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Schnauze, Wessi!: Im Zug der Deutschen Einheit

Alle schimpfen auf die Bahn - vor allem Leute, die nie Reichsbahn fahren mussten. In Wahrheit funktioniert die Deutsche Einheit auf Schienen beinahe tadellos. Eigentlich nur dort. Ein Lob

von Holger Witzel

Kühles Leder schmeichelt meinem Rücken. Ich strecke die Beine aus und möchte wenigstens einmal nicht klagen, das Positive sehen - wenn auch nur für ein paar Stunden im ICE nach Leipzig. Allein die Richtung stimmt mich milde. Meist schaffe ich in Hamburg sogar einen Zug eher zurück als geplant, doch dieser Fluchtreflex ist schon wieder eine andere Geschichte.

Aus ähnlichen Gründen vermeide ich normalerweise Bahnfahrten 1. Klasse. Sie sind zwar auch für Ost-Mitarbeiter des Verlags, der mich ausbeutet, nicht grundsätzlich verboten, aber die übliche Reise-Apartheid tut meinen Blutdruck gut. Ich weiß, wohin ich gehöre. Nur wenn es in der 2. Klasse zu voll ist, überwinde ich meinen Stolz. Und diesmal scheint es sogar für den doppelten Fahrpreis halbwegs erträglich zu werden.

Lediglich ein älteres Ehepaar, zwei Reihen hinter mir, plappert so laut, als wären sie allein oder taub. Als der Zug anrollt, lässt ein Aufbauhelfer schräg gegenüber seinen Ehering im Portemonnaie verschwinden. Wie viele seiner Art hat er vermutlich eine Freundin im Wittenberg oder Gera. Ich zwinkere ihm verschwörerisch zu, da versteckt er sich sofort - ertappt! - hinter einer dieser viel zu großen Wichtigtuer-Zeitungen.

"Die Bahn verbindet"

Wir passieren die Vororte von Hamburg, und einmal mehr drängt sich die Frage auf, wieso die angloamerikanischen Bomber danach noch unbedingt bis Dresden mussten ... Aber ich wollte ja mal nett sein. Also übe ich mich weiter in stiller Bewunderung für die Bahn: Was für eine Meisterleistung allein, jede Woche dieses innerdeutsche Hin und Her zu organisieren! Während die einen montags 2. Klasse von Ost nach West pendeln, braucht man am Dienstag für die Gegenrichtung vor allem Wagen der 1. Klasse. So teilen Wochenarbeitszeit und Fahrtrichtung die Menschen nach wie vor auf beinahe natürliche Weise. Wie aber können jeden Freitag in Hamburg genug Wagen der 2. Klasse bereit stehen, wenn dort am Donnerstag nur welche der 1. Klasse ankamen? Wirklich genial!

Das oft gescholtene Unternehmen ist überhaupt ein schönes Vorbild für die noch öfter beschworene deutsche Einheit. Das fängt mit dem Namen an: Aus "Deutscher Bundesbahn" und "Deutscher Reichsbahn" wurde beinahe gleichberechtigt "Die Bahn". So etwas stiftet Identität und hätte zum Beispiel auch einem gemeinsamen Parlament gut angestanden. Ob nun Volkstag oder Bundeskammer, aber nichts dergleichen – allein "die Bahn verbindet".

Vor dem Fenster rast das Brandenburger Elend vorbei. Versteppende Felder, verlassene Höfe, nur noch Windräder drehen sich hier. Neuerdings, so steht es im "Bahn-Magazin", bezieht der größte deutsche Stromverbraucher "23 Prozent Öko". Im Grunde segele ich also nach Hause. Wenn das laute Ehepaar nicht wäre, könnte alles wunderbar sein.

Nach einer halben Stunde weiß ich, dass sie in Bremen einen Gärtner aus Mecklenburg beschäftigen, auf den kein rechter Verlass ist. Dass sie erstmals nach Dresden fahren und die Frau lieber die Zauberflöte gesehen hätte, aber ihr Mann offenbar keinen Einfluss auf den Spielplan der Semperoper hat. Dafür versucht er ihr das Grüne Gewölbe schmackhaft zu machen, das gerade für 45 Millionen restauriert wurde. Von unserem Geld, zischt sie. Es ist nur ein rhetorisches Flüstern, nicht für mich bestimmt. Aber sie können nicht leise. Erst recht nicht, als sie die Zugbegleiterin wegen sieben Minuten Verspätung zur Rede stellen, die wir schon aus Hamburg mitgebracht haben.

Sie entschuldigt sich dennoch freundlich, bittet um die Fahrscheine und fragt, ob die Herrschaften etwas aus dem Speisewagen wünschen. Natürlich wünschen sie. Der Ehebrecher hält seine Bahncard "1oo First" in die Gang, ohne von der Zeitung aufzuschauen. Und als müsste ich das Verhalten der anderen wieder gut machen, streiche ich meine Internetfahrkarte extra glatt und lächle aufmerksam, bis ich dran bin. Selbstverständlich hole ich mir auch meinen lauwarmen Filterkaffee im Pappbecher selbst.

