Roland Koch im Wahlkampf Der Mann, der die Löschtaste fand


Anti-Ausländerwahlkampf? Verkorkste Bildungsreform? Studiengebühren? Alles vergessen. Roland Koch gibt den besorgten Landesvater, den Kümmerer, dem die Jobs in Hessen am Herzen liegen. Und der fast Totgeglaubte hat gute Chancen, damit seine politische Wiederauferstehung zu feiern.
Eine Reportage von Sebastian Christ

Es ist ein eiskalter Abend in Mittelhessen, minus 14 Grad. Gut ein halbes Dutzend Beamte des Landeskriminalamts und der Polizei betreten ein McDonald's-Restaurant in der Nähe von Gießen. Sie werden begleitet von einigen Mitarbeitern des hessischen Ministerpräsidenten. Dann geht alles ganz schnell: Ein Tross von Journalisten und Wahlkampfhelfern drängt durch die Eingangstür, Fotografen trippeln bis hinter die Theke, Blitzlichter zucken durch die Luft und die Bedienung steht fröhlich bis aufgeregt vor ihrer Kasse, wartet auf die Bestellung. Mitten drin, irgendwo, da ist Roland Koch. Er hat Hunger.

Viele Jugendliche sind hier, sie essen zu Abend oder genehmigen sich noch einen Burger, bevor sie in die Diskotheken und Bars starten. Ein kräftig gebauter Junge mit dunklen Haaren sitzt da und staunt mit offenem Mund in den Raum hinein. Er trägt eine Baseballmütze, auf der in Versalien das Wort "FICKEN" steht. Einen Tisch weiter sitzen drei Mädchen.
"Wer ist denn das da vorne?", fragt eine von ihnen.
"Kennt ihr nicht den Mann mit den grauen Haaren und der Brille?"
"Nee, wer ist denn das?"
"Das ist Roland Koch"
"Wer ist das denn?"
"Der Ministerpräsident."

Koch ist seit 14 Stunden unterwegs, er hat heute eine Wahlkampfrede gehalten, sich auf einer Podiumsdiskussion mit Auszubildenden und Studenten über Bildungspolitik unterhalten und insgesamt drei Firmen besichtigt. Er bestellt einen Royal TS im Menü, Pommes pur ohne Sauce, und setzt sich auf den Platz, den die Mädchen halb im Schreck verlassen. Schnell scharen sich Journalisten und Fotografen um ihn herum. Ein besonders neugieriger Reporter hat sich an die Kopfseite des Tisches gesetzt, wo sein rotes Plastiktablett latent absturzgefährdet auf der Plattenkante hängt. Koch - bekennender Fastfood-Fan - drückt seinen Burger zwischen Daumen und Zeigefinger und antwortet geduldig auf alle Fragen. Wie selbstverständlich redet er bei McDonald's über Strategie und Theorie im Fünfparteiensystem. Als er aufsteht, ist sein Tablett nicht nur leer gegessen, sondern auch aufgeräumt: Die Burger-Schachtel in der linken Ecke, die Pommes-Schachtel rechts. Und in der Mitte steht, wie ein Bergfried, der leere Cola-Becher. Januar 2009: Bei Roland Koch ist alles in bester Ordnung.

2008: Der Nachrichten-Hagel

An einem normalen Januartag im Jahr 2008 bedeutete Wahlkampf für Koch, dass er aus dem Bus heraus auf die ständig herab prasselnden Negativnachrichten antworten musste. Oft sah man ihn, wie er mit seiner damaligen Pressesprecherin Esther Petry im Hinterabteil seines Busses verschwand, die Tür schloss und nach Antworten auf immer neue Hiobsbotschaften suchte, die ihn in Form von Agenturmeldungen und Anrufen erreichten. Mal fanden Journalisten heraus, dass Kochs Regierung zu wenig Richter beschäftige, um straffällig gewordene Jugendliche zu verurteilen. Ein anderes Mal erfuhr er zwischen zwei Wahlkampfterminen, dass die CDU in den Umfragen um vier Prozent abgestürzt war. Vorne hockten die Politjournalisten auf den Polstern des Busses und feixten vor seiner Nase über den Abstieg eines Landesvaters, der sich mit seiner ressentimentschwangeren Kampagne beinahe um Job und Ansehen brachte. Je später im Januar 2008, desto mehr geriet der gesamte Landesverband der hessischen Christdemokraten in die Defensive. Die Kreisverbände bekamen nicht mehr genügend freiwillige Helfer zusammen, um in der heißen Phase des Wahlkampfes - wie ursprünglich geplant - einen Großteil der hessischen Haushalte persönlich zu erreichen.

