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Interview

G20 in Hamburg: Was der Pastor von St. Pauli Trump zu sagen hat

Sieghard Wilm ist Pastor der St. Pauli-Kirchengemeinde. Auf seinem Kirchhof zelten G20-Demonstranten - es ist ein Notlager. Warum er den Gipfel als Chance sieht und was er gern zu Trump sagen würde, verrät er im Interview mit dem stern.

Einige Hamburger Pastoren lassen G20-Demonstranten auf den Kirchhöfen zelten - wie auch St. Pauli-Pastor Sieghard Wilm: "Die Menschen müssen ja irgendwo unterkommen"

Einige Hamburger Pastoren lassen G20-Demonstranten auf den Kirchhöfen zelten - wie auch St. Pauli-Pastor Sieghard Wilm: "Die Menschen müssen ja irgendwo unterkommen"

Auf dem Kirchhof der St. Pauli Kirche herrscht geschäftiges Treiben: An einem Tisch sitzen Menschen zusammen, sie plaudern und essen Tortellini-Salat. Wenige Meter entfernt stellen Demonstranten ein Zelt auf. Die Metallstangen klappern auf dem Pflaster des Kirchhofs. Ein Punk mit grünen Dreads verlässt ein Dixi-Klo, das an der Kirchenmauer lehnt. Aus der Ferne dröhnt Bass aus Lautsprecherboxen. Demonstranten haben sich an den Landungsbrücken versammelt, um unter dem Motto "Lieber tanz' ich als G20" zu protestieren.

Zwischen den Demonstranten und Gemeindemitgliedern steht Sieghard Wilm, der Pastor der Kirchengemeinde. Er hat dem Kamerateam eines großen öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders gerade ein Interview gegeben.

Pastor Wilm, was ist hier eigentlich los?

Das hier ist eine tolle Gemeinde. Hier sitzen Menschen, die ich erst seit gestern kenne, Demonstranten, Punks, Gemeindemitglieder. Die ersten Gäste sind Dienstagabend auf den Kirchhof gekommen und haben ihre Zelte aufgeschlagen. Damit hatten wir auch gerechnet. Wenn Protestcamps verboten werden, müssen die Menschen ja auch irgendwo unterkommen. Und wir als Gemeinde dulden die Demonstranten.

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Wie stehen Sie zu dem Verbot der Protestcamps?

Ich bin kein Sicherheitsexperte, aber ich halte das Verbot für nicht weise. Meinem Gefühl nach könnte alles ein wenig lockerer, entspannter zugehen. Das würde sicher auch zur Deeskalation beitragen.

Wie verpflegen Sie die G20-Demonstranten?

In der Hafenstraße gibt es eine Volksküche, da gehen sie essen. Auf dem Kirchhof haben wir für eine Veranstaltung Dixi-Toiletten aufgestellt, die sie mitbenutzen können. Während des Gipfels treffen wir uns jeden Abend um 18 Uhr an einem langen Tisch im Kirchhof zum gegenseitigen Austausch. Da kommen alle: Nachbarn, Senioren, unsere neuen Gäste, Transsexuelle aus der Schmuckstraße oder Punks. Das finde ich klasse. Der Kirchhof wird zu einem Symbolort.

Sieghard Wilm ist Pastor der St. Pauli Kirche, die in unmittelbarer Nähe zum Fischmarkt am Hafen liegt. Für die Gipfeltage setzt er auf "fromme Frechheit".

Sieghard Wilm ist Pastor der St. Pauli Kirche, die in unmittelbarer Nähe zum Fischmarkt am Hafen liegt. Für die Gipfeltage setzt er auf "fromme Frechheit".


Sie haben ein Plakat aufgehängt: "Welcome to Heaven" steht darauf – in Anlehnung an die heute geplante Demonstration "Welcome to Hell".

Das gefällt uns, wir nennen das fromme Frechheit. Wir hoffen auf eine Welt in Gerechtigkeit und Frieden und arbeiten auch daran. Ein Ort, an dem Menschen in Frieden zusammenleben, ist der Himmel auf Erden. Dieser Kirchhof soll in den kommenden Tagen ein Symbol dafür sein. Wir setzen bewusst einen Kontrapunkt zu der angespannten Situation, zu der Eskalation.

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Tolerieren Sie auch gewaltbereite Demonstranten auf dem Kirchhof?

Natürlich nicht. Alle müssen sich benehmen. Das gehört zur Gastfreundschaft dazu. Wir als Kirche dulden keine Gewalt, das wissen alle.

Wie empfinden Sie persönlich den G20-Gipfel?

Wir als Nachbarn sind extremen Belastungen ausgesetzt. Selbst wer politisch nicht gegen den Gipfel ist, ist doch davon genervt. Es strengt an, wenn Hubschrauber stundenlang über dem Haus kreisen. Und hier! (deutet auf die Straße). Sie sehen ja die Hundertschaften an Polizisten, die hin- und herlaufen. Straßen sind gesperrt. Das wird hart für uns. Und in den kommenden Tagen noch einmal härter.

Friedlicher Protest an den Hamburger Landungsbrücken: Demonstranten versammeln sich am Mittwochabend unter dem Motto "Lieber tanz' ich als G20"

Friedlicher Protest an den Hamburger Landungsbrücken: Demonstranten versammeln sich am Mittwochabend unter dem Motto "Lieber tanz' ich als G20"


Für Ihre Offenheit müssen Sie auch Kritik einstecken.

Hier auf St. Pauli erfahre ich Unterstützung. Die Nachbarschaft ist ja selbst ein protestierendes Völkchen, und die Protestkultur tief im Stadtteil verwurzelt. Aus anderen Städten gibt es schon Beschimpfungen und Kritik, das stimmt.

Stört Sie das?

Ich kann die Kritik nachvollziehen. Verständnis habe ich dafür nicht.

G20-Demonstranten bauen Zelte auf dem Kirchhof auf, um dort zu übernachten

G20-Demonstranten bauen Zelte auf dem Kirchhof auf, um dort zu übernachten


Donald Trump ist einer der umstrittensten Teilnehmer des G20-Gipfels. Was würden Sie ihm mit auf den Weg geben, sollte es - rein hypothetisch - zu einer Begegnung kommen?

Ich würde ihn ansprechen: "Hello, my friend, this is St. Pauli, there is a lot of entertainment here. Welcome!" Ich denke, Show und Entertainment wären ganz nach seinem Geschmack. Nein, Spaß beiseite. Natürlich würde ich ihn als Pastor, als Geistlichen ansprechen und ihn an seine große Verantwortung erinnern. Trump ist in den Augen vieler Menschen zu einer Art Feindbild verkommen, und es ist leicht, gegen ihn zu sein. Wir Christen glauben aber daran, dass der Mensch veränderungsfähig ist. Das mag man naiv finden. Aber was ist die Alternative zu diesem Glauben? Dann bleibt einem nur der Zynismus. Wenn ich zwischen diesen beiden Polen die Wahl habe, dann bin ich lieber jemand, der glaubt und naiv ist.

Was erwarten Sie von den kommenden Tagen?

Viele Menschen fürchten sich vor G20, vor Ausschreitungen und Gewalt. Ich erhoffe mir etwas. G20 kommt und geht auch wieder. Wir aber bleiben - in guter Nachbarschaft. Von dem, was wir gerade machen, profitieren wir. Auch dann noch, wenn G20 vorbei ist.


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