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Rot-Grün in NRW: Ein Kraftakt - von vielen

Hannelore Kraft ist Ministerpräsidentin in NRW. Sie umarmt jeden, der nicht schnell genug das Weite sucht. Aber die Opposition wetzt schon die Messer. Ein Tag in Düsseldorf.

Von Adrian Pickshaus

Hannelore Kraft ist ganz oben angekommen. Aber sie soll noch größer wirken. Jemand hat der neuen Ministerpräsidentin zwei zusätzliche Kissen auf den Chefsessel der nordrhein-westfälischen Regierungsbank gelegt. Da sitzt sie nun, ihr Oberköper ragt weit empor. Um sie herum tost der Applaus, auf der Zuschauertribüne klatschen sich drei Menschen die Hände wund. Der Udo, ihr Gatte, der Jan, ihr Sohn, und ihre Mutter.

Es ist der Moment des Sieges. Hannelore Kraft ist die erste Frau an der Spitze des bevölkerungsreichsten Bundeslandes - und eines Tages vielleicht ein Beispiel für den politischen Anschauungsunterricht. So sollte man es machen. Oder auch nicht.

Durchs Plenum schlängeln sich die rot-grünen Abgeordneten. Jeder hat eine Rose in der Hand, Kraft nimmt sie dankbar entgegen. 90 Stück, so viele Stimmen hat die neue Minderheitsregierung im Düsseldorfer Landtag. Das reichte für die einfache Mehrheit im zweiten Wahlgang. CDU und FDP haben gegen sie votiert, die Linken haben sich enthalten. Egal, Kraft ist glücklich. Und wirkt etwas kraftlos.

Sie ahnt wohl, dass die Arbeit jetzt erst beginnt.

Ein Wort von Münte

Rückblende: Schon zwei Stunden vor der Wahl sind die Zuschauerplätze des Landtags restlos besetzt. SPD-Generalsekretär Michael Groschek geht durch die Reihen, grüßt hier, winkt da, schüttelt Hände. Er versucht, locker zu wirken, aber in seinem Gesicht spiegelt sich die Anspannung. Diese Wahl soll glatt gehen, keine Hängepartie wie bei Christian Wulff, kein Desaster wie bei Heide Simonis. Groschek reckt den Daumen hoch. Es soll optimistisch aussehen, aber er macht sich wohl nur selber Mut.

Kurz vor 12 Uhr laufen die großen, alten Männer der nordrhein-westfälischen SPD ein: Franz Müntefering, ehemals Parteivorsitzender, Peer Steinbrück, ehemals Bundesfinanzminister und NRW-Ministerpräsident. Müntefering verspürt tiefe Genugtuung. "Hier oben zu sitzen und mitzuerleben, wie es in Nordrhein-Westfalen wieder eine sozialdemokratische Regierung gibt, das ist ein ganz tolles Gefühl. Ich freue mich riesig", sagt er stern.de. Im Bund kann er sich das neue Düsseldorfer Koalitionsmodell aber nicht vorstellen. Die Begründung kommt im vertrauten Münte-Slang: "Das ist bestimmt nichts, was man wollen darf."

Mehr Ablehnung als erwartet

Erster Wahlgang. Kraft sitzt in der ersten Reihe ihrer Fraktion, sie trägt ein elegantes, tiefblaues Kleid, drückt den Rücken durch und beugt sich nach vorne. Es ist eine Angriffshaltung. Schräg gegenüber sitzt der neue Oppositionsführer Karl-Josef Laumann, CDU, auch er hat seinen Körper gestrafft. Jürgen Rüttgers hängt schlaff im Sessel. Er ist ein politischer Restposten, der seiner eigenen Abwicklung zuschaut. Wozu sich noch aufregen.

