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Stasi-Vorwürfe: Wenn Herr Gysi leise wird

Es war einer der bizarrsten Auftritte seiner Politiker-Laufbahn: Gregor Gysi wirkte mächtig angeschlagen, als er sich in einer aktuellen Stunde des Bundestages gegen Stasi-Vorwürfe verteidigte. Im Anschluss an seine kurze Rede sorgte er für einen Eklat.

Von Sebastian Christ, Berlin

Wo zur Hölle ist eigentlich Gregor Gysi? Die aktuelle Stunde des Bundestages zu den Stasi-Vorwürfen gegen den Linken läuft schon 15 Minuten, doch sein Bundestagssessel ist leer. Jörg Tauss von der SPD wird zornig: "Ich vermisse hier Herrn Gysi und Herrn Lafontaine, das ist ja schon ein Skandal."

Einige Augenblicke später verdunkeln etwa zehn Silhouetten das sonnenhelle Fenster am Hintereingang des Plenarsaals, gemeinsam schreitet die Gruppe in den Bundestag, und ihre einzelnen Mitglieder setzen sich auf die hintersten Plätze im Fraktionsbereich der Linken. Einer von ihnen wählt den letzten Platz in der Ecke. Der kleine, gedungene Mann mit Zweidrittelglatze ist bekannt für sein rhetorisches Können, doch er wirkt viel stiller als sonst und ist gesundheitlich angeschlagen. Gysi scheint in sich gekehrt, lehnt den Kopf auf seine Handfläche. Er bereitet sich innerlich auf einen der bizarrsten Kurzauftritte seiner Politikerlaufbahn vor.

Auftritt Gysi. Seine Stimme ist heute brüchig, leise. Er liest seinen Text komplett ab, auf Zwischenrufe reagiert er nicht. Seine Rede rezitiert er wie ein auswendig gelerntes Bekenntnis, und man hört mit jeder einzelnen Silbe, dass er schnell fertig werden will. "Was Sie hier heute mit der Debatte bieten, ist ein trauriges Schauspiel", sagt Gysi. "Seit Jahren versuchen Sie mich zu beschädigen", formuliert er, "vom Leben eines Anwalts in der DDR haben Sie schlicht keine Ahnung".

Es geht um den Vorwurf, Gysi habe in den 70er und 80er Jahren Mandanten bespitzelt und Informationen an das Ministerium für Staatssicherheit geliefert. Zu seinen Klienten gehörte damals unter anderem der berühmte Regimekritiker Robert Havemann. Die Leiterin der Stasi- Unterlagenbehörde, Marianne Birthler, sagte am Mittwoch im "ARD-Morgenmagazin" es gehe um "Unterlagen zu einem IM (Inoffizieller Mitarbeiter, d.Red.), und der kann nach Aktenlage nur Gregor Gysi gewesen sein". Gysi selbst unterstellt Birthler, sie mache gemeinsame Sache mit den politischen Gegnern der Linken. Parteikollege Oskar Lafontaine forderte gar ihre Entlassung.

Gelächter von den Gegnern

Gysi spitzt zu, und erntet Gelächter von allen Parteien. Außer von seiner eigenen. "Sie begreifen nicht, dass ich damals schon so souverän war wie heute. Ich brauchte gar keinen Kontakt zum MfS (Ministerium für Staatssicherheit, d. Red.)". Die Stasi habe ihn auf seine Fähigkeit zum Inoffiziellen Mitarbeiter untersucht und für nicht würdig befunden. Später sei er sogar selbst beschattet worden. Der Streit um seine Vergangenheit habe außerdem seine Gesundheit angegriffen. Schon wieder Gelächter. Sein Fazit zu der Debatte klingt trotzdem kämpferisch: "So schaffen sie weder mich noch die Linken".

Dann geht er allein und schnurgerade zu dem Ausgang heraus, durch den er eine Viertelstunde vorher das Plenum betreten hatte. Standing Ovations von der Linken-Fraktion. Oskar Lafontaine folgt ihm wenig später. Zurück bleiben reichlich ratlose Abgeordnete, die mit allem gerechnet hatten - nur nicht damit.

Die bewegendste Rede hält heute ein anderer. Stephan Hilsberg war in der Wendezeit Mitbegründer der Sozialdemokraten in der DDR und in kirchlichen Friedensgruppen engagiert. Er litt unter den Repressalien der sozialistischen Diktatur. Eindrücke, die er bis heute nicht losgeworden ist. "Es fällt mir schwer, meine Gedanken zum Ausdruck zu bringen und noch schwerer, meine Gefühle zum Ausdruck zu bringen", sagt er, den Tränen nahe. "Es ist unerträglich, wie Gregor Gysi uns versucht, zu belügen."

Die vorliegenden Papiere legten den Schluss nahe, dass Gysi "aufs Allerengste" mit der Stasi zusammengearbeitet habe. "Wen Gregor Gysi alles bespitzelt hat, das liest sich wie ein 'Who is Who' der DDR-Opposition." Hilsberg rief Gysi und die Linke auf, sich zu ihrer Vergangenheit zu bekennen. "Tun Sie sich einen Gefallen, gehen sie in sich. Sie würden sich selbst, ihrem Gewissen und der deutschen Öffentlichkeit einen großen Dienst erweisen."

Linke innerlich abwesend

Und während weitere Redner in emotionalen Worten das Geschichtsverständnis der Linken anprangerten, Gysi zum Rücktritt aufforderten und den längst verschwundenen Oskar Lafontaine beschimpften, hatten die linken Fraktionsvertreter Besseres zu tun: Dagmar Enkelmann ließ sich Akten auf ihren Tisch bringen, Nele Hirsch schüttelte inflationär häufig den Kopf, und Gesine Lötzsch studierte Papiere, während sie sich immer wieder mit den Fingern im Auge rumpulte. Die Linkspartei in Deutschland hat wahrlich schon bessere Momente erlebt.

Die Demokratie in Deutschland aber auch - meint jedenfalls Andrej Bahro, Sohn des seinerzeit vom Anwalt Gysi vertretenen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro. Die Veranstaltung sei ein "Tribunal" gewesen und eine der schlechtesten Stunden der Demokratie, sagte Bahro der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Dass Gysi nur für seine Rede in den Bundestag gekommen sei und den Plenarsaal danach verlassen habe, sei seiner Gesundheit geschuldet. "Die jahrelange Jagd auf ihn hat ihn gesundheitlich ruiniert."

  • Sebastian Christ