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Schnauze Wessi!: "Arschlochfreie Zone"

Der Fernsehmoderator Dieter Moor hat einen Bestseller über sein neues Leben in Brandenburg geschrieben. Für viele Zugereiste kommt der kleine Integrations-Ratgeber leider zu spät.

Von Holger Witzel

Bisher kannte ich Dieter Moor auch nur aus dem Fernsehen. Mit seinem schiefen Gesicht, den runden Kragenecken und seinen - selbst bei Empfehlungen stets distanzierten - Kommentaren hat er aus "Titel, Thesen, Temperamente" eine Sendung gemacht, zu der man nach der sonntäglichen Schwafelrunde wieder mal ohne Reue ins Westfernsehen schalten kann. Wie das Hobby eines Moderators zum Nebenerwerb ausufert, hätte mich trotzdem nicht weiter interessiert. Auch der zunächst kryptische Titel "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" (Rowohlt Taschenbuch) schreit einen im Regal nicht gerade an. Aber irgendwas muss ein Bestseller ja haben - bei mir war es der Untertitel: "Geschichten aus der arschlochfreien Zone."

Ich wusste sofort, wo das Buch spielt - und tatsächlich: In leichtherzigen Anekdoten beschreibt der Wochenendlandwirt darin seinen Umzug aus der echten Schweiz an den Rand der Märkischen, von einer Art Milka-Heidi-Bauernhof auf die sandige Scholle Brandenburgs, wo inzwischen wieder ganz normale Stasi-Spitzel mitregieren und der Ministerpräsident schon mal die Resozialisierung von SS-Leuten in Westdeutschland bemüht, um das zu rechtfertigen. Eine finstere Gegend jedenfalls.

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Dazu gehört viel Mut oder Frust, vielleicht beides - und damit meine ich nicht nur Platzecks historische Vergleiche, sondern so eine Übersiedelung samt Esel, Enten und Ehefrau. Gewöhnlich führt die Völkerwanderung nach wie vor in die andere Richtung, gern auch von Brandenburg in die Schweiz. Dieter Moor dagegen hat sein neues Zuhause praktisch blind gekauft, nachdem seine Frau Sonja den Hof östlich von Berlin entdeckt hatte. Er selbst, so beschreibt er das zumindest, sieht den kleinen Ort, den er Amerika nennt, beim Umzug das erste Mal. Er muss diese Frau sehr lieben.

Kaum angekommen fallen ihre Enten einheimischen Füchsen zum Opfer, am Wochenende wummern Techno-Bässe über den alten Militärflugplatz hinter dem Grundstück. Moor aber staunt, dass sich niemand über seine bellenden Hunde aufregt: "Sollten wir hier ein freieres Land entdeckt haben, in welchem der gesunde Menschenverstand, das Gespür für Maß und Unmäßigkeit höher geschätzt werden als Reglementierungen?"

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Jedem Westdeutschen müsste man für solche Sätze schamlose Anbiederung vorwerfen. Einem Schweizer dagegen lassen die neuen Nachbarn sogar die rot-weiße Adlerflagge durchgehen, die er auf seinem Hof hisst, wie es Amerikaner gerne, aber Brandenburger eher selten tun. Er kommt ihnen irgendwie neutral vor. Und weil er sich auch sonst bemüht, nicht als Besserwisser oder Wirtschaftsflüchtling aufzutreten, ist Dieter Moor eine Art Lehrbuch für die sanfte Integration von Konquistadoren gelungen.

In seinem Amerika scheint es nur herzliche und zupackende Ureinwohner zu geben. Ihm wird geholfen und er hilft. Sie veralbern ihn und er lacht mit ihnen darüber. Jeden Tag fühlt er sich wohler und stellt fest, dass es nicht nur an den Schnäpsen liegt, die er mit den Einheimischen teilt: "Es ist das Ganze", schreibt er, "die Selbstverständlichkeit … Das Nichts-darstellen-Müssen… Einatmen, ausatmen, der Rest ergibt sich. Wunderbar. Neu."

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Der Titel des Buches, das lernt Moor auch erst vor Ort, ist die kategorische Impertinenz einer alten HO-Verkäuferin: "Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht" steht auf einem Schild in ihrem Dorfladen. Er fragt trotzdem immer wieder nach frischer Milch - und bekommt sie irgendwann. Offenbar trifft er einen Ton, den so viele Zugezogene nicht einmal suchen und deshalb - wie auch die Vorbesitzer seines Hofes - Hals über Kopf zurück nach West-Berlin fliehen. Ein anderer von der Sorte schleicht nachts angeblich mit einer Taschenlampe durchs Dorf, um Gartenzäune zu vermessen, und ist sich nicht zu blöde, die Passagen über den "Raubritter" in späteren Auflagen des Buches gerichtlich entfernen zu lassen. So ganz arschlochfrei ist die Zone also doch nicht mehr. Als ein paar Neonazis beim Feuerwehrfest stänkern, darf der Autor sogar einmal selbst den Rücken gerade machen. Sie bekommen "eins auf die Nuss" angeboten, worauf sie sich schnell wieder trollen. So einfach kann das Leben im Osten sein.

"Die meisten haben einfach zu viel Schiss", erklärt ihm Schwester Alma: "Zogen den Schwanz ein vor den Nazis, dann vor den Russen und jetzt vor den Wessis." Moor hält die Gemeindeschwester mit dem "guten festen Händedruck" wegen ihres Titels zunächst für eine Art Seelsorgerin. Noch tiefer lässt "der kleine Schweizer" in ihm, mit dem er oft nur kokettiert, allerdings blicken, wenn er "die Selbstständigkeit" allein stehender Frauen wie Alma bewundert, aber unbedingt anmerken muss, dies bedeute nicht, "dass sie ihr Herz versteinern ließ und wie eine Nonne lebte".

Am Ende grölt der TTT-Moderator sogar das Lied vom alten Holzmichel "aus vollstem Herzen" mit und schämt sich nicht dafür. Was bei ihm früher "zwanghafte Fluchttriebe" ausgelöste, hat auf einmal "überraschende Kraft." Als würde der Trotz des Ostens seine Wilhelm-Tell-Gene wach kitzeln, schreibt da ein Exil-Schweizer plötzlich in der dritten Person, Plural, und meint nicht mehr nur seine Frau Sonja und sich: "Für die Welt mögen wir nur alte Holzmichels sein, aber wir leben noch. Wir leben!"

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Man kann Familie Moor nur die Daumen drücken, denn nach anfänglicher Zurückhaltung sind sie inzwischen offenbar dabei, den Ort zu einem Öko-Modelldorf umzukrempeln. Von allerlei biodiverser Nachhaltigkeit und Netzwerken ist dabei die Rede, von "Leader-Vorhaben" und einem "Kompetenzzentrum". Nach "Nichts-Darstellen-müssen" klingt das nicht mehr, sondern leider eher nach dem typischen Slang von Subventionsrittern, die einer scheinbar rückständigen Gegend das Heil ihrer Überzeugungen bringen. War die Liebeserklärung an Land und Leute am Ende nur ein trojanisches Pferd? So wie ich die Brandenburger kenne, tun sie sich mit kosmischen Rhythmen bei der Mozzarella-Produktion eher schwer. Fördermittel schön und gut, aber Kuhmist in Kuhhörnern vergraben und ein paar Mondphasen später in homöopathischen Dosen über die Felder sprühen, um einen warmen Regen zu simulieren? Da ist Vorsicht geboten, von beiden Seiten - sonst landet man auch als Schweizer schnell in einem Topf mit denen, für die von Haus aus und zu jeder Mondphase gilt: Schnauze Wessi!