stern.de-Leserumfrage Fernsehverbot und Hausarrest


Vier Schüler haben das Klassenziel nicht erreicht, sind mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Die stern.de-Leser haben die Leistungen der großen Koalition benotet. Wir berichten über eine turbulente Lehrerkonferenz mit überraschenden Ergebnissen.
Von Malte Arnsperger

Im zweiten Schuljahr werden im Klassenzimmer der großen Koalition die Stühle von Franz-Josef, Annette, Michael und Ulla frei bleiben. Zumindest wenn es nach der stern.de-Lehrerkonferenz geht. Denn diese - bestehend aus den stern.de-Lesern - hat nach dem ersten (Schul)-jahr der großen Koalition die Leistungen von Klassensprecherin Angela Merkel und ihren 15 Mitschüler bewertet. Das Urteil fiel vernichtend aus.

Klassenarbeit "Gesundheitsreform"

Vor allem im Hause Schmidt herrscht in diesen Tagen dicke Luft. Denn im Zeugnis der kleinen Ulla steht die Note 4,91. Klassenschlechteste. Versetzung nicht erteilt. Fernsehverbot und Hausarrest. Aus der Lehrerkonferenz drang durch, dass vor allem ihre Klassenarbeit zum Thema "Gesundheitsreform" bei weitem nicht dem geforderten Niveau entsprach. Der Parteienforscher Hans-Joachim Veen kann die Nichtversetzung gut nachvollziehen. "Dass sie auf dem letzten Platz liegt überrascht mich nicht. Die Leute lehnen den Gesundheitskompromiss ab." Veen geht auch hart mit dem Benehmen der Schülerin ins Gericht: "Ihr rundum zudeckelndes Geschwätz können viele nicht mehr ertragen. Da fehlt jede selbstkritische Attitüde."

Wesentlich zufriedener können die Steinmeiers mit den Noten ihres Sprösslings sein. Denn Frank-Walter hat als Klassenbester eine solide 3,35 nach Hause gebracht. Aber mit diesem Ergebnis haben seine Eltern auch fest gerechnet, schließlich haben sie ihren Sohn zu vielen teuren Nachhilfestunden nach Afghanistan, Israel und sogar Kirgisien und Turkmenistan geschickt.

Doch anscheinend ist nicht nur diese Nachhilfe und Frank-Walters Fleiß für die guten Noten verantwortlich. "Das Außenministerium ist das leichteste und glanzvollste Ministerium. Da kann man fast jeden hinstellen", sagt Hans-Joachim Veen. "Außenminister haben keine harten Entscheidungen zu treffen, die den Bürgern wehtun." Nein. Wehgetan hat Frank-Walter wirklich niemanden, auch keinem seiner Klassenkameraden. Sogar mit der Klassensprecherin verträgt er sich gut. Und vielleicht wird die sich demnächst bei ihm ausheulen. Denn die ehrgeizige Angela hat mit der Note 4,37 die Versetzung beinahe verfehlt.

Betrugsversuch ist aufgeflogen

Angela hatte darauf gesetzt, in ihrem Spezialfach Physik abgefragt zu werden. Doch der Test wurde abgesagt, stattdessen musste sie sich mit Mitschülerin Schmidt auf die Klassenarbeit "Gesundheitsreform" vorbereiten. Leider hat sich Angela voll auf Ulla verlassen und bei der (vermeintlichen) Gesundheitsexpertin abgeschrieben. Das hätte sie nicht tun sollen, die aufmerksame Lehrerkonferenz hat diesen Betrugsversuch natürlich sofort entdeckt. Nur die Tatsache, dass sie sich rührend um den leistungsschwachen Franz-Josef und den unbeliebten und einsamen George von der amerikanischen Partnerschule gekümmert hat, bewahrte sie gerade so vor dem Sitzenbleiben. Note 4.37.

Übrigens: Geholfen hat Angelas soziale Engagement nichts, denn Franz-Josef hat die Klasse mit 4,78 als Zweitschlechtester abgeschlossen, und George ist in seiner Schule so unbeliebt und einsam wie nie.

Aber die Angela hat es auch schwer als Klassensprecherin. Ständig mäkeln die Mitschüler an ihr herum, werfen mit Kreide oder Papierflieger. Ihr größtes Problem ist jedoch die heterogene Zusammensetzung der Klasse. Auf der einen Seite sitzen die Unternehmerkinder, auf der anderen Seite die Söhne und Töchter von Kohlearbeitern. Der harmoniesüchtigen Angela gelingt es selten, die beiden Gangs zu einem gemeinsamen Singspiel zu animieren: "In einer großen Koalition ist man angewiesen auf die Mitarbeit der Partner und da stößt Merkel an ihre Grenzen", meint Hans-Joachim Veen. Einem ihrer Vorgänger als Klassensprecher, Kurt Georg Kiesinger, "dem ist die Vermittlung besser gelungen".

Aber eins ist auch klar: Bei der schwierigen Vermittlung zwischen den beiden Gruppen hat der armen Angela nur einer geholfen. Der stille Thomas. Der hat zwar keinen der wichtigen Tests geschrieben, hat sich auch selten am Unterricht beteiligt, ist der Lehrerkonferenz aber auch nie negativ aufgefallen. Eine vier minus (4,13) ist der Lohn, damit ist Thomas viertbester Schüler.

Überaschung: Kassenwart Peer

Die große Überraschung des ersten Schuljahre ist jedoch ein anderer: Kassenwart Peer hat sich zu einem relativ guten Schüler gemausert und sich den zweiten Platz erkämpft. Bei seinen Mitschülern ist der knauserige Peer zwar überhaupt nicht beliebt. Die Lehrekonferenz schätzt aber sein - nach nur einem Schuljahr! - erstaunlich guten Umgang mit Geld und gab ihm deshalb eine 4 plus (3,72). Auch Hans-Joachim Veen lobt den Streber: "Peer Steinbrück arbeitet konsequent und man sieht daran, dass Konsequenz auch belohnt werden kann."

Peers Schulfreunde sollten sich ein Beispiel an dessen Arbeitsweise nehmen. Wohlweislich hat Angela ihre Mitschüler schon zum gemeinsamen Büffeln eingeladen. Denn bald wartet ein großes Projekt auf die Klasse: Sprecherin Angela soll den Vorsitz in der Schülermitverantwortung der europäischen Schulen übernehmen. Das wird nicht einfach für die Zweitklässlerin, schließlich sitzt sie dort mit Schülern aus den höheren Stufen wie dem Briten Tony und Jacques aus Frankreich zusammen. Da wartet viel Arbeit auf die unerfahrene Angela. Dafür braucht sie Unterstützung. Das war auch der Lehrerkonferenz klar, die deshalb ein Einsehen hatte und Franz-Josef, Annette, Michael und Ulla probehalber versetzte.


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