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Silvester: Köln gelingt Spagat zwischen Partyspaß und Sicherheit

"Wir haben gezeigt, wie man in Köln Silvester feiern kann", bilanzierte Oberbürgermeisterin Reker erleichtert am Neujahrstag. Tatsächlich ist das rigorose Sicherheitskonzept der Polizei aufgegangen - trotz Rassismusvorwürfen.

Von Frank Gerstenberg, Köln

"Happy new year" vor dem Kölner Dom

"Happy new year" vor dem Kölner Dom: Massenhafte Übergriffe wie im vergangenen Jahr blieben diesmal aus.

Die Kölner sollten sich "ihre Stadt zurückerobern", forderte Oberbürgermeisterin Henriette Reker (60, parteilos) vor der Silvesterfeier in der Domstadt. Ein Jahr zuvor war sie ihnen aus den Händen geglitten. Tausende junge Männer, die überwiegend aus nordafrikanischen Ländern stammen sollen, hatten beim Jahreswechsel 2015 Angst und Schrecken am Hauptbahnhof und am Dom verbreitet und die Kölner Polizei sowie die Stadt als ohnmächtig und wehrlos vorgeführt. "Dies darf nie mehr vorkommen", gab Polizeipräsident Jürgen Mathies (56), der im Januar den gefeuerten Wolfgang Albers ersetzte, frühzeitig die Marschrichtung vor. "Fröhlich und sicher Silvester feiern in Köln", lautete das gemeinsame Motto von Polizei und Stadt.

Das Konzept ist offenbar aufgegangen. Reker, Mathies und Bundespolizeichef Wolfgang Wurm (57) zogen heute im Spanischen Bau des Rathauses eine positive Bilanz der Silvesternacht – ohne Probleme unter den Teppich zu kehren. "Ich glaube, wir haben gezeigt, wie man in Köln Silvester feiern kann", sagte eine sichtlich erleichterte Oberbürgermeisterin, die wusste, dass in der vergangenen Nacht die Welt auf Köln schaute.

Köln als "sicherste Stadt der Welt"

Und was sie dabei sah, hatte es an Silvester in Köln so noch nie gegeben: 1.700 Landespolizisten waren im Einsatz, über zehn Mal so viel wie im Vorjahr, dazu 800 Bundespolizisten, 350 Ordnungsamtsmitarbeiter und 250 private Sicherheitsleute. Vor der Domtreppe und dem Roncalliplatz standen Absperrgitter, in die Nähe des Doms kam nur, wer sich an einer der 50 Einlassschleusen kontrollieren ließ und seine Böller abgab. Auf der Domplatte durfte kein Feuerwerk gezündet werden. Stattdessen projizierte der Berliner Lichtkünstler Philipp Geist Worte wie "Mut", "Hoffnung", "community", "trotzdem" auf den Domplatz und die umliegenden Gebäude, illuminierte sie in bunten Farben und ließ dazu sphärische Musik aus zwei Riesenboxen auf die Besucher rieseln.

Die Rheinbrücken – in den Jahren zuvor gefährlicher Hort enthemmter Partystimmung – waren gesperrt. 25 lichtstarke Multi-Focus-Kameras lieferten hochauflösende Bilder vom Bahnhofsvorplatz und der Domplatte direkt ins Polizeipräsidium nach Köln-Kalk. "Köln ist heute bestimmt die sicherste Stadt der Welt, deswegen war es für uns kein Problem, hierhin zu kommen", sagte ein junge Besucherin vor dem Domhaupteingang zum stern. Niemand, auch die Polizei nicht, rechnete damit, dass noch einmal eine Horde gewaltbereiter junger Männer einfallen würde.

Monatelang hatten Polizei und Stadt nach den verheerenden Ausschreitungen des vergangenen Jahres mit 1222 Strafanzeigen, darunter allein 513 wegen sexueller Gewalt, an einem Sicherheitskonzept gefeilt, das aus drei Eckpunkten bestand: Frühzeitige Gefahrenerkennung, frühzeitiges und konsequentes Handeln und eine niedrige Eintrittsschwelle. Aus dem Polizeijargon übersetzt beschrieb es Polizeipräsident Mathies im Kern so: "Wer friedlich in Köln Silvester feiern möchte, ist herzlich willkommen. Wer Straftaten begehen möchte, wird es schwer haben."

Oberbürgermeisterin: "fast besinnliche Stimmung"

Wie dies im Einzeln aussah, konnte spätestens ab 22 Uhr im Kölner Hauptbahnhof besichtigt werden. Bis dahin herrschte rund um den Bahnhof und den Dom eine "friedlich, zurückhaltende, fast besinnliche Stimmung", wie es Oberbürgermeisterin Henriette Reker am Neujahrstag in der Pressekonferenz im Spanischen Bau des Rathauses beschrieb.

Sie selbst stand um 17 Uhr mit dem Chor "Grenzenlos" des Höhner-Frontmannes Henning Krautmacher auf der Domtreppe und sang gemeinsam mit einem Kölner Jugendchor und anderen Jugendlichen sowie Flüchtlingen im Alter von 14-25 Jahren Lieder über Freundschaft und Zusammenhalt. Wunderschön", fand Sandra Laribi aus Tübingen das, die mit ihrem tunesischen Mann Maher und den beiden gemeinsamen Kindern nach Köln gekommen war, um, wie sie sagte, "ein Zeichen zu setzen gegen Terror und Gewalt". Der Chor sei "ein gelungener Einstieg in die Nacht gewesen", sagte Oberbürgermeisterin Reker im Gespräch mit dem stern.

