwas geleistet habe." Gelächter in der Halle. Er begrüßt den "lieben Professor Doktor Riesenhuber" im Publikum - mit Betonung auf dem Doktor. Gelächter. Schließlich nimmt er doch elegant den Bogen zum Thema des Abends. Spekulationen, dass er den Auftritt vielleicht habe absagen wollen, weist er von sich. "So weit kommt's noch, dass man sich nach einem solchen Sturm drücken würde", ruft er in den Saal, und die Menge klatscht begeistert. "Und hier oben steht auch das Original, kein Plagiat", ergänzt der Minister fröhlich, und wieder wird gelacht.

Die Szenen erinnern an gewonnene Wahlen, an erfolgreich verlaufene Schlachten. Nicht an einen reuigen Mann, der zerknirscht Fehler eingesteht. Zügig sagt der Minister schließlich den Satz, auf den alle gewartet haben: "Es war richtig, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde." Das habe er festgestellt, als er sich in den vergangenen Tagen nochmals mit seiner Doktorarbeit befasst hat.

Gravierende Fehler und eine Entschuldigung von Herzen

In der übervollen Stadthalle ist es für Sekunden still. "Ich habe gravierende Fehler gemacht", fährt Guttenberg in diese Stille hinein fort. Vereinzelt ist nun Raunen zu hören. Nicht absichtlich habe er diese Fehler gemacht. Dennoch wolle er sich "von Herzen bei all jenen entschuldigen", die er mit dieser Doktorarbeit verletzt habe - auch bei seinem Doktorvater. Wieder kommt Applaus auf.

"Ich finde es gut, dass er dazu steht, das kennt man von Politikern sonst ja nicht", findet Elias (18). Schaden, glaubt der Schüler, werde dem Verteidigungsminister die Sache nicht. "Er ist doch so beliebt." Dennoch sei er unter Zugzwang gewesen, glaubt ein anderer Zuhörer: "Wer weiß, was noch so alles rauskommt über diese Arbeit", sagt der Mann und spielt auf Spekulationen an, der Verteidigungsminister habe seine Doktorarbeit vielleicht nicht selbst verfasst. Doch dem erteilt der Minister auf der blumengeschmückten Bühne in diesem Moment eine klare Absage: "Ich habe diese Arbeit selbst geschrieben, stehe auch zu diesem Blödsinn, der da drin steht." Und wieder wird gelacht in der Kelkheimer Stadthalle.

"Ich habe gehört, was ich hören wollte"

Was danach noch kommt, interessiert längst nicht mehr jeden. Erste Zuhörer verlassen den Saal, als der Verteidigungsminister bekräftigt, er werde sich "auf die Aufgabe konzentrieren", die er habe. "Ich habe gehört, was ich hören wollte", sagt eine ältere Dame auf dem Weg nach draußen. "Er hat gemogelt, er hat sich entschuldigt, und nun muss es auch gut sein."

Dass zu Guttenberg nicht wirklich erklärt hat, warum er abschrieb, wieso er den Überblick verloren hat, fällt nur wenigen an diesem Abend auf. "Er hat das halt so hübsch verpackt, da waren die meisten wohl geblendet", findet ein Mann in den Fünfzigern und steckt die Hände in die Jackentaschen. "Ich habe auch promoviert und weiß genau, welche Quellen ich genutzt habe - heute noch."