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Hans-Martin Tillack: Wie mir Dr. Weltuntergang mit Twitter drohte

Man nennt ihn „Dr. Doom“, zu deutsch „Doktor Weltuntergang“. Der amerikanische Starökonom Nouriel Roubini erkannte früh die Vorboten der Finanzkrise – zu recht. Bereits 2006 sah er das Risiko, dass die Euro-Zone auseinander brechen könnte - bisher zu unrecht, aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Am Wochenende hatte ich einen Mailwechsel mit dem in New York lehrenden Wirtschaftswissenschaftler. Seine zweite Antwortmail endete mit diesen Sätzen: „As a polite warning (i respect fully the press/media and the job they do but i expect them to be fair to me): my reputation and practices are pristine. So if anyone in the press is willing to mislead their readers with false innuendos that smear and damage that reputation I will make sure i will use my public bully pulpit - my 300k plus followers on Twitter - to point out any misleading info and those who spread it.“

Mit anderen Worten: Dr. Doom übermittelte mir die „freundliche Warnung“, dass er mich vor seinen über 300 000 Followern auf Twitter attackieren werde, falls ich irreführende Dinge über seine „makellosen“ Geschäftspraktiken veröffentlichen sollte.

Was war passiert? Ich hatte über die Beziehungen zwischen dem CDU-Abgeordneten Philipp Mißfelder und dem schillernden Finanzunternehmer Christian Angermayer recherchiert. Wie wir in der heute erschienenen Ausgabe des stern berichten, ließ sich Mißfelder mindestens seit 2011 immer wieder von Angermayer oder dessen Helfern zu Hinterzimmerrunden mit Managern von Hedgefonds und anderer großer Kapitalanlagegesellschaften vermitteln, in Berlin wie in New York oder London. Ein Angermayer-Helfer sprach in einer Mail davon, dass man von einigen dieser Firmen im Monat um die 50 000 Dollar für die Vermittlung solcher Gespräche mit Politikern bekomme. Aber der Finanzunternehmer versichert, dass er und seine Unternehmen für solche Dienstleistungen Gelder weder gefordert noch erhalten hätten. Die genannten Summen seien „völlig absurd“.

Mißfelder selbst beteuerte auf unsere Anfrage, er habe von angeblichen Zahlungen an Angermayer für die Treffen nichts gewusst – und er habe in den Gesprächen nur „bereits veröffentlichte Positionen der deutschen Politik kommentiert“.

Die Organisation Lobbycontrol hat daran heute Zweifel geäußert und Aufklärung verlangt, auch wegen Parteispenden aus dem mit Angermayer verbundenen Firmenreich an die von Mißfelder geführte Junge Union. Sei es wie es sei – nach den uns vorliegenden Unterlagen nahm auch der berühmte Nouriel Roubini mehrfach an den besagten Runden mit dem CDU-Politiker teil. Am Freitag hatte ich deshalb per Mail bei dem Ökonomen nachgefragt. Bereits gut zwei Stunden später war seine Antwort in meinem Postfach: Ja, er kenne Mißfelder, seit Angermayer ihn ihm einmal auf dem World Economic Forum im schweizerischen Davos vorgestellt habe. Angermayer habe ihn dann zu den Runden mit dem deutschen Politiker eingeladen, weil man dessen eher optimistische Sicht auf die Zukunft der Euro-Zone mit Roubinis skeptischerem Ausblick kontrastieren wollte.

Das klang nach einer plausiblen und – wie Roubini sagen würde – makellosen Vorgehensweise. Aber dann gab es in den uns vorliegenden Unterlagen noch eine andere Fundstelle. Nach einem Mittagessen von Figuren aus der Finanzwelt mit Mißfelder und Roubini am 3. August 2012 schrieb Angermayer eine Mail an seine „lieben Gäste“, in der er eine Gegenleistung anregte. Genauer gesagt sprach er von der „dankbaren Erwartung“, dass die „off-the-record meetings“ mit Leuten wie Mißfelder auch etwas für die mit Angermayer verbundene Firma Silvia Quandt & Cie. abwerfen würden: Er erhoffe sich einen „Provisionsfluss“ über von der Firma abzuwickelnde Finanzgeschäfte. Einen Überblick über die Broker-Dienste, die man übernehmen könne, füge er gleich bei.

Angermayers Anwalt sagt heute, es sei "legitim", wenn eine Firma wie Silvia Quandt & Cie. "die Anmietkosten für die Räumlichkeiten" solcher Events übernehme und dann anschließend solche Veranstaltungen nutze, um potentiellen Kunden ihren Service zu präsentieren: "Nichts anderes macht jeder Sponsor zulässigerweise auf einer von ihm unterstützten Veranstaltung."

Aber Angermayer setzte damals in seiner Mail vom 3. August 2012 auch hinzu, dass nicht nur er sich vermehrte Geschäfte erhoffe. „Das gleiche gilt auch für Nouriel“, schrieb er. Man möge doch bei Interesse dessen Business Development Manager kontaktieren.

Es war die Nachfrage nach dieser Hoffnung auf Gegengeschäfte, die Roubini fuchsig machte. Ja, antwortete er mir, er betreibe eine makroökonomische Forschungsfirma, die Roubini Global Economics. Und manchmal, wenn er kostenlose Vorträge halte, biete er anschließend den Teilnehmern an, kostenlos seine Dienstleistungen zu testen und eventuell zu abonnieren. Das sei vollkommen normal und in keiner Weise verpflichtend für seine Zuhörer aus der Finanzbranche.

Mir gab er noch den Rat, dass ich mir möglicherweise die falsche Zielscheibe ausgesucht habe („you may be barking on the wrong tree“). Seine Firma sei vollkommen unabhängig und wickele keine Finanzgeschäfte auf eigene Rechnung ab, anders als die großen globalen Geldhäuser, die im stern ihre Anzeigen schalteten. Aber womöglich sei es für mich, den stern-Journalisten, einfacher, mir „David vorzunehmen statt Goliath“.

Es folgte die Drohung mit dem Twitter-Account. Wie gesagt, David hat über 300 000 Follower. Aber wenn alles so makellos ist – warum dann die gereizte Reaktion?

Und die Frage aller Fragen: Warum lässt sich solch ein Ehrenmann mit jemandem wie Christian Angermayer ein? Ach so, aus Roubinis Sicht trägt auch dessen Veranstaltungsservice nur dazu bei, dass Politiker „die Marktteilnehmer“ informieren, „um die Transparenz der Politik so klar wie nötig zu fassen“.

Transparenz – darum ging es also. Hätte ich auch gleich drauf kommen können.

Der Autor dieses Blogs hat ebenfalls einen Twitter-Account und zwar hier, aber noch etwas weniger als 300 000 Follower.