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Kommentar

Shitstorm nach Würzburg-Tweet: Renate Künasts Frage ist vollkommen berechtigt

Renate Künast fragt, ob der Attentäter von Würzburg von der Polizei wirklich getötet werden musste - und muss dafür von allen Seiten viel Kritik einstecken. Darf man so eine Frage nicht stellen? Doch. Muss man sogar.

Renate Künast

Renate Künast muss für ihren Tweet zur Axt-Attacke in einem Würzburger Regionalzug viel Kritik einstecken

Das Schlimme ist ja immer: Eine Situation wird von sehr vielen Menschen bewertet, die sie gar nicht selbst miterlebt haben. Dank Twitter hat inzwischen jeder Unbeteiligte in der ersten Erregung eine Meinung, auch wenn er gar keine Ahnung von den Hintergründen haben kann. Das kann man Renate Künast vorwerfen, auch sie hatte schließliche keine Ahnung: Die erste Frage kurz nach dem Attentat von Würzburg muss daher nicht unbedingt lauten, ob die Polizei töten musste. Die Frage hätte lauten müssen: Was ist denn überhaupt passiert?

Die zweite oder vierte Frage sollte dann aber zwingend Künasts Frage sein. Auf jeden Fall muss schließlich aufgeklärt werden, warum die Beamten offenbar keine andere Möglichkeit gesehen haben, als den Täter tödlich zu treffen. Alles andere wäre fahrlässig. Deshalb ist der Shitstorm, den Renate Künast für ihren Tweet gerade erfährt, einigermaßen lächerlich.

Renate Künast und die Zutaten, die den Hass schüren

Kurze Rückblende, den Tenor des wütenden Social-Media-Mobs fasst User "RA Roscher-Meinel" ganz gut zusammen: "Für Frau Künast steht der Staat stets unter Generalverdacht, selbst wenn ein blutrünstiger IS-ler erschossen wird." Unterschwellig schwingt in diesem Tweet alles mit, was die unverständlichen Reaktionen auf Künasts Frage zumindest erklärt: ein weiteres Attentat in Zeiten täglicher Schreckensmeldungen; ein Flüchtling als Täter; irgendein IS-Verweis - das sind die explosiven Zutaten, die hier den hilflosen Hass schüren.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass Renate Künasts Frage grundsätzlich vollkommen berechtigt ist. Deutschland ist zum Glück nicht das Land, in dem erst geschossen und dann geredet wird - weshalb die Arbeit der Polizei auch unser volles Vertrauen verdient. Eben darum muss dieser Einzelfall aber gründlich aufgearbeitet werden - auch und gerade vor dem Hintergrund jener Frage, die Frau Künast ohne Hintergrundwissen in erster Erregung via Twitter gestellt hat.

Gut möglich, dass die Polizisten den Täter tatsächlich "angriffsunfähig" schießen wollten, dabei aber irgendetwas schief gelaufen ist. Gut möglich auch, dass die Polizisten den Täter in seinem Wahn einfach nicht anders stoppen konnten als mit tödlichen Schüssen. Für genau so gut kann man es aber auch möglich halten, einen Verrückten angriffsunfähig zu machen, ohne ihn gleich zu erschießen - sofern er nicht mit einer geladenen Handfeuerwaffe herumhantiert.

Aber das sind alles bloß Spekulationen. Wir waren nicht dabei, die Twitter-User waren nicht dabei, und Frau Künast war auch nicht dabei. Wir sollten uns deshalb mit Bewertungen zurückhalten. Die berechtigten Fragen stellt sich die Polizei noch früh genug. Auch von ganz alleine.

Video zu Axt-Attentat: Polizeieinsatz bei Würzburg


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