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Sundern im Sauerland: Nach Jahrzehnten stellt die SPD hier den Bürgermeister - doch dann zerlegt sie sich selbst

In Sundern stellt die SPD erstmals seit Jahrzehnten den Bürgermeister. Und zerlegt sich nach Berliner Art.

Von Ludwig Greven

Die SPD in Sundern zerlegt sich, nachdem sie den Bürgermeister stellt

Blick auf die Stadt Sundern im katholischen Südwestfalen. Die CDU galt hier als natürliche Mehrheitspartei. Links: SPD-Stadtchef Serhat Sarikaya.

Nach Sundern im Sauerland kommen die Sommergäste der Natur und Ruhe wegen. Aber jetzt zu Saisonbeginn ist noch nicht viel los. Ein älteres Ehepaar, das an der Seepromenade Maikäfer sammelt – "Die waren früher auch größer", seufzt die Frau –, schwärmt vom Hotel: "Das hat einen gläsernen Swimmingpool. Da kann man direkt auf den See schauen. Aber sonst herrscht hier tote Hose."

Die größte Sensation ist, dass der eigentlich schwer katholische und rabenschwarze 30.000-Einwohner-Ort im südlichen Westfalen seit vier Jahren einen Sozialdemokraten als Bürgermeister hat. "Zum ersten Mal seit Christi Geburt", wie der vormalige SPD-Vorsitzende und Vizekanzler Franz Müntefering, der größte lebende Sohn der Stadt, nach der Wahl frohlockt haben soll. Der heute 79-Jährige hatte damit nur ein klein wenig übertrieben. Seit dem Krieg stellte in dieser ländlichen Gegend, in der Sozialdemokraten lange als "protestantische Flüchtlinge" galten, stets die CDU die Bürgermeister.

Nach 40 Jahren aus SPD ausgetreten

Der Wechsel im Rathaus, einem schmucklosen Zweckbau aus den 70er Jahren, ändert aber nichts daran, dass Politik im Sauerland funktioniert wie überall. Intrige und Eitelkeit mischen sich mit echten Anliegen und dem Wunsch, die Welt besser und gerechter zu machen – ob am Sorpesee oder an der Spree.

Es war der umtriebige Serhat Sarikaya, ein 28-jähriger Deutschkurde, dessen Eltern in den 80er Jahren aus der Türkei kamen, der die Sozialdemokraten in Sundern aus der Opposition führte. Der angehende Jurist ist seit 2014 Vorsitzender des SPD-Stadtverbands. Sarikaya, der so sauerländisch knappe Sätze redet wie Müntefering, ist in der Stadt bekannt wie ein bunter Hund. Ständig sprechen ihn Leute auf der Straße an, "obwohl ich", wie er selbst lästert, "gleich drei Todsünden vereine: Ich bin nicht katholisch, in der falschen Partei und Kanake."

SPD-Stadtchef Serhat Sarikaya (l.) mit Bürgermeister Ralph Brodel

SPD-Stadtchef Serhat Sarikaya (l.) mit Bürgermeister Ralph Brodel

Da er sich – anders als die Mehrzahl der meist älteren Genossen – nicht damit abfinden mochte, dass seine Partei immer nur zuguckte, wie die CDU die Wahlen gewinnt, kam er auf eine verrückte Idee: "Ich habe alle anderen Parteien gefragt, ob sie nicht mit uns zusammen einen Kandidaten aufstellen wollten, um die CDU endlich mal abzulösen", erzählt er in einem Café an der sehr ruhigen Hauptstraße. Er sprach mit der FDP, den Grünen, dem Ratsherren der Linkspartei, der wegen Schröders Hartz-Reformen nach 40 Jahren aus der SPD ausgetreten ist, und einer aus Bürgerinitiativen entstandenen Wählergemeinschaft, die kurz zuvor mit zwölf Prozent erstmals ins Gemeindeparlament eingezogen war. Nach einigem Ringen – besonders die FDP tat sich anfangs schwer – machten alle Parteien mit.

