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Szenarien für den Atomausstieg Bezahlbarer Strom auch ohne Atom


Wie die großen Öko-Verbände Greenpeace und BUND den raschen Atomausstieg organisieren wollen, ohne dass es für die Verbraucher teuer wird. Und warum nicht alle Experten so optimistisch sind.
Von Dirk Benninghoff

Die Atomkraft schien ihre letzten Freunde verloren zu haben, das schnelle Ende war besiegelt. Doch die schnöde Kostenfrage bringt wieder Leben in die Debatte, wie machbar und sinnvoll ein schneller Ausstieg bis 2015, 17 oder 20 wirklich ist. Unions-Fraktionschef Volker Kauder sieht gar den deutschen Lebensstandard gefährdet - und trifft einen Nerv bei vielen Bürgern: Energiewende ja, aber bitte schön zu vernünftigen Preisen. Doch wie teuer ist der Ausstieg für die Bürger wirklich?

Die größten Naturschutzverbände Deutschlands präsentierten am Dienstag in Berlin ihre Ausstiegsszenarien. Der Tag war gut gewählt, doch das war reiner Zufall. Denn dass aus Japan die Nachricht kommt, dass die Katatrophe von Fukushima den Status von Tschernobyl erreicht hat und damit der zweite Super-GAU der Geschichte ist, konnte niemand ahnen. Wohl aber, dass sich am Freitag Regierung und Ministerpräsidenten treffen, um über den Ausstieg zu beraten - und über seine Kosten.

Was Greenpeace will

Für Greenpeace ist der Ausstieg bis 2015 möglich.

Der Fahrplan

: Bis 2015 müssen 16 Erdgaskraftwerke gebaut werden. Parallel könne der Anteil von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen gesteigert werden. Bis 2020 soll der Anteil der dann stark ausgebauten erneuerbaren Energien an der gesamten deutschen Energieversorgung auf rund 40 Prozent steigen. 2010 lag er noch bei 17 Prozent.

Positive Folgen

: Deutschland wird, so kalkuliert Greenpeace, seinen Kohlendioxidausstoß bis 2050 um 90 Prozent reduzieren. Bis 2030 werde die Energiewende 300 Milliarden Euro Brennstoffkosten sparen und bis zu einer Million Arbeitsplätze allein im Bereich Erneuerbarer Energien bis Mitte des Jahrhunderts bringen.

Der Haken

: Kurzfristig stärker steigende Energiekosten für die Bürger, die Greenpeace aber nicht beziffern mag. Hohe Investitionen nicht nur in klassische Ökoenergien, sondern auch Erdgaskraftwerke, die zum Teil aber schon gebaut werden, und Kraft-Wärme-Kopplung.

Was der BUND plant

Auch der BUND hält den Ausstieg 2015 für möglich.

Der Fahrplan

: Neue Erdgaskraftwerke und Offshore-Windparks sollen gewährleisten, dass die Stromversorgung 2015 nicht gefährdet ist. Zudem sollen die Bundesländer auf zwei Prozent ihrer Fläche Windrädern den Vorrang geben. Bis 2020 soll so der Anteil von Öko-Energien an der Stromversorgung auf 47 Prozent steigen. Auch die Kraft-Wärme-Koppelung soll ausgebaut werden. Darüber hinaus kompensieren Überkapazitäten, die die deutschen Versorger derzeit produzieren und die exportiert werden, den Ausfall der Atomkraftwerke.

Jedoch: Ohne Einsparungen geht das BUND-Konzept nicht auf. So plädiert der Verband für mehr Energieeffizienz, sprich weitreichende Einsparungen beim Verbrauch in Unternehmen, Haushalten und bei den Versorgern selber. Ein verbindliches Stromsparziel von zwei Prozent pro Jahr soll dies gewährleisten. Der BUND will AKW ganz einfach "wegsparen".

Positive Folgen

: Deutschland wird zum Volk der Energiesparer.

Der Haken

: Hohe Investitionen und zumindest kurzfristig damit hohe Kosten für die Verbraucher, die der BUND aber nicht beziffert. Viele Förderprogramme bis hin zu "Abwrackprämien" für Energieverschwender.

Regierung ist nahe am BUND

Der 6-Punkte-Plan der Regierung, der am Freitag diskutiert wird, aus dem vorab aber schon mehrere Medien zitierten, ist gar nicht weit weg vom BUND. Milliardenschwere Förderprogramme planen auch die federführenden Minister Norbert Röttgen und Rainer Brüderle - in erster Linie in Gebäudesanierung, Offshore-Förderung und Infrastruktur, damit der Strom auch von der Küste weg transportiert werden kann. Schon fordern Hausthaltsexperten wie FDP-Mann Otto Fricke ein milliardenschweres Sparpaket, um die Mehrausgaben im Haushalt decken zu können.

Die kurzfristige Kompensation von Atomstrom durch fossile Brennstoffe, davon sind Energieexperten wie Olav Hoemeyer vom Umwelt-Sachverständigenrat der Bundesregierung überzeugt, lasse sich ohne große Mehrkosten für den Verbraucher ermöglichen. Hohmeyers Rechnung: Strom aus Kohle oder Gas kostet 2 Cent pro Kilowattstunde mehr, da aber nur 20 Prozent des Energieverbrauchs ersetzt werden müssten, betrage der Aufschlag gerade mal 0,4 Cent. Macht für einen Durchschnittshaushalt in seinem Beispiel nur 16 Euro im Jahr.

Die Wirtschaftsforscher vom arbeitgeberfreundlichen RWI widersprechen. Wenn Atomenergie jetzt durch die teure Stein- und Braunkohle ersetzt werden müsse, stiegen die Preise um zwei bis drei Cent pro Kilowattstunde.

Wehe, wenn der Worst Case eintritt

Die Energieexpertin Claudia Kemfert vom Wirtschaftsforschungsinstitut DIW geht dagegen davon aus, dass der Umbau der Stromversorgung kaum Auswirkungen hat. "Es gibt genauso viele preistreibende wie senkende Faktoren durch den Umbau hin zu mehr erneuerbarer Energien." Da Deutschland im europäischen Vergleich ohnehin ein hohes Strompreisniveau habe, werde es vermutlich nur leichte Anstiege geben. So würden Investitionen von einer Milliarde Euro in das Stromnetz laut Kemfert gerade einmal zu Steigerungen von 0,3 Cent pro Kilowattstunde führen. Kemfert, Deutschlands bekannteste Energieexpertin, hält den Ausstieg bis 2020 für möglich.

Was jedoch alle schönen Kalkulationen für die Verbraucher zunichte machen könnte, ist der Worst Case der Bundesregierung: Die großen Energieversorger steigen wirklich dauerhaft aus der Finanzierung des Öko-Fonds aus, wie aus Protest gegen die neue Atompolitik des Bundes angekündigt. Aus dem Fonds sollen Projekte für den Ausbau der erneuerbaren Energien finanziert werden. 15 Milliarden Euro sind eingeplant, aber er enthält erst 75 Millionen - und die Versorger haben ihre Zahlungen vorerst eingestellt. So käme das allermeiste Geld für die viel beschworene Wende aus dem Bundesetat - und vom Steuerzahler.


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