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Schnauze, Wessi!: Barbaren in Barbour-Jacken

Westdeutsche gaukeln sich und anderen gern Vielfalt vor. In Wahrheit denken und verrenken, verkleiden und verhalten sich Opfer der Konsumdiktatur zwanghaft gleich: ein Armutszeugnis.

Von Holger Witzel

Jetzt weiß ich endlich, warum der Westen oft so langweilig und grau wirkt; warum sich die Frauen dort zum Verwechseln ähneln, überall die gleichen Möbel rumstehen und billig wenigstens teuer aussehen muss - das ganze Geheimnis ihrer immer noch fremden gesellschaftlichen Normen.

Wir saßen in Hamburg um einen Konferenztisch und weil die Kollegen wie immer selbst genug redeten, starrte ich zwei Stunden auf ihre Schuhe. Bis auf kleine Variationen der Lochmuster sahen alle gleich aus. Nach der Sitzung sprach ich einen relativ aufgeschlossenen Kollegen darauf an, der mir schon öfter die bizarren Rituale seiner Heimat erklärt hatte, meist ganz geduldig. Diesmal jedoch reagierte er gereizt: Die Schuhe von X oder Y hätten nichts mit seinen "Budapestern" zu tun. Ich sollte mir nur mal die Rahmennaht ansehen: Alles in allem, schnaubte er beleidigt, 600 Euro!

Bootsschuhe und Ballerinas

Abends, etwas lockerer in einer Bar, zählte ich immerhin drei verschiedene Schuhmodelle. Bei fünf von acht Hamburgern waren es eine Art Mokassins, zum Teil mit weißen Sohlen, aber alle mit einer Lederschnur als Reling unter den Knöcheln. Die anderen trugen DDR-Fußballschuhe der Fünfziger Jahre, es könnten aber auch Maßanfertigungen vom Orthopäden gewesen sein. Vier Kolleginnen waren auch mit, sogenannte Ballerinas an den Füßen, zwei sogar mit extravagantem Schleifchen. Dafür steckten in ihren Ohren die gleichen Perlen wie vormittags und bei allen anderen Hamburger Frauen.

Dass es sich bei den Herren um sogenannte Bootsschuhe handelte, erfuhr ich erst nach meinem atemlosen Bericht zu Hause. Meine Frau ist in diesen Dingen bewanderter und konnte auch sofort die Marke nennen, deren Signet ich auf jedem zweiten Hemd, jeder Bluse, jedem Pullover für das gestickte Bekenntnis zu einer Hamburger Polomannschaft gehalten hatte. Die anderen Treter - das recherchierte ich noch vor Ort - waren Schuhe der Firma Camper, die ein ungeschriebenes Gesetz seit Jahren für bestimmte Viertel in Hamburg oder Berlin vorschreibt. Angeblich leicht, robust und gesund. Was man sich eben so einredet als Massen-Individualist.

BMW und Barbour-Jacken

Dann musste ich auch noch miterleben, wie die Männer alle alkoholfreies Weizenbier tranken und auf eine abwertende Bemerkung von mir wie ein Sowjet-Chor antworteten, man schmecke kaum noch Unterschiede. Die Frauen bestellten "BMW", aber statt ihre Einheits-Auto vorzufahren brachte der Kellner - ohne eine Spur von Scham oder Ekel - Bier mit Wasser.

Ihr verklemmter Umgang mit Alkohol war mir nicht neu, ebenso die Sehnsucht nach Uniformen. Auch in den besetzten Gebieten treten Westdeutsche gern einheitlich auf: Barbaren in Barbourjacken, gesteppt oder imprägniert. Konsum-Klone. Armani-Armeen ... Bisher hatte ich mir dieses Bedürfnis damit erklärt, dass sie als Kinder nie zu paramilitärischen Appellen antreten mussten. Dass es stets besonders kostspielige Marken sein mussten, schob ich darauf, dass sie falsche Bescheidenheit nicht kennen - wie auch - ohne richtige? Lange habe ich ihre Wohlstandsverwahrlosung sogar als Geschmacklosigkeit abgetan oder mit Oberflächlichkeit verwechselt. Wie geschmacklos und oberflächlich von mir!

