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Turbo-Variante: Neuer Fahrplan für Rente mit 67

Dass sie kommt, steht fest. Doch jetzt soll alles bei der Rente mit 67 noch viel schneller gehen. Denn Müntefering will es, Stoiber vielleicht auch, Seehofer aber nicht. Und schon streiten sich alle.

Wie ein Stich ins Wespennest wirkte es, als Bundessozialminister Franz Müntefering (SPD) am Wochenende laut über das Tempo bis zur Einführung der Rente mit 67 nachdachte. Er könne sich vorstellen, dass das gesetzlich vorgesehene Rentenalter in kürzeren, dafür größeren Schritten von 65 auf 67 angehoben wird als viele aus dem Koalitionsvertrag herausgelesen hatten. Dort steht, dass die Verlängerung der Lebensarbeitszeit um zwei Jahre bis "spätestens 2035" erreicht sein soll. Anders ausgedrückt: Wenn mit dem Hinausschieben 2012 schrittweise begonnen würde, wäre der Prozess nach maximal 24 Jahren abgeschlossen. Nun könnte das nach den Vorstellungen des Vizekanzlers bedeutend schneller gehen. Dann wäre die Rente mit 67 nicht erst im Jahr 2035, sondern schon 2029 oder gar schon 2023 Wirklichkeit.

Koalitionsvertrag keine Bibel

CSU-Parteichef Edmund Stoiber zeigte sich am Montag offen für Münteferings Vorschlag. Dagegen hatte Parteivize Horst Seehofer das Ansinnen scharf zurückgewiesen und auf die Vereinbarung im Koalitionsvertrag hingewiesen. Stoiber sagte am Montag vor Beginn einer CSU-Vorstandssitzung in München, man solle den Koalitionsvertrag "nicht als Bibel nehmen". Schließlich versuche die Union auch, die SPD dazu zu bewegen, die Laufzeiten für Atomkraftwerke zu verlängern.

Was die Heraufsetzung des Rentenalters bedeutet, lässt sich leicht ausrechnen. Käme die "Turbo"-Variante, beträfe dies Geburtsjahrgänge auch jüngeren Datums: Wer heute 54 ist, müsste bereits ein Jahr länger bis zur abschlagfreien Rente arbeiten. Wer 48 und jünger ist, könnte mit 67 in den abschlagfreien Ruhestand. Die Verfechter der Idee - auch in den Reihen der CDU - sehen im höheren Tempo zur Rente mit 67 die Chance, die Rentenversicherung unter weitestgehender Schonung der Beitragszahler schneller wieder auf stabilere Beine zu stellen.

Vorstoß Teil eines Gegengeschäfts?

Was wie eine kleine Sensation wirkte, hatte der Minister schon Mitte Januar angedeutet - freilich ohne große öffentliche Resonanz. Jetzt ist die Ansage angekommen: Künftig muss man für die Rente länger arbeiten, und das wahrscheinlich schon viel früher, als die meisten dachten. Der Beifall aus dem Arbeitgeberlager kam prompt. Was den Minister zu seinem Vorstoß auf dieses bei Sozialdemokraten gemeinhin als "vermint" geltende Terrain bewog, darüber kann nur spekuliert werden. Möglicherweise hat er ein Gegengeschäft mit dem Koalitionspartner eingefädelt, etwa für mehr SPD-Prägung bei der anstehenden Finanzreform im Gesundheitswesen.

Nach einer Faustregel entlastet ein um ein Jahr späterer Renteneintritt die Rentenkassen um fünf bis sieben Milliarden Euro. Eine generell längere Lebensarbeitszeit ist deshalb angesagt: Derzeit geht nur ein gutes Drittel der Neurentner (35,2 Prozent) mit 65 in Rente. Vor zehn Jahren war es ein Viertel. Inzwischen ist der Trend zur Frühverrentung durch Rentenabschläge von 3,6 Prozent für jedes vorgezogene Ruhestands-Jahr unattraktiver gemacht worden.

Jedes spätere Jahr entlastet die Rentenkasse

Vor dem Hintergrund von fast fünf Millionen Arbeitslosen geißeln die Kritiker - allen voran die Gewerkschaften und Sozialverbände - die Rente mit 67 als Irrweg und zusätzliches Rentenkürzungsprogramm. Erst recht die Tempo-Variante: "Wenn man sich in der Sackgasse befindet, sollte man nicht auch noch die Geschwindigkeit erhöhen, sondern die Richtung ändern", meinte IG Metall-Chef Jürgen Peters.

Es zeichnet sich bereits ab, dass sich der Rentenplan mit einer gegenläufigen demographischen Entwicklung kreuzt: Spätestens von 2015 an werden die Beschäftigungschancen für Ältere deutlich steigen. Dann treten geburtenschwache Jahrgänge ins Berufsleben, was nach Einschätzung von Arbeitsmarktforschern den Fachkräftemangel noch einmal verstärken wird, die Rahmenbedingungen für die Rente mit 67 aber verbessern hilft.

mit DPA, AP / AP