Tagebuch einer Castor-Polizistin, Tag 5 Wir stoßen an unsere Grenzen


Mehr als 16.000 Polizisten sind im Einsatz, um den Transport der Castor-Behälter mit radioaktivem Müll ins niedersächsische Gorleben zu schützen. Für stern.de berichtet Polizeikommissarin Sarah Respondek von dem Großeinsatz. Der Einsatz geht an die Substanz.
Von Sarah Respondek, Harlingen

Gestern Einsatz bei Hitzacker. Die Ereignisse sind ja durch die Presse gegangen. Um überhaupt dorthin zu kommen müssen wir diverse Umwege und Schleichwege nehmen, weil es Menschen gibt, die brennende Blockaden auf Bundesstraßen errichten oder halt einfach ein paar Trecker stehen lassen. Nicht, dass man einen Trecker nicht relativ schnell beseitigen könnte, aber wir wollen ja nicht, dass den Landwirten ein Schaden entsteht. Also dauert es seine Zeit.

In Hitzacker eingetroffen, wird meiner Hundertschaft ein Streckenabschnitt in der Nähe von Harlingen zugewiesen, den wir während der Nacht sichern müssen. Und es gibt einiges zu tun. Außer uns sind diverse Einsatzkräfte damit beschäftigt, eine große Sitzblockade abzuarbeiten.

Wir frieren langsam durch

Wir haben nach mittlerweile mehr als 20 Einsatzstunden also den nächsten Auftrag bekommen und das Ende dieses Arbeitstages ist noch nicht in Sicht. Bei null Grad stehen wir an der Schiene und frieren langsam durch. Meine Erinnerung an die letzte richtige und vor allem warme Mahlzeit schwindet. Wir versuchen, wenigstens warme Getränke zu organisieren. Die helfen jedoch nicht lange. Kälte und Müdigkeit fangen langsam an, mich zu zermürben.

Ich höre in den Nachrichten, dass sich die Teilnehmer der Schienensitzblockade über den Umstand beklagen, in ein "kaltes Open-Air-Gewahrsam" genommen worden zu sein - und wundere mich. Sie saßen doch eben noch seit Stunden freiwillig in der Kälte auf dem Gleis und hätten vor der Gewahrsamnahme die Möglichkeit gehabt, sich freiwillig zu entfernen - naja, ich muss nicht alles verstehen.

Sechs Stunden bis zum nächsten Auftrag

Auf dem Streckenabschnitt, die meine Einheit schützen muss, kommt es glücklicherweise zu keinen größeren Zwischenfällen. Am Vormittag fährt der Castor-Zug durch, wir werden aus dem Einsatz entlassen. Ich bin völlig durchgefroren und kann meine Augen nicht mehr offen halten.

Ich habe nun sechs Stunden Zeit, bis wir wieder zusammenkommen und auf den nächsten Auftrag warten. Welchen Einsatz wir dann wahrnehmen, steht noch nicht genau fest. Die Gesichter meiner Kollegen zeigen mir, dass sie auch am Ende ihrer Kräfte sind. Bei diesem Einsatz stoßen alle an ihre Grenzen.


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