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Bundesweite Anti-Atom-Proteste: "Schotter"-Training mit der Polizei

In knapp vier Wochen soll der Castor durchs Wendland rollen - wenn Atomgegner ihn nicht stoppen. Um sie zu aktivieren, gibt es heute bundesweit Protestaktionen. Und Unterstützung von der Polizei.

Von Manuela Pfohl

Das waren noch Zeiten! Als vergangenen November 50.000 Aktivisten im Wendland gegen den Castor protestierten und Ende März, kurz nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, mehr als 250.000 Menschen in Deutschland auf die Straße gingen. Als an unzähligen Autos die Aufkleber mit der gelben Sonne klebten und sich die Yuppies Anti-Atomkraft-Buttons an die Designerjacketts steckten. Vorbei! Jetzt, acht Monate und einen Kompromiss-zum-Atomausstieg später, steht ein neuer Castortransport an. Doch nicht wenige Aktivisten befürchten, es könnte statt des Sturms gegen den Atommüll nur noch ein laues Lüftchen rund um Gorleben wehen. Viele Sympathisanten und selbst einige alte Anti-AKW-Haudegen winken nämlich inzwischen ab.

Mit dem Kompromiss zum Atomausstieg bis zum Jahr 2022 seien die Ziele des Widerstands in Deutschland schließlich erreicht. Die Castortransporte bis zum endgültigen Aus müsse man halt notgedrungen hinnehmen. Da half es wenig, dass die großen Initiativen erklärten: ja, aber über die Hälfte der AKWs darf noch mehr als zehn Jahre weiterlaufen. Auch der Einwand, dass selbst bei den außer Betrieb genommenen Reaktoren unklar sei, wie dauerhaft ihre Abschaltung sein wird, verhallte weitgehend. Mitten im schönsten Konsens wollte kaum jemand etwas hören von "Standbyaktivitäten", "Kaltreserven" und verborgenen "Sicherheitsmängeln". Das Ergebnis: Zur lange angekündigten Blockade des Kernkraftwerkes in Brokdorf waren im Juni gerade noch 250 Aktivisten gekommen. War es das?

Viermal soviel Radioaktivität wie beim Super-GAU

Mit einer bundesweiten Mobilisierungskampagne soll das Ende der Anti-Atom-Aktionen doch noch abgewendet werden. In mehr als 57 Orten bundesweit sind für den heutigen Samstag Aktionen lokaler Initiativen gegen den Castortransport geplant, der mit insgesamt elf Behältern ab dem 24. November von der französischen Plutoniumfabrik in La Hague Richtung Wendland rollt - und in jedem einzelnen Behälter viermal soviel Radioaktivität enthält, wie beim Super-GAU in Fukushima ausgetreten ist.

Die klare Ansage des Bündnisses zum Castor-Aktionstag lautet: "Nicht nur in Gorleben, auch in Freiburg, Husum, Aachen oder Erfurt stellen wir uns quer gegen ein Endlager im maroden Gorlebener Salzstock und gegen den Castortransport ins Wendland. Denn Gorleben ist überall!" Dirk Werner, Sprecher von www.lagatom.de erklärt: "Jegliche Atommülltransporte wie zum Beispiel der Castor sind abzulehnen, solange in Atomkraftwerken, Atomforschungseinrichtungen, Uranminen, Urananreicherungsanlagen und Brennelementefabriken weiter neuer Atommüll produziert wird." Tatsächlich ist die Endlagerung des Atommülls die Achillesferse des Atomkompromisses. Denn noch gibt es weltweit kein sicheres Lager. Und Gorleben ist was seine Eignung angeht, mehr als umstritten.

Viel Geld für Gorleben-Erkundungen

Laut "ausgestrahlt", dem Bündnis verschiedener Anti AKW-Initiativen, sind im Entwurf des Bundeshaushaltes 2012 für die Fortsetzung der Bauarbeiten im Salzstock Gorleben 73 Millionen Euro vorgesehen. 2010 seien es nur 25,4 Millionen gewesen. Für die Suche nach anderen Entsorgungsoptionen seien dagegen lediglich 3,5 Millionen Euro eingeplant. Die Gorleben-Kritiker meinen: "Das stärkt den Verdacht, dass im Salzstock Gorleben mit Hochdruck Fakten geschaffen werden, während alternativ nur hier und da mal Studien über Atommüll-Lagerung in anderen Gesteinen wie Ton oder Granit angefertigt werden sollen."

In seinem Mobilisierungsaufruf appelliert Jochen Stay, einer der bekanntesten Aktivisten, deshalb an die vielen müden Kämpfer: "In der nächsten Zeit haben wir die einmalige Chance, das Endlagerprojekt in Gorleben zu kippen! Wir können damit den Einsatz und die Beharrlichkeit Zehntausender aus den letzten 34 Jahren zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen."

Greenpeace deckt grenzwertige Informationspolitik auf

Dass die Umweltorganisation Greenpeace Anfang der Woche die Ergebnisse einer Untersuchung zur Strahlenbelastung in Gorleben veröffentlichte, dürfte zusätzlichen argumentativen Auftrieb geben. Darin heißt es; "Der zulässige Jahresgrenzwert von 0,3 Millisievert könnte am Zwischenlager Gorleben bis Jahresende überschritten werden." Wenn das stimmt, dann kann keinesfalls zusätzlicher Müll mit dem Castor angeliefert werden, denn es bestünde eine erhebliche Gesundheitsgefährdung der Menschen. Ende Oktober will das niedersächsische Innenministerium entscheiden, was nun werden soll.

Bislang hatte es offiziell erhöhte Strahlenwerte abgestritten. Inoffiziell allerdings sah es anders aus, wie das NDR-Fernsehmagazin "Hallo Niedersachsen" nachwies. Es hatte schon vor Wochen einen internen Vermerk der Behörde zitiert, die für die Messungen verantwortlich ist. In dem Vermerk des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) heißt es, nach den aktuellen Werten sei nicht auszuschließen, dass die erlaubte Jahresdosis für 2011 überschritten werden könnte. Eine Einlagerung weiterer Castor-Behälter wäre dann nicht zulässig.

Die Polizei will auch keinen Castor

Eine Nachricht, die den Anti-Atomraft-Aktivisten ganz unerwartet eine neue Allianz bescherte, die sie bislang kaum für möglich gehalten hätte. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der Greenpeacedaten erklärte die niedersächsische Gewerkschaft der Polizei (GdP) am Mittwoch: "Die GdP unterstützt die Forderung der Umweltschutzorganisation Greenpeace nach einer Absage des wahrscheinlich bevorstehenden Castortransports 2011, wenn sich die Zweifel an den bisherigen Strahlenmessungen bestätigen." Der Landesvorsitzende der Gewerkschaft, Dietmar Schilff, meint klipp und klar: "Im Interesse der Bevölkerung und aller eingesetzten Polizeikräfte darf der offenbar geplante Transport im November nun keinesfalls stattfinden, falls dies zutrifft." In der Bewegung rieb man sich ungläubig die Augen beim Lesen des GdP-Zitates und im Vorfeld des heutigen Aktionstages war sogar die Rede davon, die Beamten künftig zum gemeinsamen "Schotter-Training" einzuladen.