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stern-Interview: Gefühl der Verachtung

Der Stuttgarter Verfassungsschützer Herbert L. Müller über die Militarisierung von Muslimen und die Terrorgefahr in Deutschland.

Der Stuttgarter Verfassungsschützer und promovierte Orientalist Herbert L. Müller über die Militarisierung von Muslimen und die Terrorgefahr in Deutschland.

In Deutschland leben mehr als drei Millionen Muslime. Rund 30 000 werden der extremistischen Szene zugerechnet, etwa 4000 gelten als gewaltbereit. Wie wird aus einem "normalen" Muslim ein radikaler Islamist und schließlich ein militanter Kämpfer?

Kein Muslim hat einen inneren, grundgegebenen Antrieb, sich für die Gemeinschaft, die Religion, als Märtyrer zu opfern. Der Dschihad oder der "Einsatz auf dem Wege Gottes" liegt nicht unbedingt im Zentrum einer religiösen Pflichtenlehre. In unseren Städten kann ein Migrant aber durchaus Diskriminierungen erleben, die er als Ablehnung und Verachtung seiner Kultur und seiner Identität begreift.

Welche Art der Diskriminierung meinen Sie?

Die Diskussion um das Kopftuch kann solche Wahrnehmungen verstärken, vor allem, wenn sie ideologisch geführt wird. Hinzu kommen die politischen Zustände in den Heimatländern: das Niederdrücken der islamischen Opposition, die Golfkriege, Bosnien, Kaschmir, Tschetschenien, Irak. Und, als ungelöschter Brandherd des Hasses, die Auseinandersetzung zwischen Israel und Palästina. Einem jungen Menschen mit Idealen und einem Sinn für Gerechtigkeit, aber wenig politischem Gespür, wird diese Vielzahl von Problemfeldern einseitig vermittelt - der Muslim ausschließlich als Opfer. Gleichzeitig wird ihm suggeriert, dass letztlich nur der finale persönliche Einsatz für die Gemeinschaft eine Lösung zugunsten des Islam bringen kann. Kompromisse begünstigten nur "den Feind". Das Ganze wird dann noch als Höhepunkt religiöser Pflichterfüllung und als wahres Lebensziel verkauft. So kann er durchaus zu dem Schluss kommen, dass seine Mentoren, die eventuell als Vorbilder schon selbst in einem Krisengebiet im Einsatz waren, Recht haben.

Wie überschreitet ein potenzieller Kämpfer die Schwelle zur terroristischen Gewalt?

Dies wird mit Sicherheit kein einsamer Entschluss eines jungen Menschen sein. Hier dürfte das Vorbild eine Rolle spielen, zusammen mit einer Gruppe, die im Einklang miteinander ist - weltanschaulich und auch hinsichtlich der Konsequenzen, die zu ziehen sind. Potenzielle Kämpfer können damit rechnen, innerhalb der Gemeinschaft ein hohes Maß an Akzeptanz zu finden. Die Frage, ob er sich damit in die Reihe von Terroristen eingliedert, stellt sich für ihn gar nicht. Sein Einsatz wird als Beitrag in einem Befreiungskampf, der nur gerecht sein kann, interpretiert.

Die Anschläge von Madrid haben erneut die Frage aufgeworfen, ob Deutschland ein Vorbereitungsraum oder gar ein Zentrum islamistischer Terroristen ist.

Deutschland ist in keiner Weise das Zentrum des Seins, auch nicht in Fragen islamistischer Terroristen. Aber die Verbindungslinien laufen auch in und durch unser Land, es gibt Sympathisanten, Unterstützer und offensichtlich auch Leute, die bereit sind, über Unterstützungsmaßnahmen hinauszugehen.

Wie passen die Anti-Kriegs-Position Deutschlands und die Anschlagsbedrohung gegen Johannes Rau zusammen?

In jedem Land, in dem sich entsprechende Zirkel eingerichtet haben, haben diese innerhalb der globalen Struktur eine Aufgabe. Man muss damit rechnen, dass es auch Kleingruppen, Zellen oder Einzeltäter geben kann, die im Sinne des Dschihads gegen "die Kreuzzügler und die Zionisten" handeln können. In diesem Sinne wäre ein Anschlag auf den Repräsentanten eines westlichen Staates, der in die Anti-Terror-Koalition eingebunden ist, kein Widerspruch.

Wie würden sich Politik und Gesellschaft verändern, wenn es zu einem solchen Anschlag käme?

Daran möchte ich eigentlich gar nicht denken. Aber ein Anschlag in unserem Land wäre auch ein Anschlag auf eine offene, den verschiedenen Kulturen zugewandte Gesellschaft.

Wie offen gehen wir denn wirklich miteinander um? Wie steht es um den interkulturellen Dialog?

Er ist dann irreführend, wenn Menschen suggeriert wird, die Religion des Islam sei per se pazifistisch. Wie inhuman eine ideologisierte Religionsauslegung sein kann, wissen Christen: Ketzerverbrennungen, Hexenverfolgungen, Ritualmordlügen gegen Juden, Religionskriege. Das wissen auch Muslime recht gut, und sie verzichten selten darauf, dies den Christen in Erinnerung zu rufen. Warum auch nicht? Allerdings sind sie im Dialog nicht bereit, über die religiösen Motive ihrer eigenen extremistischen Gruppen zu sprechen. Solange innerhalb islamischer Organisationen, der islamischen Wissenschaft und Rechtsgelehrsamkeit aber Dogmen und Tabus vorherrschen, eine kritische Prüfung eigener Standpunkte nicht vorkommen darf und die Fehlentwicklungen nur bei den anderen wahrgenommen werden, führt der Dialog in die Irre.

Interview: Rainer Nübel / print