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Schnauze, Wessi!: Lassalle für alle

Wieso feiert die SPD ausgerechnet in Leipzig? Mitglieder gibt es dort kaum noch, Arbeiter auch nicht. Dafür aber kennen die Einheimischen alle Lieder auswendig. Ein Glückwunsch.

Von Holger Witzel

Gestern der 200. Geburtstag von Wagner, heute 150 Jahre SPD – und die Völkerschlacht droht auch noch im Herbst. Diese Heldenstadt kann ganz schön nerven, wenn man weder ein Herz aus Rheingold noch für Franzosenmassaker hat. Überall in Leipzig muffelt es ein wenig nach nationalem Pathos, auch an der sogenannten "Wiege der deutschen Sozialdemokratie". Aber das täuscht: Wo einmal das Pantheon stand, eine Ausflugskneipe mit Versammlungssaal, ist heute eine Hundekackwiese. Von der SPD geht also auch in dieser Beziehung keine Gefahr mehr aus.

Der Legende nach wurde hier am 23. Mai 1863 der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein (ADAV) gegründet, aus dem sich später eine Gruppierung schälte, die sich vorsichtig "sozialdemokratisch" nannte. In der Mehrheit waren das von Anfang an keine Umstürzler, eher gemütliche Männer mit Bärten und Redebedarf. Und allein der Umstand, dass es ihren Verein nach 150 Jahren immer noch gibt – so der tröstliche Tenor der Festreden – unterscheidet sie offenbar vom Verein der Dienstmädchen oder dem Fachverein der Klempner, die sich ebenfalls im 19. Jahrhundert an diesem historischen Leipziger Ort konstituierten.

DDR-Kinder wissen mehr als Juso-Streber

Dazu kann man nur gratulieren. Wie bei jedem betagten Jubilar verbietet sich sogar die Frage, wozu er knapp 100 Jahre nach dem Frauenwahlrecht noch nütze ist. Dessen Einführung sowie das ohnmächtige Nein zum Ermächtigungsgesetz der Hitler-Regierung 1933 gelten bis heute als größte Heldentaten der Bewegung. Besonnen und immer noch stolz, dass man sich damals wenigstens nicht selbst verboten hat, entwickelte sich die Partei von der Stimme der Arbeiter zur Partei der Arbeitsmarktpolitischen Sprecher. Hin und hergerissen zwischen Kleingarten und dem Kampf um den Acht-Stunden-Tag hat sich die SPD an den Kapitalismus gewöhnt, und der sich an sie. Man duldet und spendet sich gegenseitig Gehör und Geld. Bis zu 20.000 Euro pro Vortrag, wie es heißt. "Reformen statt Revolution", so lobte Bundespräsident Gauck den gesellschaftlichen Burgfrieden heute. Man könnte auch sagen: Lieber weiter Knecht statt Liebknecht. Oder: Lassalle für alle. Dennoch hat auch eine Partei am Ende ihrer Tage Anspruch auf den selbstverliebten Blick zurück, auf Entbehrungen und Verdienste, die im Nachhinein ruhig etwas mehr glänzen dürfen. Wer wüsste das besser als Ostdeutsche?

Obwohl sie Jubelveranstaltungen von Parteien eigentlich noch kennen und alle nötigen Kampflieder draufhaben müssten, hielten sich die Leipziger bei den Feierlichkeiten trotzdem zurück. Wahrscheinlich wissen ehemalige DDR-Kinder allein aus der Schule mehr über die Geschichte der Arbeiterbewegung als jeder Juso-Streber im Westen. Und doch schien es vielen – die mutmaßliche "Reformkommunistin" Angela M. mal ausgenommen – relativ egal, was da in ihrer Stadt gefeiert wurde. Beinahe peinlich. Vermutlich sitzt die SED-Propaganda von den Weichei-Sozialisten im Westen noch zu tief.

Singt Merkel die Internationale mit?

Da sind natürlich diese alten Streitereien, wer wessen Ideale 1914, 1918 oder 2004 verriet und in den 1930er Jahren entschlossener Widerstand leistete oder sich spalten ließ. Dazu die widersprüchlichen Erinnerungen ostdeutscher Zeitzeugen, nach denen man 1946 – aus eben diesen Erfahrungen - die Hand zur SED doch freiwilliger reichte, als das die offizielle westdeutsche Parteigeschichtsschreibung mit dem Begriff "Zwangsvereinigung" suggeriert. Und natürlich Revisionismus, Godesberg, Groener-Pakt – immer das Gleiche: Als gäbe es keine offeneren Fragen zur SPD-Geschichte als deren Opportunismus!

Mich würde zum Beispiel mal interessieren, ob ihre Hand im alten SED-Symbol von rechts oder links in das Parteiabzeichen ragte? Wieso es überhaupt zwei rechte Hände waren und nicht zwei linke, so wie das Experiment ausging? Und natürlich war ich gespannt, ob Angela Merkel auf dem Festakt in Leipzig die Internationale mitsingen oder die Lippen nur innerlich bewegen würde. Auswendig - so viel ist bei aller geistigen Beweglichkeit plus Vergesslichkeit sicherer als ihre einzelnen Funktionen in der Kampfreserve der Partei - kann sie das Lied noch im Schlaf. Aber dann wurde in Leipzig leider gar nicht groß gemeinsam gesungen.