Breites Bündnis gegen die CDU

Am stärksten waren die Bedenken dabei in Sarikayas eigener Partei. "Manche empfanden das als Verrat", berichtet er. "Die kannten nichts anderes als Niederlagen. Eine Wahl zu gewinnen, konnten die sich gar nicht vorstellen." Damit keine der Oppositionsparteien die anderen dominierte, verständigte man sich, den gemeinsamen Kandidaten per bundesweiter Ausschreibung zu suchen – ohne Festlegung, welcher Partei er oder sie angehören sollte. 30 Bewerber meldeten sich. Am Ende einigte sich die Auswahlrunde auf einen in Stuttgart aufgewachsenen früheren Versicherungskaufmann, Ex-Sozialarbeiter, TV-Journalisten und PR-Mann, der auch mal Präsident eines linken Motorradklubs war. Und SPD-Mitglied ist. Zufällig, wie alle Beteiligten betonen. Aber doch zur Freude der Genossen.

Das Unvorstellbare geschah: Der Kandidat des bundesweit wohl einmaligen, äußerst bunten Bündnisses wurde von den Bürgern gewählt, mit fast 60 Prozent. Begünstigt allerdings auch dadurch, dass die CDU in einem Sumpf undurchsichtiger Finanzgeschäfte von Tochterfirmen der städtischen Marketinggesellschaft versunken war.

"Die Euphorie nach der Wahl war groß", berichten mehrere der damaligen Bündnispartner. Und so beschlossen sie, mit ihrer Mehrheit im Rat nun auch zusammen Politik zu machen. Bald fingen die Probleme an. Denn die Altgenossen, die die Ratsfraktion beherrschen, dachten nicht daran, das Heft aus der Hand zu geben, obwohl die SPD nur 9 der 40 Ratsmitglieder stellt. Besonders ihr Vorsitzender Michael Stechele, den Müntefering als Nachbar vor 40 Jahren in die SPD geholt hatte, legt sich offenbar bis heute immer wieder quer. Als der Fraktionschef der verbündeten "Bürger für Sundern" (BfS) beispielsweise ein Konzept für eine gerechtere Staffelung der Kindergartenbeiträge vorlegte, mit einem höheren Grundfreibetrag für die Eltern – ein ursozialdemokratisches Anliegen –, lehnte Stechele ab. "Weil auch die CDU dafür war", empört sich sein BfS-Kollege Werner Kaufmann. Stechele bestreitet dies.

Vor Brodels Büro hängt ein Bild Franz Münteferings

Vor Brodels Büro hängt ein Bild Franz Münteferings

Auch der neue Bürgermeister Ralph Brodel, der gern unkonventionell auftritt mit bunt karierten Sakkos zu ebenso schrillen Hemden und Krawatten, dicken Ringen, Lederarmband und Glatze, begann schnell, sein eigenes Ding zu machen. In seinem kargen Büro schwärmt er von seiner Zeit als Chef des Motorradklubs "Kuhle Wampe", als sie mit Tausenden Bikern am Festival gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf beteiligt waren. Seit der Geburt seiner Tochter fahre er jedoch nur noch dicke Autos, "meine neue Leidenschaft". Aktuell einen VW-Phaeton. Im Gespräch hebt er mehrfach hervor, dass er die Wahl gewonnen habe. Nicht das von Sarikaya gezimmerte Bündnis. "Ich habe an drei von vier Haustüren geklingelt und die Leute persönlich überzeugt." Er habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass er in der SPD sei. Aber nun müsse er mit allen Parteien reden. "Einem kaputten städtischen Rohr ist es egal, in welcher Farbe es gestrichen wird."

Am liebsten redet er allerdings offenkundig mit sich und seinem Verbündeten Stechele. Nicht mit seinem Parteichef Sarikaya und auch nicht mit anderen Vertretern des längst zerfallenen Bündnisses, das ihn ins Amt gebracht hat. Dabei wäre er auf sie angewiesen, um Vorhaben durch den Rat zu bringen. Stattdessen ist er gezwungen, nun von Fall zu Fall mit der CDU zu kungeln, die nach wie vor die stärkste Fraktion stellt. Da die Stadt unter Haushaltskontrolle durch die Kommunalaufsicht steht, hat er aber ohnehin wenig Spielraum.