Zu allem Überfluss litt Koch damals an einer schweren Grippe. Seine Stimme klang zeitweise nach dem Geräusch, das entsteht, wenn man einen zu dicken Ast in den Motorhexler wirft. Am 27. Januar, dem Wahltag in Hessen, war er nicht nur politisch, sondern auch körperlich beinahe am Ende.

2009: Dreifaches Glück

Politik kann Drama, Komödie und Heldenepos sein. Parteivorsitzende scheitern, sie blamieren sich und manchmal bewegen sie auch Großes. Roland Koch hat in der Neuauflage des hessischen Winterwahlkampfs sein eigenes Genre erfunden: Wahlkampf als Sience Fiction. Der Mann aus Eschborn ist der erste deutsche Landespolitiker, der den Delete-Knopf nach einem Wahldebakel gefunden hat. Seine Anti-Jugendkriminalitätskampagne mit ausländerfeindlichen Untertiteln: gelöscht. Die Fehlschläge in der Bildungspolitik: gelöscht. Versäumnisse in der Innenpolitik: gelöscht. Wenn er mit seinem Wahlkampfbus in diesen Tagen durch die verschneiten Mittelgebirgsdörfer der hessischen Provinz tourt, sieht er auf Plakaten sein eigenes Gesicht: Staatstragende Pose, schwarzer Hintergrund, geradlinige, serifenlose Schrift: "In Zeiten wie diesen" steht da. Und sein Foto will sagen: "braucht ihr mich".

Koch hat zeitgeschichtlich gesehen gleich dreifach Glück gehabt. Zuerst hat er ein innerparteiliches Gemetzel nach der Wahlschlappe abwenden können. Dann verprasste seine Rivalin Andrea Ypsilanti mit der Inbrunst eines Teenagers ihr eigenes politisches Kapital. Im Herbst brach schließlich die Finanzkrise über Deutschland herein, und Krisenzeiten sind immer gute Zeiten für Ministerpräsidenten. Auch wenn der nur noch geschäftsführend regiert.

Die Antworten sind gefunden

Er ist gelassen in diesem Wahlkampf. Wenn er über die Autobahnen und Landstraßen Hessens fährt, dann lehnt er sich weit zurück in die tiefen Ledersessel, die im Heck seines Busses stehen. Helfer reichen ihm Kamillentee, er hüstelt ein wenig. Die Sonne taucht die Hügel und Berge in ein sanftes, klares Licht. Er ist jeden Tag mindestens 14 Stunden unterwegs, oft auch länger, aber darin hat er seit Jahren Routine. Koch mag seinen Wahlkampfslogan. Immer wieder lässt er ihn in Gespräche einfließen: "In Zeiten wie diesen ist es sicher ein Vorteil, dass viele Leute sagen, dass ich etwas von Wirtschaft verstehe und Krisen managen kann." Manchmal klingt er auch nachdenklich: "Man wird selbstkritischer", sagt er. Aber das ist nicht der Grundton seiner Befindlichkeit. Man spürt, dass er eine neue Art von Freiheit genießt. Vor zehn Jahren war er es, der Druck ausübte - auf den Amtsinhaber Hans Eichel. 2003 war er quasi frei von Druck, so chancenlos war sein Herausforderer Gerhard Bökel. Der Wahlkampf gegen Andrea Ypsilanti war da für ihn eine neue Erfahrung: Er geriet selbst massiv unter Druck. Jetzt, nach dem Neustart der konservativen Politmaschine in Hessen, scheint sein Sieg nur eine Frage der Höhe zu sein. In Umfragen kommt die CDU auf mehr als 40 Prozent. Der potenzielle Koalitionspartner FDP könnte zwölf oder gar 13 Prozent der Stimmen bekommen.

