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Sonderparteitag: Nervöse Sozialdemokraten

Ein gewaltiger Kraftakt wird notwendig sein, um die "Parallelwelten" in der Partei wieder zusammenzuführen. So herrscht in der SPD-Zentrale vor dem Sonderparteitag Nervosität; alle Hoffnungen ruhen auf dem designierten Parteichef Franz Müntefering.

In der SPD-Zentrale herrscht vor dem Wahlparteitag am Sonntag unverkennbar Nervosität. Angesichts der schwierigen Lage der Sozialdemokraten geht man lieber auf Nummer Sicher. Auf der offiziellen SPD-Einladung für die Präsidiumssitzung am Montag wird immer noch der "designierte Parteivorsitzende Franz Müntefering" angekündigt, der die Sitzung leiten wird. Bis dahin soll der neue Parteichef aber längst zum Nachfolger von Gerhard Schröder gekürt sein. Und dass "Münte" am Sonntag in Berlin mit einem demonstrativ guten Ergebnis gewählt wird, daran bestehen kaum Zweifel.

Die Wahl eines neuen Vorsitzenden gehört bei den Sozialdemokraten inzwischen zur Routine. Der Austausch an der SPD-Spitze vollzog sich in den vergangenen 15 Jahren in kürzeren Takten als auf den Trainer- Bänken vieler Bundesligaclubs. Seit Willy Brandts Rücktritt 1987 vom Parteivorsitz nach mehr als 20 Jahren war keinem Nachfolger eine epochale Rolle beschieden. Alle sechs Erben des SPD-Übervaters blieben in punkto Amtsdauer eher Episode.

"68er Kohorte" am Ende

Nach dem Zwischenspiel mit Hans-Jochen Vogel von 1987 bis 1991 schaffte es die gesamte Enkel-Elite nicht, für mehr Kontinuität zu sorgen. Mit Schröders Abgang "von der Zinne der Partei" ist die einst aufstrebende "68er Kohorte" nun am Ende angekommen. Björn Engholm, Rudolf Scharping, Oskar Lafontaine und Gerhard Schröder brachten es zusammen gerade einmal auf die Hälfte von Brandts SPD-Führungsjahren.

Mit fünf Jahren an der SPD-Spitze kann Schröder immerhin für sich Anspruch nehmen, in der Nach-Brandt-Ära den Vorsitz am längsten verteidigt zu haben. Er ist auch jetzt schon nach Helmut Schmidt der am längsten amtierende SPD-Kanzler seit 1918. Doch ob er Schmidts Rekord von sieben Jahren und vier Monaten kurz vor der nächsten Bundestagswahl 2006 noch überflügeln kann, scheint derzeit recht ungewiss.

Viel wird davon abhängen, ob es Müntefering gelingt, der verzagten SPD wieder Zuversicht in die eigene Kraft sowie Stabilität und Orientierung einzuhauchen. Weitgehend unbestritten ist in der Partei, dass der 64-Jährige der derzeit einzige Hoffnungsträger ist, dem zugetraut wird, die SPD aus ihrer Dauermisere herauszuführen. Ob das unter seiner Regie zu schaffen ist, steht auf einem anderen Blatt.

Auseinander driftende "Parallelwelten"

Notwendig ist ein gewaltiger Kraftakt, um die auseinander driftenden "Parallelwelten" in der Sozialdemokratie wieder zusammenzuführen: auf der einen Seite die älteren, auf die Gewerkschaften fixierten Mitglieder und Traditionswähler, die die Wiederkehr der Gewissheiten von gestern reklamieren. Auf der anderen Seite die Generation der unter 40-Jährigen der "neuen SPD", die offen für Reformen und auch für Brüche mit bisherigen SPD-Tabus ist.

Trotz aller gegenseitigen Loyalitätsschwüre ist noch keineswegs ausgemacht, wie sich die neue Rollenverteilung zwischen Kanzler und SPD-Chef in der Praxis bewährt. Kommt die Partei nicht aus ihrem Tief heraus, dürfte die Schuld in den eigenen Reihen vor allem beim Regierungschef abgeladen werden. Wohl ziemlich klar ist Schröder, dass in den kommenden Monaten vor allem vor ihm die eigentliche Bewährungsprobe liegt.

Setzt sich der Niedergang in den Umfragen und im öffentlichen Ansehen fort, dürfte spätestens im Sommer der Ruf nach einem personellen Neuanfang auch an der Regierungsspitze laut werden wird. Nur so könnte man sich wohl für 2006 eine letzte Chance ausrechnen.

Eine Art "Abschied auf Raten"

Die Delegierten dürften deshalb am Sonntag aufmerksam zuhören, ob der Kanzler es schafft, mit der nötigen Autorität noch einmal für Aufbruchstimmung zu sorgen. Ansonsten wäre für viele wohl der Verzicht Schröders auf den Parteivorsitz letztlich nur eine Art "Abschied auf Raten" von der Kanzlerschaft.

Joachim Schucht / DPA