Sandra und Maher Laribi waren extra aus Tübingen nach Köln gekommen

"Ein Zeichen setzen gegen Terror und Gewalt": Sandra und Maher Laribi waren extra zu Silvester aus Tübingen nach Köln gekommen.


Gegen 21.30 Uhr kippt die Stimmung

Im Verlaufe der nächsten Stunden glich die Silvesterfeier auf der böllerfreien Domplatte und dem Roncalliplatz eher einem Museumsbesuch. Kunst am Brunnen, Kunst an den Fassaden, Wörter auf der Domplatte, die zum Nachdenken anregten, leise, sphärische Musik. Einzig eine sechs-köpfige Gruppe Rechtsradikaler musste die Polizei am frühen Abend vom Platz stellen.

Gegen 21.30 Uhr kippte die Stimmung jedoch von der einen auf die andere Minute. Im Hauptbahnhof liefen und standen plötzlich zu Hunderten junge Männer. Sie hatten sich gemeinsam aus ganz Nordrhein-Westfalen und anderen Regionen nach Köln aufgemacht, um "hier Silvester zu feiern", sagte Bundespolizeichef Wolfgang Wurm. 2000 sollen es nach den Berechnungen gewesen sein, die Landespolizei spricht von 1.300. Die Herkunft ist jedoch eindeutig: "99 Prozent", so Polizeipräsident Mathies, "stammen aus den nordafrikanischen Maghreb-Staaten".

Teilweise waren ihnen die Bundespolizisten aus Münster gefolgt, aber auch aus Dortmund, Oberhausen oder Duisburg. Mit ihren Smartphones hatten sie sich in den sozialen Netzwerken verabredet, "um 22 Uhr in Köln zu sein", so Bundespolizeichef Wurm zum stern – unangeachtet des massiven Polizeiaufgebots und der großen Öffentlichkeit. "Das war schon überraschend", sagte Wurm. 300 von ihnen holt die Bundespolizei um kurz vor 22 Uhr in Köln-Deutz aus dem Zug und geleitet sie zu Fuß in die Innenstadt.

Einsatzkräfte kesseln etwa 80 Männer ein

Derweil kommt es im Bahnhof zu Festnahmen und Platzverweisen. Der stern wird Zeuge, wie drei Polizisten einen Besucher massiv an die Wand drücken und ihn schließlich unter lautem Protest in die Bahnhofswache abführen. Junge Männer, die untätig im Bahnhof "herumlungern" wie es die Polizei ausdrückt, werden angesprochen, müssen ihre Ausweise zeigen. Wer keinen dabei hat, wird im Mannschaftswagen überprüft. Vor dem Bahnhof kesselt die Polizei etwa 80 Männer ein, keine Frauen darunter, die meisten "Nafris", wie die Polizei die Nordafrikaner intern nennt, einige Syrer, Afghanen und Schwarzafrikaner.

Die Bilanz nach der Silvesternacht: 180 Platzverweise durch die Landespolizei und 950 durch die Bundespolizei, 27 Festnahmen, zehn Straftaten mit sexuellem Hintergrund, 92 Verdächtige in "Gewahrsam", 650 überprüfte Identitäten, 114 Strafanzeigen bei der Landes-, 50 bei der Bundespolizei.

Polizei wehrt sich gegen Rassismusvorwürfe

Wenige Stunden später wird die Polizei mit Rassismusvorwürfen konfrontiert. Die jungen Männer seien allein wegen ihres Aussehens und ihrer Herkunft überprüft worden. Die Anschuldigungen weist Polizeipräsident Jürgen Mathies auf der Pressekonferenz "entschieden" zurück: "Es handelte sich um das gleiche Klientel wie an Silvester 2015. Wir stellten die gleiche aggressive Grundstimmung wie vor einem Jahr fest."

Mathies verwies auf den Wiesbadener Rechtspsychologen Rudolf Egg. Der hatte in seinem Gutachten für den NRW-Untersuchungsausschuss gesagt, dass die Ausschreitungen vor einem Jahr vermeidbar gewesen und nur dadurch ausgebrochen seien, dass die Polizei keine Grenzen gesetzt habe. "Diese Grenzen haben wir diesmal gesetzt." Es habe hinreichend Verdachtsmomente gegeben. "Ein Großteil der Personen hatte die Qualität, die ähnliche Straftaten wie 2015 befürchten ließen. Dies wollten wir unter allen Umständen vermeiden und haben deswegen konsequent gehandelt", so der Polizeipräsident. Möglicherweise seien einige der 2000 überwiegend nordafrikanischen Männer bereits 2015 in Köln gewesen. "Die Ermittlungsakten von damals haben wir nicht weggeschmissen", so Mathies gegenüber dem stern.

"Wer Stress macht, dem machen wir Stress"

Nordafrikaner hätten in den vergangenen Jahren in Köln zahlreiche Straftaten begangen, dazu gehörten vor allem Taschendiebstähle und Drogendelikte. Bei 19 Razzien in 2016 gehörten sie zum Haupttäterkreis. Dennoch betonte Mathies, dass niemand unter Generalverdacht stehe: "Es geht nicht um die ethnische Ausrichtung, sondern um das Verhalten." Polizeipressesprecher Wolfgang Baldes stellte klar: "Wer Stress macht, dem machen wir Stress. Das können auch 20 besoffene Schweden sein."

Das Konzept des konsequenten Handelns sei aufgegangen, der Spagat aus "fröhlichem Feiern ermöglichen und Sicherheit garantieren" sei gelungen, waren sich Reker, Mathies und Wurm einig. "Ein Zurück zur Tagesordnung wird es nach 2015 nicht mehr geben", so Bundespolizeichef Wurm.