Mittlerweile hat der geschäftsführende Ministerpräsident auch Antworten auf die kritischen Fragen gefunden, die ihm immer wieder gestellt werden. "Herr Koch, gibt es immer noch zu viele kriminelle Ausländer in Deutschland?", will ein türkischer Journalist von der Tageszeitung Hürriyet wissen, der in seinem Bus mitfährt. Roland Koch nimmt das Diktiergerät des Reporters und hält es wie ein Mikrofon in der Hand. Dann spricht er eine Antwort, die er sich in nunmehr elf Monaten zurecht legen konnte. Sie stand so ähnlich auch schon in der Bildzeitung. "Der Wahlkampf ist geprägt von der Sorge um die Wirtschaft. Das heißt nicht, dass andere Probleme weg sind. Das Thema wird weiter auf der Tagesordnung bleiben, aber es tritt in den Hintergrund." Nur auf die Frage nach seinen bundespolitische Ambitionen wird er einsilbig. Man könne von Hessen aus eine Menge bewegen, sagt er. Passt das zu einem Mann, der auf Kanzler gelernt hat und nun seine innerparteilichen Reputation zurückerobert?

Der Landesvater - ein Rollenspiel

Koch spielt mit Wonne seine Rolle als Regierungschef aus. In einer südhessischen Reifenfabrik steht Koch in einer Fabrikhalle, in der nur noch Roboter zu arbeiten scheinen. Stählerne Kräne bücken sich hydraulisch zur Seite, nehmen Gummirohlinge auf. Mechanisch führt der orangefarbene Stahlarm den Reifen zu einer Fräse, wo dann vollautomatisch das Profil ausgeschnitten wird. In der Halle ist kein menschlicher Laut zu hören. Keine Schritte, keine Stimmen. Nur das Jaulen der Hydraulik und das Schaben im Gummi. Koch erfährt, dass in diesem Werk bereits Kurzarbeit angemeldet wurde, als Folge der Krise in der Automobilbranche. "Wir leben in einer stark automobilgetrieben Welt. Deutschland ist in großem Maße von dieser Industrie abhängig", sagt Koch der Werksleitung. "Kurzarbeit kann auch ein gutes Zeichen sein. Es zeigt, dass man erwartet, dass es irgendwann auch mal wieder aufwärts geht." Er verspricht, sich für schnelle Hilfen einzusetzen. Die Leute hören ihm aufmerksam zu. Koch, der Kümmerer.

Wahr ist auch: Es gibt kaum einen einfacheren Wahlkampf, den ein Ministerpräsident führen könnte. Sein Konkurrent Thorsten Schäfer-Gümbel war vor drei Monaten noch ein Nobody, der erst einmal darum kämpfen musste, bei den Hessen bekannt zu werden. Jetzt führt er einen Wahlkampf, der vor allem darauf setzt, den Bürgern Angst vor Roland Koch zu machen. "Wirklich wieder Koch?", plakatierte die SPD in ganz Hessen.

Doch die Außenwahrnehmung Kochs hat sich geändert. Waren viele Bürger in Hessen noch vor zwölf Monaten bereit für den Wechsel, haben sie nun im Zeitraffer die Euphorie der Opposition, ihr Scheitern und eine Akzentverschiebung der politischen Prioritäten erlebt. In der südhessischen Automobilindustrie droht zehntausenden Menschen die Arbeitslosigkeit. In Nordhessen hat es in den vergangenen Jahren ein kleines Wirtschaftswunder gegeben, das jetzt in Gefahr ist. Über die vermurkste G8-Reform an hessischen Gymnasien redet kaum noch jemand. Und die von der rot-rot-grünen Landtagsmehrheit abgeschafften Studiengebühren will selbst Koch nicht wieder einführen. Dem Eschborner Verwandlungskünstler Koch haben diese Umstände geholfen, in eine neue Rolle zu schlüpfen. Der politische Pitbull ist beerdigt. Es lebe der besorgte Landesvater.

Auftritt: Angela Merkel

Am Mittwochabend feiert die CDU in Hessen ihren Neujahrsempfang. Die Documentahalle in Kassel ist maßlos überfüllt. Koch bekommt Standing Ovations, Angela Merkel sagt: "Die hessische CDU macht mir immer nur Freude." Darüber können mittlerweile selbst die hessischen CDU-Mitglieder lachen. Zweihundert Kilometer weiter südlich hatte Thorsten Schäfer-Gümbel am gleichen Tag seine neue Plakatkampagne vorgestellt: Der neue Slogan lautet jetzt: "An Zeiten wie diesen sind Roland Koch und die CDU nicht unschuldig."

Koch nennt Schäfer-Gümbel eine "Kühlerfigur", am "Steuer des Autos" sitze immer noch Andrea Ypsilanti. Und nachdem er ein wenig vor Rot-Rot-Grün warnt, spricht er wieder über "Zeiten wie diese", die Gefahren der Wirtschaftskrise, und schert sich nicht mehr um die Konkurrenz.

Sie scheint: gelöscht.


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