HOME

Stuttgart 21: "Demokratie heißt für mich Volksherrschaft"

Es ist bereits die 46. Montagsdemo gegen Stuttgart 21. Und wieder sind Zehntausende gekommen, um ihrer Wut Luft zu machen. Einigen von ihnen geht es schon lange nicht mehr um den Bahnhof.

Von Holger Fröhlich

Der "Bürgerkrieg" hat aus den Grünflächen des Stuttgarter Schlossgartens Matschflächen gemacht, die jeden Protestschuh nur widerwillig und mit einem Schmatzen freigeben. An den besonders morastigen Stellen liegt nun Stroh, um die Demonstranten vor dem Einsinken zu bewahren. Es riecht nach Zirkuszelt.

Zur Unterhaltung aber sind sie nicht gekommen, die "Berufsdemonstranten". Immer wieder wird Justizminister Ulrich Goll (FDP) zitiert, der gesagt hat, die Gegner von Stuttgart 21 seien "wohlstandverwöhnt" und würden nicht an kommende Generationen denken. Eine Stuttgarter Mutter von vier Kindern steht am provisorischen Absperrzaun und schüttelt den Kopf. "Ich habe bei zwei von meinen Kindern das Klassenzimmer ehrenamtlich gestrichen", sagt sie, "ich fahre keinen Sportwagen, wie der Herr Goll."

Wenige Meter weiter am Zaun ereifert sich eine ältere Dame mit Steppjacke und Goldkette: "Mit geht's schon lange nicht mehr um den Bahnhof", sagt sie, "mir geht's um die mafiösen Strukturen in unserer Politik." Diesseits des Zaunes herrscht Einvernehmen: Umstehende Mitdemonstranten gleichen Alters pflichten der Frau bei. Die CDU hätten sie zwar schon lange nicht mehr gewählt, aber nun sei auch die SPD keine Option mehr, sagen sie.

Viele von ihnen kommen aus dem Umland. Die Dame mit der Goldkette kommt aus Esslingen. "Das hier hat sehr wohl was mit mir zu tun", erklärt sie. "Esslingen soll für den Umbau 300.000 Euro zahlen. Und dafür wird bei uns am Nahverkehr gespart." Aus der Jackentasche angelt sie eine rote Plastik-Trillerpfeife und pfeift die Polizisten hinter dem Zaun an. Sie kommt zweimal die Woche zur Demo. Seit drei Monaten. "Demokratie heißt für mich Volksherrschaft", sagt sie.

Für einen Moment wird es still im Schlossgarten

Auf der Bühne bittet Protest-Vater Gandolf Stocker um eine Schweigeminute für die Opfer des Polizei-Einsatzes am Donnerstag. Und für einen Moment wird es tatsächlich still im Schlossgarten. Die Herbstsonne lässt das Stroh golden leuchten und es scheint, als blickten die Demonstranten nicht in den Himmel, sondern auf die gelben Blätter der noch nicht gefällten Bäume. Eine Wolke Zugvögel kreist eine Runde über der Schweigeminute und zieht dann ab in Richtung Fernsehturm.

Als Peter Hangleiter den zur Bühne umgebauten LKW betritt, kehrt der Lärm zurück in den Park. Hangleiter berichtet von dem südbadischen Städtchen Staufen, dessen Ortskern sich seit 2008 nach einer Bohrung um 30 Zentimeter gehoben hat. Stuttgart will er das ersparen. Das Publikum quittiert jede Pointe des Redners mit Lärm. Ein Hemdträger mit grauem Bart und Halbglatze bläst in seine Trillerpfeife, bis sein Kopf rot glüht. Eine Frau mittleren Alters mit karierter Bluse formt die Hände zum Trichter und schreit aus Leibeskräften: "Buuh!"

Noch immer strömen Menschen in den Park. Die Bühne verschwindet hinter einem Plakatwald: "Erst Bäume, dann du", "Bei den Wahlen müsst ihr zahlen" und "Herr Goll, SIE sind verwöhnt. Zu lange waren wir duldsam, jetzt gibt's Widerspruch!", ist auf den Schildern zu lesen.

"Vier Millionen Euro jedes Jahr - seit Christi Geburt"

Mittlerweile steht Beate Weber (SPD), ehemalige Oberbürgermeisterin von Heidelberg, auf der Bühne. Mit ihrer Auftakt-Analogie über "die größte Bürgerbewegung unserer Geschichte, die in der deutschen Einheit gemündet hat", trifft sie den Nerv der Demonstranten. "Sie haben das Recht, ernst genommen zu werden", ruft sie ihnen zu. Der Schlossgarten bebt unter Pfiffen, Klatschen, Vuvzela-Geheul und Rätschen-Geknatter. Als das Dröhnen verebbt, rechnet sie vor, was acht Milliarden Euro sind: "Das sind vier Millionen jedes Jahr - seit Christi Geburt." Im Anschluss fordert sie den sofortigen Baustopp und einen Volksentscheid.

Als nächste Rednerin fordert Evelyn Stojanova von der Jugendinitiative gegen Stuttgart 21 all jene zum Nachsitzen auf, die die Schulpflicht vor die Meinungsfreiheit stellen. Ihr gegenüber klafft die umzäunte und schwer bewachte Baustelle wie eine tiefe Wunde in der Allee. Eine Wunde, die den Blick frei macht auf den Südflügel des Bahnhofs. Dahinter leuchtet selbstbewusst das Logo der Landesbank Baden-Württemberg durch die frische Schneise. "Am Donnerstag waren wir Schüler alleine im Park - nächstes Mal müssen wir alle da sein", ruft sie ins Mikrofon. Ihre Stimme überschlägt sich mit dem Applaus der Menge. Eine Polizistin hinter dem Zaun hält sich die Ohren zu.

"Sowas hatten wir schon mal in Deutschland"

Bei dem rituellen "Schwabenstreich", angeleitet von Schauspieler Walter Sittler, zählen die Organisatoren an diesem Abend 54.700 Menschen im Park, die Polizei spricht von 25.000. Das offizielle Programm der 46. Montagsdemonstration ist zu Ende und die Massen kehren sich von der Bühne ab. Wenige verlassen den Park, manche unterhalten sich in kleinen Grüppchen. Die meisten aber pilgern zur Baustelle. Am provisorischen Zaun machen sie halt. Vor ihnen eine Reihe Polizisten, dahinter ein zweiter, neu aufgestellter Zaun, der die Staatsschützer weit überragt. Er beschützt den Platz an dem am Donnerstag noch Robinien und Kastanien standen. "Sowas hatten wir schon mal in Deutschland", sagt ein älterer Herr mit grauem Mantel. Die Renterin neben ihm bläst aus voller Kraft in ihre Pfeife, als suche sie ihren entlaufenen Hund zwischen den Polizistenbeinen.

Im Hintergrund trommeln ein paar Jugendliche. Unter den Bäumen brennen Grabkerzen. Keiner scheint gehen zu wollen. An den Bäumen hängen selbstgemalte Bilder und Sprüche. Dazwischen immer wieder Fotos des aus den Augen blutenden Mannes - der allgegenwärtigen Ikone des "Bürgerkriegs".