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Sozialerhebung des Studentenwerks: Studium - nicht ohne meine Eltern

Studenten haben immer mehr Geld zur Verfügung und müssen weniger lernen. Doch an deutschen Unis herrscht keine Chancengleichheit - und bis zur nächsten Bafög-Erhöhung dauert es noch eine Weile.

Von Daniel Regnery

Das Klischee vom süßen Studentenleben, es entspricht längst nicht mehr der Wahrheit. Schon seit vielen Jahren arbeiten Studenten deutlich über 40 Stunden in der Woche – und damit mehr als der durchschnittliche Deutsche im Vollzeitjob. Viel Arbeit, dafür umso weniger Geld: Mehr als ein paar hundert Euro bleiben den Studenten meist nicht.

Doch die Lage scheint sich etwas zu entspannen. 2012 ging die Belastung erstmals wieder etwas zurück, im Mittel investierten Studenten wöchentlich eine Stunde weniger für Studium und Nebenjob als noch 2009 – nämlich 42 statt 43. Das Einkommen stieg dafür sogar leicht: Monatlich konnten Studenten 864 Euro ausgeben, 52 Euro mehr als 2009.

Sozialbericht: ein realistisches Gemälde

So steht's im 20. Sozialbericht, der am Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde. Initiiert vom Deutschem Studentenwerk (DSW), gefördert vom Bundesbildungsministerium (BMBF), und durchgeführt vom HIS-Institut für Hochschulforschung (HIS-HF), hatten im Sommersemester 2012 etwa 15.000 Studenten von 227 Hochschulen an der Befragung teilgenommen.

Herausgekommen ist ein durchaus realistisches Gemälde einer jungen Generation: Der mehr als 600 Seiten lange Bericht befasst sich nicht nur mit der wöchentlichen Arbeitszeit von Studenten. Erhoben wurde fast alles, was geht: Was angehende Akademiker studieren, wie alt sie sind, woher sie kommen, wie sie ihr Leben finanzieren und wie sie wohnen. Dabei bezieht sich der Großteil der Daten auf den Normalstudenten: Er ist nicht verheiratet, wohnt nicht bei den Eltern und befindet sich im Erststudium – das trifft in Deutschland auf etwa 1,5 Millionen der 2,5 Millionen Studenten zu.

Soziale Herkunft entscheidet

Vor allem ein Ergebnis gibt dabei immer noch zu denken: Die soziale Herkunft bleibt weiterhin ein entscheidender Faktor dafür, ob jemand überhaupt an die Hochschule geht oder nicht. Während 77 Prozent aller Kinder von Akademikern studieren, gehen nur 23 Prozent der Arbeiterkinder an die Uni. "Dagegen hat die deutsche Bildungspolitik bislang kein Konzept", kritisierte DSW-Präsident Dieter Timmermann, der auch die Infrastruktur in vielen Universitätsstädten als "unzureichend" bezeichnete. Während die Forschung und die Lehre häufig exzellent seien, mangele es an Wohnungen und Mensen. "Die Balance sehe ich im Moment nicht", sagte Timmermann. Auch Thomas Rachel, der parlamentarische Staatssekretär des BMBF, der den Bericht deutlich positiver bewertete als sein Kollege vom DSW, forderte die Länder auf, "Wohnraum für Studierende stärker als bisher zu fördern."

Warten auf die Bafög-Reform

DSW, BMBF und HSI-HF führen die Studie bereits seit 1951 durch. Sie gilt aufgrund der hohen Teilnehmerzahl als repräsentativ und ist damit eine wichtige Entscheidungshilfe für Politik, Hochschulen und Studentenwerke. "Das Deutsche Studentenwerk nutzt die Daten der Sozialerhebung, um gegenüber Politik und Öffentlichkeit für die sozialen Interessen der Studierenden einzutreten", erklärte Timmermann, der sich vor allem eines erhofft: Das Bund und Länder die studentische Ausbildungsförderung, das so genannte Bafög, weiter erhöhen – das wurde bereits seit zwei Jahren nicht mehr getan. Die 864 Euro, die ein Student durchschnittlich zur Verfügung hat, seien bei weitem noch nicht ausreichend.

"Wir hätten uns eine Erhöhung noch in dieser Legislaturperiode sehr gewünscht", erklärte der DSW-Präsident, der damit auf die stockenden Verhandlungen zwischen Bund und Länder, die die monatlichen Zuschüsse finanzieren, anspielte. Schon seit Januar 2012 verlangt der von der Bundesregierung eingesetzte Bafög-Beirat, die Fördersätze um fünf Prozent anzuheben, die Elternfreibeträge gar um sechs. Eine Reform wurde bislang lediglich angekündigt. Eine Entscheidung fällt erst nach der Bundestagswahl.

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Daniel Regnery