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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin Stoppt den Selfie-Wahn!


Der Schauspieler John Malkovich hat es vorgemacht. Er will sich nicht mit Hinz und Kunz fotografieren lassen. Gut so! Das wäre auch mal was für Angela Merkel.
Von Axel Vornbäumen

Der US-Schauspieler John Malkovich, 60, hat es dieser Tage abgelehnt, mit seinen Fans ein sogenanntes Selfie zu machen, also eines dieser in der Regel perspektivisch verzerrten Fotos, auf denen das Doppelkinn meist fröhliche Urständ feiert und die Heiterkeit keine Grenzen kennt. Malkovichs Begründung: "Warum soll ich mich mit einer Person fotografieren lassen, der ich zuvor nie begegnet bin." Das sei Zeitverschwendung.

Da hat John Malkovich schön Recht. Seit heute ist er mein Held. John, Du wackerer Kämpfer gegen die Marotten der Moderne! Die "Bild"-Zeitung hat den US-Schauspieler in ihrer aktuellen Ausgabe wegen seiner Selfie-Verweigerung als "Verlierer des Tages" ausgezeichnet, leider ohne den leisesten Anflug von Ironie. Mutmaßlich ist das auf einen direkten Erlass von "Babo" Kai Diekmann hin geschehen. Bild-Chef Diekmann ist ein wilder Knipser im Hier und Jetzt. Er hat den Lehrsatz von Descartes "Cogito ergo sum" ("Ich denke, also bin ich") in ein fast manisches "Ich fotografiere, also bin ich" übersetzt. Das Denken ist seitdem nicht mehr ganz so wichtig. Eigentlich vergeht kein Tag mehr, an dem er nicht per Smartphone festhält, dass er irgendwo mit irgendwem ist. Hat er einen Platten auf dem Weg zum Flughafen, sehen wir auch das.

Zeitverschwendung statt Modernisierung

Zugegeben, ich bin nicht der Technik-Freak par excellence. Es gab schon ein paar Jahre Smartphones, da langte mir immer noch das einfache Handy vom Lande. Ich konnte damit telefonieren, manchmal wurde ich auch angerufen. Das war`s dann aber auch schon. Später kam die SMS dazu. Das mache ich mittlerweile recht gerne. Wer mir auf Twitter unter @avornbaeumen folgt, wird merken: Fotos sind nicht mein Ding. Leider bin ich da in einer Minderheit. Angeblich soll es schon bald sogenannte Selfie-Drohnen geben - eine Horrorvorstellung!

Es wäre schön, jemand wie, sagen wir, Peter Tauber würde sich demnächst ein Beispiel an John Malkovich nehmen. Tauber sieht obenrum ja sogar ein wenig aus wie Malkovich, ist allerdings nicht ganz so bekannt. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte ist: dass ihn das nicht davon abhält, Selfies quasi am Fließband zu produzieren. Die schlechteste Nachricht ist, dass er das auch noch für Politik hält. Tauber ist Generalsekretär der CDU. Er will den Laden modernisieren. So wie er es macht, ist das eigentlich - Zeitverschwendung.

Selfies statt Politik

Manchmal muss Tauber von Berufs wegen mit der Kanzlerin reden. Man hat den Eindruck, seitdem Tauber CDU-Generalsekretär ist, gibt es schon viel mehr Selfies mit Angela Merkel. Wahrscheinlich hält sie das mittlerweile selbst schon für Politik, obwohl sie der ganzen Fotografiererei eigentlich nichts abgewinnen kann. Konsequenterweise müsste sie öfter mal sagen: "Warum soll ich mich mit einer Person fotografieren lassen, der ich zuvor nie begegnet bin." Aber von einer Kanzlerin ist das wahrscheinlich zu viel verlangt.

Axel Vornbäumen weiß, dass Bilder lügen. Selfies erst recht. Auf Twitter können Sie dem Autor unter @avornbaeumen folgen.


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