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Ulrich Kersten: Ein kühler Kämpfer gegen das Verbrechen

Als Ulrich Kersten 1996 an die Spitze des Bundeskriminalamtes rückte, wurde ein Kandidat gesucht, der die Behörde aus den Schlagzeilen holt. Der 62 Jahre alte Jurist gilt als nüchtern und spröde.

Packende Aufrufe zum Kampf gegen das Verbrechen sind seine Sache nicht: Wenn Ulrich Kersten bei den Herbsttagungen des Bundeskriminalamts (BKA) zu Computer-Kriminalität oder Terror-Bedrohung das Wort ergreift, fallen selten griffige Zitate. Nüchtern, fast spröde analysiert der 62-Jährige und hebt dabei kaum einmal die Stimme: An der Spitze von Deutschlands zentraler Polizeibehörde mit 5000 Bundespolizisten steht ein kühler Jurist, der mit dem Kopf und nicht aus dem Bauch heraus gegen Terrorismus und Gewalt kämpft.

Das ist durchaus kein Zufall: Als Kersten im April 1996 nach einer Karriere im Bundesinnenministerium an die Spitze des BKA kam, wurde ein Kandidat gebraucht, der Ruhe in die Behörde und ihre Außendarstellung bringen sollte. So schildern es zumindest altgediente BKA-Mitarbeiter. Zuvor hatte das Bundeskriminalamt 1993 in Bad Kleinen sein Fiasko erlebt, und Kerstens temperamentvoller Vorgänger Hans-Ludwig Zachert mit ständigen Attacken auf die Politik den damaligen Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU) verstimmt.

Ein "Eigengewächs"

Unter Kersten sollte damit Schluss sein; das Amt übernahm nicht mehr ein gelernter Polizist wie Zachert, sondern ein "Eigengewächs!" des Bundesinnenministeriums mit engem Kontakt zur Politik. Der verheiratete Rheinländer hatte 1970 im Referat "Olympische Spiele München" beim Ministerium begonnen und dort - ungeplant - erstmals mit Terrorismus zu tun. Mehrere Stationen in Polizei- Referaten des Ministeriums folgten. 1995 übernahm der promovierte Jurist die Abteilung, die nach der deutschen Vereinigung den Bundesgrenzschutz neu aufbaute, und empfahl sich damit für weitere Karrierestufen.

Als BKA-Präsident arbeitete Kersten systematisch an der engen Verbindung des Amtes mit ausländischen Polizeibehörden, er baute die Fingerabdrucksammlung aus und erweiterte die Gendatei der Bundespolizei, mit der zahlreiche Gewaltverbrecher noch Jahrzehnte nach ihren Taten überführt wurden. Nach den Anschlägen in den USA am 11. September 2001 rückte das BKA verstärkt in den Mittelpunkt des Interesses, die Mittel wurden deutlich aufgestockt.

Distanz zu den Mitarbeitern

Trotz erfolgreicher Arbeit blieb das Verhältnis zu manchen Mitarbeitern aber distanziert. "Er brüllt nicht, aber er zeigt ihnen auf andere Weise, dass sie keine Ahnung haben", sagt Brigitte Becker von der Fachgruppe BKA der Deutschen Polizeigewerkschaft. Der von Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) angekündigte Umzug der BKA-Spitze von Wiesbaden nach Berlin geht nach Auffassung der Gewerkschafterin eigentlich auch auf einen Vorschlag Kerstens zurück. Mangelnder Kontakt zu den Beschäftigten habe jedoch dazu geführt, dass er die Proteste gegen seine Umzugspläne unterschätzte, meint die Gewerkschafterin.

Anders als sein Vorgänger beteiligt sich Kersten am gesellschaftlichen Leben in Wiesbaden kaum. Am BKA-Hauptsitz hat er nur eine kleine Wohnung; ungeachtet der Terminlage übernachtet der Rheinländer gelegentlich auch in der Woche in seiner Wohnung bei Bonn. "Er ist überhaupt nicht hier verankert", sagt eine Rathausmitarbeiterin in Wiesbaden. "Wenn ich BKA höre, denke ich immer noch zuerst an Zachert."

Rolf Schraa / DPA