Das eherne Lohngesetz

Schon als Kind habe ich mich gewundert, wieso die prächtigste Straße meines Leipziger Viertels nach Ferdinand Lassalle benannt war und nicht nach einem handfesten Arbeiterführer wie Ernst Thälmann. Aber dabei ging es wohl eher nach Länge. Der Putz bröckelte überall gleich und immerhin wohnten damals auch noch echte Arbeiter in feinen Straßen – heute dagegen trifft man kaum noch Leipziger in der Lassalle-Straße. Vieles kam mir aber auch übertrieben vor, was uns die sozialistische Schule über den sozialdemokratischen Mangel an Internationalität und deren hündisches Verhältnis zu Kaiser, Kapital und Krieg eingebläut hatte - bis ich endlich die ersten westdeutschen SPD-Leute kennen lernte.

Es befremdete mich zwar, wie sie sich alle duzten und als Genossen ansprachen. Dass sie immer noch von der Revolution sangen und ausgerechnet in ihrer Gründungsstadt schon 1993 bundesweit erstmalig ein Modell von Zwangsarbeit für Sozialhilfeempfänger testeten. Aber im Grunde entsprach auch die zehn Jahre später beschlossene Fördern- und Fordern-Politik nur Lassalles "Ehernem Lohngesetz", das sich im Kapitalismus immer auf die "Fristung der Existenz und Fortpflanzung erforderliche Lebensnotdurft" beschränke. Nur wieso beklagt dann der Parteichef in der Agenda 2013 auf einmal, Ostdeutschland dürfe kein Experimentierfeld für Niedriglöhne bleiben?

Schröder und die Plutokraten

Den Wert von Tradition und Kontinuität, mit der nun schon seit 150 Jahren in aller gebotenen Zurückhaltung der Sozialismus angestrebt wird, verstand ich allerdings erst, als die SPD ohne UN-Mandat, aber dafür mit den Grünen sofort nach ihrer Wahl in den Krieg zog. Auf einmal erinnerte ich mich an die Mahnung unserer Geschichtslehrer, dass die SPD im Zweifel selbst mit dem Kaiser Seit an Seit kämpft. Dabei lag es vielleicht auch nur daran, dass es 1999 - wie bei dem sozialdemokratischem Hurra zu den Kriegskrediten 1914 - wieder mal gegen Serbien ging.

Inzwischen ist mir auch klar, dass die SPD-Vorsitzenden Scharping und Schröder legitime Nachfolger Lassalles waren. Schließlich ließ sich der ADAV-Gründer nicht nur von einer unglücklich verheirateten Gräfin aushalten - er soll auch ein ziemlich selbstgefälliger Fatzke gewesen sein, der sein Leben mit gerade mal 39 als "groß, brav, wacker, tapfer und glänzend genug" beschrieb, bevor er es im Pistolenduell mit einem rumänischen Adligen verlor. Und tatsächlich - seit Gerhard Schröder die freundschaftliche Nähe zu russischen Plutokraten sucht, geht es mit der SPD auch international wieder aufwärts, selbst im nahen Osten.

Sie kämpfen noch - gegen "Weckle"

Bei der jüngsten Landtagswahl in ihrem Gründungsland Sachsen hangelte sie sich 2009 auf etwas über zehn Prozent, nachdem sie 2004 mit 9,8 Prozent nur noch knapp vor der NPD lag. Matthias Machnig aus Nordrhein-Westfalen - aber immerhin seit dreieinhalb Jahren Minister in Thüringen - soll nach Medienberichten in Steinbrücks Kompetenzteam Experte für Ostdeutschland werden. Das sind doch hoffnungsvolle Signale für die Völker, nachdem man von der Ost-SPD zuletzt nur noch im Zusammenhang mit dem Willy-Brandt-Flughafen oder Wolfgang Thierses Klassenkampf gegen schwäbische Brötchen im Prenzlauer Berg hörte.

Sie kämpfen noch. Mal für das eine, mal für die anderen – selbst in der Emigration nicht nur fürs eigene Überleben, was auch viel zu selten gewürdigt wird. So sitzt dem Leipziger Stadtverband selbstverständlich ein westdeutscher SPD-Mann vor - wie seinerzeit Lassalle Jurist von Beruf. Ein westdeutscher SPD-Bürgermeister regiert die Stadt, obwohl ihn 84 Prozent der Leipziger gar nicht gewählt haben. Der Generalsekretär in Sachsen kommt aus Baden, sein Brandenburger Kollege aus Peine. Dort koalieren westdeutsche Genossen sogar unbefangen mit Stasispitzeln und haben auch sonst viel Verständnis für das Leben der anderen. Als es wegen des NPD-Verbotes neulich Streit mit einer grünen Abgeordneten gab, die eigentlich aus Hessen stammt, murrten ein paar einheimische CDU-Abgeordnete zu laut. "Nehmen Sie sich zusammen", ermahnte sie der Brandenburger SPD-Mann aus Niedersachsen: "Ich weiß, das fällt ihnen schwer, das hat was mit mangelnder bürgerlicher Erziehung zu tun." Die SPD ist stolz auf ihre.

Das neue Ziel der Gassi-Gänger

Trotz leiser Proteste der SED-Nachfolger, die Lassalles Verein auch als Ahnen reklamieren, haben westdeutsche SPD-Leute gestern auf der Hundekackwiese einen Gedenkstein enthüllt. Limousinen parkten Seit an Seit und Gassi-Gänger haben nun ein neues Ziel. Vielleicht halten aber auch mal ein paar Arbeitslose inne, die auf dem Weg ins Haus gegenüber sind. Es wäre naheliegend, denn dort gibt es gleich noch ein Denkmal für SPD-Geschichte: Das Büro einer großen Zeitarbeitsfirma aus Nürnberg – eine von drei Niederlassungen in Leipzig.