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Schnauze, Wessi!: Flächendeckendes Mindestglück

Mit "vor und nach 89" gilt in Ostdeutschland zwar eine eigene Zeitrechnung. Alles andere wird nach wie vor am Westen gemessen: Geschichte, Glück, jeder Pups. Eine Maßnahme.

Von Holger Witzel

Nachdem wir alles über Hitlers Helfer wissen - seine Hunde, Frauen und Grillrezepte - widmet sich ZDF-History auch mal jüngeren Themen. In der Reihe "Bilder, die Geschichte machten" ging es zuletzt um Willy Brandts Kniefall in Warschau, und der Off-Sprecher schwadronierte im dramatischen Präsens: "25 Jahre nach Kriegsende gibt es immer noch keine diplomatischen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen..."

Moment, dachte ich, 1970? Da war doch noch was, die DDR zum Beispiel oder der Warschauer Vertrag... - aber da war der Beitrag auch schon vorbei: "Nur 41 Prozent der Deutschen", hieß es am Ende noch, "halten damals den Kniefall für richtig, die Mehrheit hält ihn für unangemessen".

Obwohl die einzig wahren Deutschen schon immer gern für die anderen mitsprachen, wird die "DDR" inzwischen nicht mal mehr in läppischen Gänsefüßchen erwähnt. Für ZDF-"Historiker" gibt es auch im Rückblick nur ein Land. Und wenn dort 1970 etwas für richtig oder unangemessen gehalten wurde, sind 100 Prozent "der Deutschen" automatisch die, die man damals befragen konnte. Der Rest wird heute von der SPD beim "flächendeckenden" Mindestlohn ebenso unterschlagen wie seinerzeit deren "Oder-Neiße-Friedensgrenze" zu Polen.

Die funky Seele des Sozialismus

Wahrscheinlich ist das nicht mal böse Absicht, kalter Frieden oder nur Gedankenlosigkeit. Westdeutsche Medien sind es gewohnt, scheinbar komplizierte Dinge zu vereinfachen - und so dem Horizont ihrer Zuschauer anzupassen. Ob bei historischen Vergleichen, weltweit oder innerdeutsch, in der Politik oder zwischen Birnen und Apfelmus: Der Westen ist das Maß aller Dinge, egal wie vermessen das ist.

Berichtet die Tagesschau über die dramatische Bevölkerungsentwicklung, wird als Vergleich ohne Hemmung allein das westdeutsche Jahr 1964 herangezogen, als "in Deutschland" noch 1,4 Millionen Babys zur Welt kamen. Ruft die Sozialkapitalistische Partei Deutschlands (SPD) den "flächendeckenden" Mindestlohn aus, ist der schneller vom Koalitions-Tisch als die dämliche Pkw-Maut. Es gibt – so die einfache Rechnung – im Osten ohnehin kaum SPD-Mitglieder, die dagegen stimmen können.

Dafür gilt– anders als bei normalen Schauspielern aus Hamburg oder Köln - für Kollegen mit DDR-Wurzeln immer noch die Berufsbezeichnung "Ost-Schauspieler". In den meisten Fällen ist das zwar kein Makel - schließlich ist Babelsberg "das neue Hollywood". Aber wieso ist zum Beispiel Manfred Krug nach 76 Jahren, von denen das Telekom-Maskottchen nicht mal 30 in der DDR verbrachte, für den "Kölner Stadtanzeiger" nach wie vor "Die funky Seele des Sozialismus"

Der Sudel-Ede der SPD

Der Westen braucht solche Klischees, um bestimmte Phänomene zu verkraften. Wenn ein Ostberliner Eishockey-Verein viele Fans hat, staunt "Die Zeit" über den "FC Bayern des Ostens". Finden Berliner Schwaben plötzlich Schwalben schick, wird die "Ost-Vespa" daraus. Und Spiegel-Online, eine oft überschätze Nachrichtenseite aus Hamburg, erklärt die Modezeitschrift Sibylle zur "Vogue des Ostens". Die Vergleiche können noch so einfältig sein, Hauptsache - sie kommen von oben herab und der eigenen Ahnungslosigkeit entgegen, ohne daran viel zu ändern. Nur für Regine Hildebrandt, der letzten glaubwürdigen SPD-Politikerin seit Clara Zetkin, fehlten West-Journalisten stets Beispiele, weshalb man sie als "Mutter Courage des Ostens" belächelte. Sie kannten ja nur Mutter Beimer.

