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SPD: Halbherzige Hilfe für die Generation Praktikum

Wie erreicht man sie nur, die Jungwähler? 'Indem man für Praktikanten kämpft', dachte sich Arbeitsminister Olaf Scholz. Dabei heraus gekommen sind einige lauwarme Vorschläge, die kaum wirklich helfen. Schon gar nicht seinen eigenen Praktikanten: Die bekommen auch weiterhin kein Geld.

Von Sebastian Christ

Es gibt Ungerechtigkeit, und er hat sie erkannt. Arbeitsminister Olaf Scholz gefällt sich in der Rolle als Vorkämpfer gegen Praktikumsausbeutung. Am Mittwoch hat sein Ministerium dazu eine Konferenz veranstaltet, "Praktika stärken - Missbrauch verhindern". Prägnanter Titel. Olaf Scholz tritt kurz nach der Mittagspause ans Podium: "Das Empfinden der jungen Leute ist: Da gibt es ein Problem", sagt er. Und meint unbezahlte Praktika. "Dass man was lernt, macht ja Sinn, aber es macht keinen Sinn, ausgebeutet zu werden".

In seinem Ministerium sieht man die Sache freilich etwas weniger eng. Obwohl das Arbeits- und Sozialministerium schon mehrmals für seine Zahlungsmoral in Praktikumsfragen angeprangert wurde, hat sich bisher nichts geändert. Praktikanten erhalten kein reguläres Honorar. Sie dürfen nach Angaben des Ministeriums zwar in der Kantine umsonst essen, und auch für Heimfahrten bekommen sie Zuschüsse - doch keinen Cent zusätzliche Arbeitsvergütung. Grundsätzlich arbeiten für Scholz nur Praktikanten, die sich noch im Studium befinden - deren finanzielle Reserven also in Regel eng bemessen sind. Ein Sprecher des Ministeriums bemerkte gegenüber stern.de, dass die Praktika mit dieser Form der Entgeltung bereits überdurchschnittlich bezahlt seien. Das Schlimme ist: Er hat damit wohl Recht. Die meisten Ministerien und Abgeordnetenbüros zahlen ihren Praktikanten nichts. Gerade vor diesem Hintergrund bleibt ein fader Beigeschmack, wenn man einen genaueren Blick auf das Papier wirft, das von der SPD-Bundestagsfraktion zu diesem Thema Ende April publiziert wurde.

Kein "Mindestlohn" für Praktikanten

Statt konkreter rechtlicher Neuregelungen, wie zum Beispiel die Festsetzung eines "Praktikanten-Mindestlohns" oder die Begrenzung der Praktikumsdauer ist dort nur von "gesetzlichen Klarstellungen und Regelungsvorschlägen" die Rede. Das Praktikum solle rechtlich schärfer als solches definiert werden, Vergütungsansprüche bei faktischer Ausführung von Festangestelltenarbeit einklagbar sein. Außerdem solle in das Bürgerliche Gesetzbuch ein Hinweis aufgenommen werden, aus dem folgt, dass ein Praktikum "vergütet werden muss". Ob diese Forderung nun eine kostenlose Nahverkehrskarte oder ein hohes dreistelliges Monatssalär beinhaltet, bleibt offen.

Ohnehin bleibt die SPD trotz einiger Anstrengungen im Bereich "Praktika" bisher seltsam zahnlos. Während sie in Landtagswahlkämpfen laut für einen allgemeinen Mindestlohn von 7,50 Euro trommelt, konnte sie sich im Bundestag bisher nicht dazu durchringen, eine vorsichtig formulierte Petition des DGB für Praktikanten zu unterstützen. Der Gewerkschaftsbund forderte bereits im Herbst 2006 eine Mindestvergütung von Praktikanten in Höhe von 300 Euro. Stattdessen versuchen die Sozialdemokraten, dem Phänomen "Kettenpraktika" von fertig studierten Akademikern Herr zu werden. Ein plakativer Ansatz, um die "Generation Praktikum" politisch zu umwerben. Es fehlt allein die Substanz.

Mehr als 50 Prozent arbeiten ohne Lohn

Laut einer Studie des Hochschulinformationssystems absolvieren insgesamt 15 Prozent aller Uni- und 12 Prozent aller FH-Absolventen nach ihrem Studium ein Praktikum. Praktikanten mit Uni-Abschluss seien "kein Massenphänomen", schreiben die Autoren. Und die meisten von ihnen sind mit dem Verlauf ihres Praktikums zufrieden.

Viel schwerer wiegt, dass die Mehrzahl der etwa 400.000 Praktikanten in Deutschland unentgeltlich arbeitet. Laut eines am Mittwoch vorgestellten Forschungsberichts des Internationalen Instituts für Empirische Sozialökonomie werden 53 Prozent der Pflichtpraktika und 51 Prozent der freiwilligen Praktika nicht vergütet. Diese Zahlen stehen im krassen Widerspruch zu den Wünschen, die junge Menschen an ihren Arbeitsplatz stellen: Demnach legen 92 Prozent der 18- bis 34-jährigen großen Wert auf ein festes und regelmäßiges Einkommen - Platz eins in der Prioritätenliste, noch vor dem Wunsch, "Spaß" im Job haben zu können.

DGB-Jugendsekretär René Rudolf begrüßt, dass sich die SPD des Themas angenommen hat. "Das ist für uns ein Zwischenerfolg". Das Arbeitsministerium orientiere sich an der bestehenden Rechtslage. "Wir würden gerne noch einen Schritt weiter gehen, gerade, was die zeitliche Befristung angeht". Rudolf sagte, dass der DGB auch weiterhin eine Mindesthonorierung von 300 Euro monatlich fordere. Die Praktikumshöchstdauer variiert je nach Modell: Der DGB setzt drei Monate für Graduierte an, Verdi fordert im Medienbereich sechs Monate für Schüler und Studenten.

Derart konkrete Vorstellungen waren von Seiten der Sozialdemokraten bisher nicht zu hören. Nur das Übliche: "Anstrengung muss sich lohnen", sagte Olaf Scholz auf der Praktikums-Konferenz. Ganz ironiefrei fuhr er fort: "Unbezahlte Praktika sind eine schlechte Botschaft für die, die sich Mühe geben."