"Putschversuch"

Als großes Problem stellte sich heraus, dass Brodel über keinerlei Verwaltungserfahrung verfügte. Mit dem langjährigen Beigeordneten, ebenfalls Genosse, brüllte er sich schon mal lautstark an – bis der entnervt sein Amt aufgab. "Wir haben danebengegriffen", räumen mehrere aus dem Auswahlausschuss heute zerknirscht ein. Der Vorsitzende eines SPD-Ortsvereins klagt: "Die CDU hat für ihren Filz 50 Jahre gebraucht. Wir haben das in Rekordzeit geschafft."

Statt aber die selbst geschaffenen Schwierigkeiten auszuräumen, beschäftigt sich die örtliche SPD mit sich selbst. Verschiedene Lager kämpfen gegeneinander, ohne dass zu erkennen wäre, wofür sie eigentlich stehen, außer für sich. Alt gegen Jung, rechts gegen links, jeder gegen jeden. Dem Abgrund entgegen. So warfen die beiden Stellvertreter von Sarikaya ihm eigenmächtiges, autoritäres Gebaren vor und traten zurück – um ihn selbst zum Rücktritt zu zwingen. Der Kassenwart beschuldigte ihn, zu viel Geld für den Wahlkampf und Freizeiten für Kinder aus armen Familien ausgegeben zu haben, und legte sein Amt ebenfalls nieder. "Ich kann seine Fresse nicht mehr sehen. Nicht mal in einem Kaninchenzüchterverein würde ich mit ihm zusammenarbeiten", soll er vor der versammelten Vorstandsrunde gesagt haben.

Der Angegriffene hingegen verweist darauf, der Bürgermeisterwahlkampf sei "mit Abstand der billigste und erfolgreichste aller Zeiten" gewesen. "Wir hätten natürlich noch mehr erreichen können, wenn wir uns alle mehr angestrengt hätten", beschied er den gegnerischen Genossen. Zu den Kinderfreizeiten sagte er: "Ich dachte, die SPD wäre für die sozial Schwachen da." Eine Kassenprüfung ergab keine Unregelmäßigkeiten.

Sarikayas unter Protest zurückgetretenem Vize hat der Landesvorstand inzwischen das Recht entzogen, in dem von ihm geleiteten Ortsverein die Kasse zu führen, weil er seit Amtsantritt noch keinen Rechenschaftsbericht vorgelegt hat. Zwei Mitglieder, unter ihnen eine frühere Vorsitzende des Stadtverbands, wurden vom Landesvorstand sogar ausgeschlossen, weil er ihre Beiträge nicht abgeführt hatte.

Das hinderte ihn und seine Unterstützer nicht daran, auf einer Versammlung des Stadtverbands Ende Januar die vorzeitige Abwahl des Parteichefs zu beantragen. Die ist allerdings nach der Parteiordnung und dem Parteiengesetz gar nicht zulässig, wie Sarikaya durch einen Anruf bei der Justiziarin der Bundespartei herausfand. Daraufhin legte man ihm und dem restlichen Vorstand unter großem Applaus der meist älteren Anwesenden nahe, von sich aus abzutreten, um den Weg für eine Neubesetzung frei zu machen. Ablösen sollte ihn ein zweieinhalbmal so alter Genosse – ein Generationswechsel rückwärts. Sarikaya jedoch beharrt darauf, dass er bis Ende des Jahres gewählt sei. Er spricht von einem "Putschversuch" und will trotz der Anfeindungen im Amt bleiben. Zumindest bis der Kassenbericht für 2019 fertig ist. "Damit die mir nicht wieder ans Zeug flicken."

