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SCHIESSEREI: 17 Tote bei Amoklauf in Erfurter Schule

Bei einem Amoklauf in einem Erfurter Gymnasium sind laut Polizei 18 Menschen ums Leben gekommen. Unter den Toten ist der Täter, zwei Kinder, ein Polizist und 14 Lehrer.

Entgegen früherer Angaben hat ein 19-jähriger ehemaliger Schüler hat am Freitag im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen erschossen und sich selbst getötet. Zunächst hatte die Polizei die Zahl der Todesopfer mit 18 angegeben. Der 19-Jährige drang während der Mathematik-Abiturprüfung in das Schulgebäude ein und schoss nach Angaben der Polizei gezielt auf die Lehrer. »Der Amoklauf eines Wahnsinnigen hat 17 Menschen das Leben gekostet, darunter auch den Täter«, sagte Innenstaatssekretär Manfred Scherer, der sichtlich mit der Fassung rang. Der mit einem Schnellladegewehr nach Art amerikanischer »Pumpguns« und einer Faustfeuerwaffe bewaffnete Täter schoss nach Angaben der Polizei um sich und tötete 13 Schulangestellte, einen 15-jährigen Schüler und eine14-jährige Schülerin sowie einen Polizisten. Der junge Mann schloss sich dann laut Polizei ein und hat sich »selbst hingerichtet«. Sein Motiv blieb unklar. Nach Medienberichten soll er von der Abiturprüfung ausgeschlossen und jüngst von der Schule verwiesen worden sein. Der 19-Jährige hatte eine Waffenbesitzkarte und war Mitglied in einem Schützenverein.

Polizei: Es bot sich Bild des Grauens

»Bei der Durchsuchung des Gebäudes bot sich den Beamten ein Bild des Grauens«, erzählte der Leitende Polizeidirektor Rainer Grube vor Journalisten in Erfurt. »Auf den Gängen, in einzelnen Zimmern, auf einer Toilette wurden getötete Personen festgestellt.« Der Hausmeister der Schule hatte die Polizei gegen 11:05 Uhr per Notruf alarmiert: »Hier in der Schule wird geschossen.« Die Polizei entdeckte dann schon im Eingangsbereich zwei Tote. Die beiden Polizisten, welche die Schule zu betreten versuchten, wurden beschossen. Einer von ihnen war sofort tot.

Zunächst nur von vier Toten gesprochen

Ein Großaufgebot der Polizei riegelte anschließend die Schule ab. Bis zum späten Nachmittag war die Polizei von vier Toten ausgegangen. Rettungswagen und Rettungshubschrauber wurden bereitgestellt, während sich vor der Schule hilflose Schüler und besorgte Eltern versammelten. Ein Sondereinsatzkommando der Polizei durchkämmte das Schulgebäude. Die Annahme, der Täter hätte einen Komplizen gehabt, bestätigte sich dabei nach Angaben des Polizeisprechers Manfred Etzel zunächst nicht.

Gezielt auf Erwachsene geschossen

»Man kann davon ausgehen, dass der Täter gezielt auf Erwachsene geschossen hat«, sagte Etzel. Es gibt noch Verletzte, von denen aber wohl niemand schwer verletzt ist.

Scherer: Tat übertifft jedes bisherige Verbrechen

»Die Tat übertrifft alles, was sich im Freistaat bisher an Verbrechen ereignet hat«, sagte Staatssekretär Scherer, der sichtlich mit Tränen kämpfte. Die Polizei hätte alles getan, um das, was geschehen ist, zu verhindern beziehungsweise um den Täter zu stoppen. Zuletzt hatten sich nach Polizeiangaben noch 180 Schüler im Gebäude befunden. Sie sind jetzt in ärztlicher und psychologischer Betreuung. An der Schule waren 600 bis 700 Schüler angemeldet.

Gelände völlig abgeriegelt

Rund um die Schule, einen vierstöckigen massiven Altbau, waren mehrere Straßenzüge für den Autoverkehr gesperrt. Nur Polizeifahrzeuge und andere Betreuerfahrzeuge wurden durchgelassen. Im Umkreis von etwa 100 Metern durften sich auch keine Fußgänger dem Gebäude nähern. Rings um den Absperrring sammelten sich viele Schüler, besorgte Eltern, Anwohner und Schaulustige. Vielen Jugendlichen stand das Entsetzen ins Gesicht geschrieben, einige weinten. Viele der Menschen liefen langsam und desorientiert umher. Etwa 200 Meter von der Schule entfernt hatte die Polizei einen Sportplatz abgeriegelt, wo in einem Rettungszelt Angehörige und Schüler von Feuerwehr und Katastrophenschutz versorgt wurden.

Bundesregierung äusserte sich bestürzt

Die Bundesregierung und Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel zeigten sich bestürzt. »Der Bundeskanzler (Gerhard Schröder) und die Bundesregierung haben die Ereignisse in Erfurt mit fassungslosem Entsetzen aufgenommen«, sagte ein Regierungssprecher. Schröder sagte einen Besuch bei einer Veranstaltung des Deutschen Sportbundes am Abend in Potsdam ab. Die SPD strich eine für Samstag in Duisburg geplante Wahlkampfveranstaltung. Vogel sagte: »Ich bin entsetzt über diese Bluttat.« Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, erklärte: »Die Tat von Erfurt lässt uns in Abgründe der Grausamkeit und des Hasses blicken, aber genauso in Abgründe der Trauer und des Nichtverstehenkönnens.«

Erst im Februar hatte ein Amokläufer in der Nähe von München drei Menschen erschossen, bevor er sich selbst tötete. Der Mann hatte zunächst in seiner früheren Firma in Eching zwei leitende Angestellte erschossen, bevor er den Schulleiter seiner früheren Wirtschaftsschule in Freising tötete.

Grund Mathe-Abitur?

In unbestätigten Medienberichten hieß es zuerst unter Berufung auf Schülerangaben, der Schüler hätte während der Abiturprüfung im Fach Mathematik plötzlich eine Waffe gezogen. Bei Öffnung des Umschlages mit den Prüfungsaufgaben hätte er gesagt, er schreibe sowieso nichts, und das Feuer eröffnet. Augenzeugen berichteten ungeachtet der anders lautenden Polizei-Darstellung, dass sich auch vor der Erstürmung in dem Gebäude noch Schüler aufhielten. Am Fenster eines Schulraumes hing ein handbemaltes Schild mit der Aufschrift »Hilfe«. Neben dem Fenster war am Mittag zunächst kurz ein junges Mädchen zu sehen.

Polizei richtet Hotline ein

Die Erfurter Polizei hat für besorgte Eltern und andere Betroffene eine Telefon-Hotline eingerichtet: 0361 - 260 68 47