Tag der offenen Tür "Mutti, ist das der Herr Schröder?"


Bundeskanzler Schröder trat auf die Bühne, der Höhepunkt eines Wochenendes, das Politik zum Anfassen bot. Die Regierung hatte zum "Tag der offenen Tür" aufgerufen.

"Mutti, ist das jetzt der Herr Schröder?" Die neunjährige Nadine hatte schnell den Gastgeber erkannt, der sich einem Popstar gleich den Weg durch die Menge bahnte: Bundeskanzler Gerhard Schröder trat auf die Bühne, der Höhepunkt eines Wochenendes, das Politik zum Anfassen bot. Die Regierung hatte zum "Tag der offenen Tür" aufgerufen, mehr als 130.000 Besucher kamen zum "Staatsbesuch". Neben der Volksbelustigung mit Karussell und Eisenbahn gab es aber auch Kritik, unter anderem Buhrufe für Wirtschaftsminister Wolfgang Clement.

50.000 Besucher schon am Sonnabend

Bereits am Sonnabend hatten 50.000 Menschen die Gelegenheit genutzt, sich die Verwendung eines Teils ihrer Steuergelder genauer anzusehen und einen Blick in die Ministerien zu werfen. Wo sonst Staatsoberhäupter und andere prominente Menschen ihren Geschäften nachgehen, tummelten sich bei strahlendem Sonnenschein die Massen.

Kanzler als Publikumsmagnet

Die größte Anziehungskraft hatte offensichtlich die Berliner "Waschmaschine": Vor dem Kanzleramt bildeten sich lange Schlangen. Wartezeiten bis zu einer Dreiviertelstunde wurden bei schweißtreibender Hitze geduldig in Kauf genommen. Wer dann seine Tasche abgegeben, sich den üblichen Sicherheitskontrollen unterzogen und Eintritt erlangt hatte, wurde nach einem Rundgang durchs Amt mit einem schattigen Plätzchen im Kanzlerpark direkt an der Spree belohnt.

"Das ist ja wie Nahkampf"

Ins Schwitzen gerieten die Sicherheitskräfte Schröders, als der sich den Weg zur Bühne bahnte. Der SPD-Mann im offenen weißen Hemd wurde von Bürgern umlagert und musste unzählige Autogramme geben. "Das ist ja wie Nahkampf", stöhnte ein Glücklicher, der sich mit dem erhofften Schriftzug auf einem Fetzen Papier glücklich den Rückzug erdrängelt hatte.

Schröder lobte seine Frau Doris

Auf der Bühne gab sich der Kanzler volksnah, lobte Hannover als schöne Urlaubsstadt und seine Frau Doris für deren erzieherische Glanzleistungen. Politiker zu sein, das sei mit einem großen Verlust an Privatheit verbunden, lächelte Schröder ins Mikrofon. Aber er wolle sich nicht beklagen, "schließlich habe ich mir das ja selbst ausgesucht".

Schlossgarten begeisterte mehr als dröges Grün hinterm Kanzleramt

Der protokollarische Unterschied zwischen Kanzler und Bundespräsident konnte beim Besuch von Schloss Bellevue ausgemacht werden. Auch Staatsoberhaupt Johannes Rau hatte seinen Amtssitz für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt - der prachtvolle Schlossgarten vermochte Naturfreunde doch mehr zu begeistern als das vergleichsweise dröge Grün hinterm Kanzleramt. In gesitteten Bahnen wurden Besucher durch die ehrwürdigen Räume des Schlosses geleitet. Raus Bundesgrenzschutz-Hubschrauber, sein Dienstwagen und für kurze Zeit auch der Hausherr nebst Gattin standen zur Besichtigung bereit.

Buhrufe für Clement

Zur besten Frühschoppenzeit hatten sich am Vormittag bereits die Minister Wolfgang Clement und Manfred Stolpe mit der Bevölkerung getroffen. Beide hatten den zwischen ihren Ministerien gelegenen Invalidenpark zur Veranstaltungswiese auserkoren und sahen sich schnell mit der realen Alltagspolitik konfrontiert. Clements Ausführungen zu Arbeit und Wirtschaft wurden mit vereinzelten Buhrufen quittiert. Ein Unternehmer war nach eigenen Worten eigens aus Paderborn angereist - er wolle Arbeitsplätze schaffen, aber man lasse ihn nicht, gab er dem Superminister zu Gehör. Der sagte eine Prüfung der Angelegenheit zu.

"Damit jeder gucken kann"

So galt bis zum Abend für die Ministerien und Schloss Bellevue das, was Kanzler Schröder über sein Amt sagte: "Wir wollen das Haus öffnen, damit jeder gucken kann. Das Kanzleramt ist zwar kein öffentliches, aber ein offenes Haus".

Stefan Lange


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