Was aber würden "Vogue"-Verleger sagen, wenn man ihr Blatt "Sibylle des Westens" nennt? Oder wäre dieser Umkehrschluss schon eine unzulässige Aufwertung der "Vogue-Models"? Der "stern" wäre dann –zumindest was die regionale Verbreitung betrifft - so etwas wie die "SuperIllu der BRD". Ein Mercedes der Wartburg des Westens; Thilo Sarrazin der Sudel-Ede der Westberliner SPD; der Euro die Ostmark unter den Weltwährungen...

Der Pierre Briece des Ostens

Besonders deutlich wird die Verschiebung der Maßstäbe bei den beiden deutschen Film-Indianern: Gojko Mitić, Häuptling aller Defa-Krieger, muss sich schon seit Jahrzehnten als "DDR-Winnetou" verunglimpfen lassen oder – wie in der westdeutschen Zeitung mit dem anmaßenden Titel "Die Welt" - noch despektierlicher als "Pierre Brice des Ostens". Dabei sah der ostdeutsche Serbe nicht nur besser aus und hatte mehr Muskeln und Rollen als immer nur eine. Er kämpfte auch lieber und quatschte weniger als der westdeutsche Franzosen-Häuptling. Schließlich nahm er ihm 1992 sogar den Job in Bad Segeberg weg, einer der wenigen Fälle, bei denen selbst im wilden Westen mal das Gute siegte.

Bei wichtigen Fragen der Zeit aber gilt weiter zweierlei Maß: Der globale Westen bestimmt, wer Atomwaffen haben darf – und für wen die Reisefreiheit vor Lampedusa endet. Die Frontex-Schergen sind die Mauerschützen des Westens. Der antiafrikanische Schutzwall teilt die Welt, Deutschland nur noch der Mindestlohn - oder habe ich mich schon einmal über die flächendeckenden Lügner von der SPD aufgeregt? Egal. Selbst der sogenannte Hilfsfond für Heimkinder sollte zunächst nur westdeutsche Opfer von Demütigung, Prügel und Zwangsarbeit entschädigen; Kinder aus DDR-Heimen nicht.

Die Begründung war nach Westmaßstäben nur logisch: Wer ohnehin in einer Diktatur geboren wurde, hätte natürlich auch nicht den gleichen Anspruch auf körperliche oder gar seelische Unversehrtheit wie Kinder, die eigentlich - nun ja - in einem Rechtsstaat aufwuchsen. Misshandlung gehörte zum DDR-Alltag, Pech für die Kinder - selbst Schuld. Erst nach Protesten stellte sich heraus, dass im Osten auch nicht anders geschlagen, missbraucht und gelitten wurde als im Odenwald. Nun soll es auch dort Schmerzensgeld werden - vermutlich 70 Prozent, falls die Opfer immer noch im falschen Teil des Landes leben.

Der Prager Frühling in Athen

Das können sie leicht im "Glücksatlas" der Post nachschlagen, in dem jährlich die Zufriedenheit der Deutschen kartographiert wird. Gern kaprizieren sich die Zeitungsmeldungen dazu auf den Abstand zwischen tendenziell eher traurigen Ostdeutschen und dem personifizierten Glück im Westen. Die Lebenszufriedenheit dort gilt dabei selbstverständlich als flächendeckend anzustrebendes Maximum. Noch bezeichnender sind die vorgegebenen Antworten der Studie: "Macht Geld glücklich?", heißt es darin explizit, und die westdeutsche Mehrheit antwortet: "Ja, vor allem wenn man mehr verdient als sein Umfeld."

Glück durch Schadenfreude also, Selbstzufriedenheit durch sozialen Abstand nach unten. Man könnte es auch das flächendenkende Mindest-Scheiß-Glück des Westens nennen. Ein Kasten-System, in dem sich jeder mit dem Mythos tröstet, er könne "sein Glück machen", wenn er nur mehr Geld hätte als sein Nachbar. Ist es ein Wunder, dass anständige Menschen darauf mit Nein antworten? Auf der anderen Seite: Wenn Geld allein nicht glücklich macht, wie es früher hieß, müssten Ostdeutsche mit ihren im Durchschnitt fünfmal kleineren Nettovermögen nicht fünfmal fröhlicher sein als Süddeutsche? Und wieso stagniert das flächendeckende Mindestglück im Westen seit Jahren?

Ist das ein Trend? Sind die galoppierenden Krisen eine Art Perestroika des Westens? Seine Schulden ein falsches Versprechen auf die Zukunft wie der Sozialismus? Prager Frühling in Athen? Solange Glück in Euro gemessen wird, scheinen zwar noch westliche Werte zu gelten. Aber an ähnliche Hoffnungen klammerten sich die Betonköpfe 1989 auch bis zum Schluss. Die Politbüros des Westens wirken ähnlich ratlos, selbst wenn sie sich gegenseitig abhören. Viel Glück jedenfalls!