Die Auszählung dauert nur wenige Minuten. Das Ergebnis: 90 Stimmen für, 81 gegen Kraft, 10 Enthaltungen. Warum zehn Enthaltungen, die Linkspartei hat doch elf Sitze? Offenbar wollte ihr jemand eins auswischen. Kraft fällt zurück in ihren Sitz und faltet die Hände. Ein zweiter Wahlgang ist nötig, das war erwartbar. Aber Kraft hatte bis zuletzt darauf gehofft, dass ein oder zwei Abgeordnete anderer Fraktionen sie direkt wählen würden. Dass sie ein Zeichen der Kooperation und Versöhnung bekommt. Doch es kommt - nichts. Stattdessen mehr Ablehnung als gedacht. Die Gräben im Düsseldorfer Landtag sind immer noch tief.

Ein Motivations-Bild für die SPD

Zweiter Wahlgang. Grünen-Chefin Sylvia Löhrmann hat ihre Lesebrille aufgesetzt. Sie schreibt, schaut streng in die Runde. Die künftige Bildungsministerin sieht aus, als habe sich ihr Lehrerberuf tief in die Seele eingraviert. Notiert sie etwa die Namen möglicher Abweichler? "Nein, nein", sagt sie später und lacht. "Ich habe Hannelore Kraft eine Glückwunschkarte geschrieben."

90 Ja-Stimmen, 80 Gegenstimmen, nun, wie geplant, 11 Enthaltungen. Standing Ovations von den rot-grünen Abgeordneten. Die schwarz-gelben wie gelähmt. An diesem Anblick wird sich die geschundene Sozialdemokratie noch lange weiden. Endlich ist sie wieder im Spiel - wenn auch auf wackligen Beinen.

Mehr Landesmutter geht nicht

"Sehr geehrter Herr Rüttgers, ich danke Ihnen für ihre engagierte Arbeit in den vergangen fünf Jahren." Wumms, das saß. Mit diesem Satz in Krafts Antrittsrede - es ist der erste - haben CDU und FDP nicht gerechnet. Verdutzte Blicke in den schwarz-gelben Reihen, zögerliches Klatschen. Jürgen Rüttgers wirkt gerührt, er hat die Hände in den Schoß gelegt und genießt den Applaus. Auch wenn er weiß, dass diese Worte Krafts kalkuliert sind: Sie muss um Mehrheiten werben, weil sie selbst keine hat. Und sie wirbt und wirbt und wirbt schon jetzt. "Wir werden in anderer Weise miteinander umgehen und aufeinander zugehen müssen. Die Koalition wird mit Ihnen allen die Zusammenarbeit suchen. Lassen Sie uns diese Chance nutzen! Eine Chance, die darin liegt, die Demokratie zu beleben und zu stärken. Aus Liebe zu unserer Heimat Nordrhein-Westfalen." Mehr Landesmutter geht nicht.

Es will sich nur keiner bemuttern lassen. Oppositionsführer Laumann hatte schon vor der Wahl gesagt, er werde mit der "linkesten Regierung, die es in NRW je gab" nicht zusammenarbeiten. Selbst die vermeintlichen Mehrheitsbeschaffer der Linken geben sich zickig wie pubertierende Schulmädchen. "Seh' ich aus, als hätte ich eine Glaskugel?", antwortet Fraktionschefin Bärbel Beuermann auf die Frage, ob ihre Partei denn schon Donnerstag - gemeinsam mit der neuen Regierung - die Studiengebühren abschaffen wolle. Tatsächlich hat die Linksfraktion einen eigenen Antrag zu den Studiengebühren vorbereitet. Einvernehmliche Kooperation sieht anders aus.

Die Einladung

Kraft ist noch im Hochgefühl der Wahl. Sie läuft jetzt über den festlichen Empfang des Landtagspräsidenten und umarmt jeden, der nicht schnell genug zur Seite springt. Grünen-Chefin Löhrmann trägt wie eine Wanderpredigerin die Losung des Tages vor: "Diese Regierung ist eine Einladung!" Doch der Einladung folgen längst nicht alle. Schwarz-gelbes Führungspersonal ist in der schwatzhaften Menschenmenge nicht zu finden.

Vermutlich leckt die künftige Opposition ihre Wunden. Und wetzt schon mal die Messer.