Brillen und Beleuchtung

Tatsächlich steckt viel mehr dahinter, ein Ordnungsprinzip. Sie müssen das tragen, damit jeder jeden sofort einsortieren kann: Ob der andere ein Geizhals ist, vielleicht sogar ein Habenichts, weil er nur 280 Euro für Schuhe ausgibt, mag für unsereins keinen Unterschied machen. Sie aber erkennen sich an Antworten auf scheinbar beiläufige Fragen nach dem Stadtbezirk, in dem der andere wohnt. So wie wir Mitmenschen nach groß und klein, sympathisch oder Arschloch unterscheiden, dienen bei ihnen Schuhe und Adressen der sozialen Orientierung. Eine gewisse Normierung verlangt natürlich auch ihre Werbeindustrie; dafür können sie nichts. Insgesamt aber haben das so unisono nicht mal die Gleichmacher der DDR hinbekommen.

Es ist kein Zufall, dass in ihren Praxen, Kanzleien oder Architekten-Büros überall die gleichen Möbel stehen. Sie haben den Preis jeder einzelnen Edelstahlkugel im Kopf und wissen so auf Anhieb, was der andere für seine Einrichtung bezahlt hat. Die Exzentriker unter ihnen drapieren dazu seit Jahren Schreibtischlampen aus italienischem Drahtseil. Aber so einfach ist das mit allem, was ihnen lieb und teuer ist: Mit den gleichen Sportarten, die sie in den gleichen Clubs treiben, mit den gleichen Gegenden, in denen sie ihren Urlaub verbringen müssen, mit ihren Frauen, die sie operieren lassen, bis alle gleich aussehen, den gleichen Brillengestellen und Autos... Selbst bei Kinderwagen scheint es mehr auf den Preis anzukommen als auf den Inhalt.

Plastik und Plagiate

Freilich darf man nicht alle über einen Kamm scheren. Es gibt auch im Westen – das wird oft unterschätzt – Millionen Menschen, die nicht in den Angeber-Stadteilen von München oder Hamburg leben, sondern in Lemgo, Dinslaken oder Illertissen. Die lieber bunte Plastik-Schuhe mit Fersenriemen tragen, zu Musik von Michael Wendler ausflippen und – egal ob am Niederrhein oder in Niederbayern – die gleichen Häuser schick finden wie der letzte Bundespräsident aus Niedersachsen.

Leider färbt das namhaft niedrige Niveau dieser Niederungen über Kabel und Satellit bis in die Oberlausitz ab. Nicht mal ich bin immun gegen alles. Einmal habe ich mir in Tunesien extra die gleiche Rolex Submariner Black gekauft, wie sie mein Chef bei Gelegenheit aus dem Jackett-Ärmel schüttelt. Nach dem Urlaub stand ein Gehaltsgespräch an und ich spekulierte darauf, dass er das billige Plagiat sofort erkennt und Mitleid hat. Aber nix! Im Zweifel sehen sie auch großzügig über alle Anpassungsbemühungen hinweg.

Künstler und Kinderwagen

Sie selbst können sich diesen Zwängen dagegen nicht mal entziehen, wenn sie in kulturvollere Gegenden übersiedeln. In Leipzig, beispielsweise, stehen sie seit 20 Jahren auf einen – ja, peinlich genug – einheimischen Maler, der schon die halbe Stadt mit seinen bunten Kinderfratzen vollgeschmiert hat. Die neuen Besitzer der Fassaden haben einen Narren an ihm gefressen. Sie halten den Einfaltspinsel für einen Künstler, für die berühmte Leipziger Schule womöglich, von der sie gehört haben. Es ist eine Seuche!

Nun wollen sie auch noch Handyladegeräte normieren, Abiturprüfungen gleichschalten. Schulessen für alle! Wenn es tröstet, sollen sie dabei ruhig weiter glauben, Finnland hätte die moderne Schule erfunden. Nur: Was bleibt von der scheinbaren Vielfalt des Westens überhaupt noch übrig, wenn auch in den veralteten Bundesländern bald arme Kinder neben reichen sitzen, vielleicht sogar zehn Jahre in einer Schule?! Sind wir dafür über Ungarn abgehauen? Für Budapester Einheitsschuhe und Bier mit Wasser?

So helft ihnen doch!

Nein. Also liegt es einmal mehr an uns, ihnen beizubringen, wie man Gleichmachern die Stirn bietet. Wie man sich individuell betrinkt und dass es nicht darauf ankommt, ob man Gummistiefel von Deichmann oder Dior auf DIN-Diktatoren wirft. Hauptsache, sie fliegen gut: Freiheit für Westdeutschland!