Ein König im Bord-Bistro

An den 2,80 Euro dafür gibt es nichts auszusetzen. Immerhin muss die Bahn für die Opfer ihrer Klimaanlagen Millionen-Entschädigungen aufbringen. Es gibt sogar immer noch Leute, die den kompletten Fahrpreis in die Arbeits- und Vernichtungslager zurück wollen, den die Reichsbahn seinerzeit von den Nazis bekam - nach Berechnungen des Vereins "Zug der Erinnerung" in heutigem Geld "mindestens 445 Millionen Euro", mit Zinsen über 2 Milliarden. Dazu die Kosten im Zug der Deutschen Einheit und der Flut. Das ist mit ein paar Verzehr-Gutscheinen nicht getan. Und da regen sich die Leute noch auf, wenn höchstens einmal im Quartal die Fahrpreise steigen?!

Stuttgart 21, Betriebsurlaub in Mainz, Verspätung – Westdeutsche haben immer was zu meckern. Unsereins dagegen musste vor gar nicht langer Zeit noch 65 Jahre auf einen Zug in den Westen warten. Inzwischen ist man in drei Stunden in Hamburg, zumindest laut Fahrplan. Aber beklage ich mich?

Toiletten außer Betrieb – na und? Wer sein Gesicht einmal aus dem Fenster eines Reichsbahn-D-Zuges gehalten hat, möchte verstopfte Sammelbehälter nie mehr gegen Sommersprossen vom Fahrtwind tauschen. Wer jemals bis Budapest in einem schmierigen Gang lag, fühlt sich selbst im überfülltesten Bordbistro wie ein König. Klar, manches erinnert auch an früher: Im Sommer fallen Züge aus, weil es zu warm ist; im Winter, weil es schneit. Aber was ist denn im Frühjahr und im Herbst? Da sind fast alle pünktlich! Wenn nicht - verkürzt einem die Bahn mit ihrem zwei Meter langem "Fahrgast-Rechte-Formular" die Zeit. So vergeht die Fahrt wie im Flug.

Die Bremer verpassen sogar den Umstieg in Berlin und studieren nun ihre Verbindung von Leipzig nach Dresden. "Über Riesa?", staunt die Frau, "ich dachte das liegt in Litauen." Weil weghören nicht mehr geht, rufe ich: Lettland! Riesa sei die lettische Hauptstadt. Sie bedanken sich verstört mit einem Nicken und zanken sich danach zwei Minuten in Zimmerlautstärke. Na also, geht doch - fast so rücksichtsvoll wie die Bahn.

Versuchte Investitionen in Ost und West

Als 2008 plötzlich ICE-Räder brachen, setzte man die heilen Züge vorsichtshalber im Westen ein, im Osten dagegen alte Regionalzüge, die als ICs angemalt waren. Nachdem der Fehler eines westdeutschen Zugführers in Sachsen-Anhalt zehn Menschenleben gekostet hatte, rüstete die Netz AG prompt auch dort - wie auf westdeutschen Gleisen Standard - automatische Bremsen nach. Weil Sicherheit vorgeht, wurden sogar die neuesten Züge mit Internet-Hotspot erst ein paar Jahre im Westen getestet. Und auch sonst schaut die Bahn nicht auf den Cent.

Allein die ICE-Strecke Nürnberg-Erfurt sollte ursprünglich 5,2 Milliarden Euro kosten, wenn sie 2004 fertig geworden wäre. Inzwischen geht man von 10 Milliarden aus, und nachdem ein "parlamentarischer Unterstützerkreis" zur "Vollendung des Verkehrsprojektes Deutsche Einheit Nr. 8" Druck machte, wird neben 2016 auch das Jahr 2020 genannt, für die dazugehörige "Ausbau-Strecke" 2041. Das wären 37 Jahre Verspätung! Vermutlich wohnt dann gar niemand mehr in Thüringen. Aber im Westen jammern Studenten schon, wenn sie mal eine Stunde am Bahnsteig frieren und die Bahn-App – auch das noch - ihr Smartphone lahmlegt.

In Leipzig denke ich einen Moment daran, den Polterpensionären bei ihrem Gepäck zu helfen. Aber sie meckern schon wieder, statt froh zu sein, dass es diesmal ein Kopfbahnhof ist und die Züge nicht gleich vorbeidonnern wie in Wolfsburg ab und zu. Solche Nester werden im Osten gar nicht mehr im Fahrplan berücksichtigt. Die sollen einfach Autos bauen da, die Elbphilharmonie in Hamburg besuchen und ansonsten – na gut, ich verkneif es mir mal.