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Rücktritt des Bundespräsidenten: Wulffs letzter Akt

Keine vier Minuten dauerte Wulffs Abschiedsrede, es war ein letzter Versuch der Selbstrechtfertigung. Doch zurück bleibt nur ein Trümmerfeld.

Von Lutz Kinkel

Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. 11 Uhr Pressekonferenz im Bundespräsidialamt, 11.30 Uhr Pressekonferenz im Bundeskanzleramt. Als diese Taktung am Freitagvormittag bekannt wurde, war klar, was passieren würde: Christian Wulff tritt nach nur 597 Tagen im Amt des Bundespräsidenten zurück. Aus. Vorbei. Angela Merkel muss personalpolitisch mal wieder die Reset-Taste drücken. Es ist auch ein Debakel für die schwarz-gelbe Bundesregierung.

Christian Wulff betritt den Großen Saal in Bellevue durch die rechte, weiße Flügeltür, neben ihm Gattin Bettina im klassischen schwarzen Kostüm, schon an Wulffs Gang ist zu erkennen, dass etwas in ihm zerbrochen ist. Mit versteinerter Miene hält er eine kurze Rede, weniger als vier Minuten lang. Es ist eine Art Vermächtnis, ein Zuruf an die Historiker, eine letzte Selbstrechtfertigung.

Fallhöhe maximiert

Drei zentrale Elemente enthält diese Rede. Es ist die Aufzählung der politischen Botschaften, mit denen Wulff seine Amtszeit verknüpft sehen will: Integration, Zusammenhalt, Engagement. Es ist die Schuldzuweisung an die Medien, von denen er sich verfolgt und verletzt fühlt. Und es ist Proklamation der eigenen Unschuld, der vermeintliche Gewissheit, nichts Unrechtes getan zu haben. Während ihr Mann am Pult redet, steht Bettina frei im Raum, die Hände hinter dem Rücken, sie versucht ein Lächeln.

Für Wulff persönlich ist dieser Tag eine Tragödie, er hat als Politiker das höchste Amt erklommen - und doch nur seine Fallhöhe maximiert. Er wird in die Geschichte eingehen als der Bundespräsident mit der kürzesten Amtszeit, der Einzige, gegen den bisher staatsanwaltschaftlich ermittelt wurde, ein Fehlgriff und Ausrutscher in der Ahnengalerie, in der solche Namen wie Theodor Heuss und Richard von Weizsäcker glänzen. Alle Vergünstigungen, die Wulff jemals eingestrichen hat, wiegen nicht den persönlichen Schaden auf, den er davongetragen hat. Die Schmach, das politische Aus und die horrenden Anwaltskosten, die inzwischen mehr als 100.000 Euro betragen dürften.

Dröhnendes Echo

Am Gesicht Angela Merkels, die nur rund 20 Minuten später im Kanzleramt spricht, ist auch der politische Schaden zu erkennen, den Wulff hinterlassen hat. Geduckt und gepanzert wie eine Schildkröte steht Merkel vor der blauen Medienwand, ihre Augen sind klein und gerötet, viel Schlaf kann sie in der Nacht nicht bekommen haben. Regungslos liest sie ihre Erklärung vom Blatt, Nachfragen sind nicht zugelassen, sie muss nun nach vorne schauen und einen Nachfolger suchen, der auch das Vertrauen der Opposition genießt. Wulff war ihr Kandidat, sein Rücktritt ist auch ihre Niederlage.

Die Wahl des nächsten Präsidenten wird schon bald erledigt sein, das Gesetz lässt dafür nur 30 Tage Zeit. Dafür vererbt Wulff eine Debatte, die noch lange nachhalten wird: Wie viel Nähe zwischen Politik und Wirtschaft muss, wie viel darf sein? Wollen wir die gesponserte Republik? Wer schafft wieder Vertrauen in die Demokratie, in ihre Institutionen? Angela Merkel wird in ihrem Bürgerdialog das Echo auf Wulff hören.