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Stasi-Vorwürfe: Zur Sache, Herr Gysi!

Gregor Gysi hat ein enormes Problem mit seiner Vergangenheit. Und das teilt er mit seiner Partei. Niemand hat ein Interesse daran, 18 Jahre nach der Einheit eine Hexenjagd zu veranstalten - doch ein wenig mehr Offenheit würde ihm mehr helfen, als er vielleicht selbst glaubt.

Ein Kommentar von Sebastian Christ

Hat Gregor Gysi nun als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi gearbeitet? Marianne Birthler vermutet das. Für die CDU steht es schon in Stein gemeißelt. Gysi selbst streitet alles ab - immer noch. Seit beinahe 20 Jahren prozessiert Gysi gegen all jene Menschen und Medien, die ihn in die Nähe des Ministeriums für Staatssicherheit rücken. Wahrscheinlich hagelt es nach der gestrigen Debatte neue Klagen. Hier fängt das Problem Gysi an. Denn eigentlich geht es schon längst nicht mehr um seine mögliche Tätigkeit im DDR-Überwachungsapparat. Sein Umgang mit der eigenen Geschichte ist das Problem.

Deswegen war auch die gestrige Aktuelle Stunde im Bundestag weder ein "Tribunal" noch eine "Hexenjagd" gegen einen ehemaligen Bürger der DDR. Abgesehen von einigen notorischen Lautsprechern der Unionsfraktion warfen Abgeordnete aus anderen Parteien Gysi in erster Linie mangelnden Mut vor. Zu Recht. Die Debatte um seine Vergangenheit könnte schon längst ein Ende haben, hätte der Vorsitzende der Linken von Anfang an mit offenen Karten gespielt. Und egal wie die Wahrheit nun wirklich aussieht, Gysi beschädigt seine eigene Glaubwürdigkeit mit jedem dieser Auftritte ein Stück mehr.

Die Vorwürfe treffen ihn nämlich an seiner empfindlichen Stelle: Er, der Volkstribun, soll angeblich mit jenen kooperiert haben, die früher das Volk unterdrückten. Wahrscheinlich ist jedoch, dass es in dieser Geschichte nicht nur Schwarz und Weiß gibt, sondern jede Menge Grauschattierungen. Wie weit musste man sich als Anwalt auf das System einlassen?

Wie viele Kröten muss man schlucken?

Gregor Gysi warf seinen politischen Gegnern vor, dass sie keine Ahnung von der Arbeit eines Anwalts in der DDR hatten. Aber genau das würde man gern mal von Gysi selbst hören. Wie viele ideologische Trampelpfade musste man beschreiten? Welche Kröten musste man schlucken, um anderen Menschen eventuell ein besseres Leben zu ermöglichen?

Politisch gesehen bewegt sich Gysi auf dünnem Eis. Auch in seiner eigenen Partei. Und niemand sollte sich durch die theatralisch dargebotenen stehenden Ovationen nach seiner Rede täuschen lassen. Denn der Fall Gysi ist auch ein Fall Linkspartei: Zwar versteht es die Linke, die richtige Sprache für die Benachteiligten von heute zu finden, für die eigene Vergangenheit als Nachnachfolgerin einer totalitären Kaderpartei fehlen ihr in eindrucksvoller Regelmäßigkeit die Worte. Jetzt, wo die Linke es fast geschafft hat, in Ost und West als normale Partei akzeptiert zu werden, erinnert der Fall Gysi an das eigene Vergangenheitstrauma. Das schadet dem neuen Image.

Verkrachtes Verhältnis zur eigenen Geschichte

Gysis Kritik an der Birthler-Behörde wirkt absurd. Und auch, dass Oskar Lafontaine nun die Entlassung der Beauftragten für die Stasi-Unterlagen fordert. Purer Beißreflex. Der Vorwurf: Birthler arbeite den politischen Gegnern der Linken zu. Zum einen sind die von ihr verwalteten Unterlagen per Definition politisch, und zum anderen kann weder Birthler noch sonst ein Vertreter ihrer Behörde etwas dafür, dass offensichtlich überproportional häufig Politiker aus dem Lager der Linken ins Stasi-Zwielicht geraten. Die Primärursache dafür ist das verkrachte Verhältnis zur eigenen Parteigeschichte.

Es wird Zeit, dass Gregor Gysi endlich Klartext redet. Natürlich wäre es falsch, wenn Gysi perönliche Details aus dem Leben seiner Mandanten an das DDR-Regime verraten hätte. Aber kaum ein Fehler ist so groß, dass er nicht irgendwann verziehen werden könnte. Es bleibt völlig unklar, wovor Gregor Gysi Angst hat. Denn nur wer selbst Mut beweist, kann später mit der Größe der anderen rechnen.

  • Sebastian Christ