Auf den Zoff folgte der Absturz

Die Quittung für die erbitterten internen Kämpfe folgte prompt. Bei der Europawahl stürzte die SPD in Sundern ab. Während sie im gesamten Hochsauerlandkreis knapp vor den Grünen landete, liegt sie in der Stadt mit 16 Prozent jetzt nur noch auf Platz drei – ein gutes Jahr vor der nächsten Bürgermeister- und Kommunalwahl. Von 37 Jusos zu Sarikayas Zeit als ihr Chef haben die meisten die Partei enttäuscht verlassen. Der bisherige Juso-Chef Niklas Latusek, der auch Bildungsobmann im Vorstand des Stadtverbands ist, zieht frustriert weg. "Ich habe die Schnauze voll", sagt er. Auch viele Ältere sind ausgetreten oder engagieren sich nicht mehr. Die stärkste Gruppe unter den rund 200 verbliebenen Mitgliedern ist die "AG 60plus". Ihr Vorstand zieht im Hintergrund ebenfalls Strippen – gegen Sarikaya und seine Unterstützer.

Dem hilft, dass Müntefering die Hand schützend über ihn hält. Zu einem Empfang anlässlich Münteferings 50-jähriger Mitgliedschaft kam 2016 auch Gerhard Schröder. Altkanzler und Altvizekanzler nahmen Sarikaya in die Mitte. Den übrigen Vorstandsmitgliedern rief der Parteiübervater aus Sundern zu: "Ihr habt einen guten Vorsitzenden. Bewahrt ihn euch." Der zieht aus seinem gescheiterten Bürgermeister-Projekt den Schluss: "Manchen in der Partei ist unser Erfolg über den Kopf gestiegen. Die haben jeden Kontakt zur Realität verloren." Ein anderer aus dem Vorstand sagt mit Blick auch auf die Sehnsucht vieler in der Bundespartei, die ungeliebte GroKo in Berlin endlich zu verlassen: "Es ist halt bequemer, in der Opposition zu sitzen. Da kann man alles Mögliche fordern, ohne es selbst umsetzen zu müssen."

Dieser Artikel ist dem aktuellen stern entnommen:

Fraktionschef Stechele lässt wissen, er sei "sehr unglücklich" über die Auseinandersetzungen. Es sei aber immer so gewesen, dass der Vorsitzende die Partei nach außen vertrete, während die Fraktion die inhaltliche Arbeit im Rat mache. Er selbst habe vor zwei Jahren der Fraktion – wie Andrea Nahles vor Kurzem in Berlin – eine vorzeitige Neuwahl vorgeschlagen und sei bestätigt worden. Ein Rückzug komme für ihn daher nicht infrage. An Sarikayas Stelle hätte er jedoch gesagt, man solle den Parteivorstand neu wählen. Seine Botschaft: Der muss weg. Nicht ich.

Bürgermeister Brodel behauptet, ebenso wie Stechele, dass die Einwohner hinter ihm stünden. Er will im kommenden Jahr wieder antreten. "Wenn die Parteien aus dem damaligen Bündnis mich unterstützen: gut." Wenn nicht, werde er aus dem Amt heraus kandidieren.

Es wird ihm vermutlich auch nichts anderes übrig bleiben. Sein jüngster Coup: An den zuständigen Ratsausschüssen vorbei wollte er ein Filetgrundstück im Zentrum der Stadt an ungenannte Investoren verkaufen. Das verhinderte jedoch eine Koalition aller anderen Fraktionen. SPD-Ratsmitglied Bernd Schwens, der zum Sarikaya-Lager gehört, warf seinen Fraktionskollegen danach lautstark vor, sie hätten sich kaufen lassen. Was diese energisch zurückwiesen.

Streit

Die CDU in der Stadt ist übrigens auch zerstritten. Dem jungen Vorsitzenden Stefan Lange sollen gleich mehrere Altbürgermeister im Nacken sitzen. Noch hat seine Partei fast 40 Prozent. "Das muss aber nicht so bleiben", ahnt der 37-Jährige, der auch selbst am Wandel arbeitet. Nebenbei unterstützt er als Social-Media-Mann den Sauerländer Friedrich Merz, den schärfsten Rivalen der CDU-Bundesvorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer.

An der Promenade des lang gezogenen Sorpesees, an der die Touristen Maikäfer suchen, scheint alles sehr beschaulich in diesen Sommertagen. Aber das ist nur der erste Eindruck.