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Und jetzt ... Django Asül: Angela Merkel unter Strom

Ökostrom geht nicht ohne Atomkraft - is' klar. Um das zu beweisen, begibt sich die Kanzlerin nun auf Energiereise durchs Land. Mit dabei: ihr neuer PR-Chef Steffen Seibert, der Merkels Trip à la Peter Lustig den Medien präsentieren darf.

Ein satirische Vorschau von Django Asül

Nach den Sommerferien geht die Kanzlerin erstmal auf Lern-, pardon, Energiereise um herauszufinden, welcher Strom am besten geeignet ist für die Mikrowelle, den Whirlpool oder die amerikanische Justiz. Mit dabei: Ihr neuer PR-Chef Steffen Seibert, der die Reise à la Peter Lustig den Medien präsentieren darf.

Vielen ist das noch aus der Grundschulzeit vertraut: Zu Beginn eines Schuljahres findet ein Wandertag statt. Sofortige Lernzielkontrollen wären nämlich kontraproduktiv. Schließlich hat das deutsche Schulsystem die Sommerferien erfunden, damit das Gelernte erfolgreich in Vergessenheit geraten kann. Was für Schüler recht ist, kann einer deutschen Kanzlerin nur billig sein. Auch sie fängt diese Woche wieder bei null an. Das bedarf in ihrem Fall keiner großen Umstellung.

Konstanz und Verlässlichkeit im Amt kann auch auf diese Weise gezeigt werden.

Weil der politische Alltag hierzulande derzeit kein Eingreifen der Führung erfordert, kann es sich Angela Merkel leisten, aus einem Wandertag gleich Wanderwochen zu machen. Exakt formuliert ist es eine Lernreise, sagt ZDF-Kanzlersprecher Seibert. Quasi Lernen auf Rädern, was pädagogisch weitaus sinnvoller sein dürfte als banaler Frontalunterricht, den Merkel in Sachen Afghanistan dauernd bekommt.

Sie selber nennt es Energiereise. Fehlt eigentlich nur noch Peter Lustig, um daraus ein Löwenzahn-Special zu machen. Dass dieser Kinderbildungs-Klassiker justament im ZDF geboren ward, hat angeblich nichts mit Herrn Seibert zu tun. Umgekehrt wird aber ein Schuh daraus: Die Aufgabe von Seibert besteht scheinbar nicht nur darin, zähe Unentschieden im Regierungsapparat als Kantersiege zu verkaufen, sondern vor allem der Kanzlerin Möglichkeiten der Allgemeinbildung zu erarbeiten. Dass Merkel bis 1989 eher suboptimale Bedingungen in Sachen Informationsbeschaffung hatte, ist ja nicht ihr Verschulden. SMS waren im Osten verpönt. Google nannte sich damals Stasi und operierte sehr subversiv bis analog. Online-Banking war Schalk-Golodkowski vorbehalten.

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Also schickt Seibert seine Chefin raus in die germanischen Hoch- und Tiefebenen auf einen hochindividuellen Volkshochschultrip. Am Abend fragt Seibert sie dann aus und präsentiert am nächsten Morgen die Ergebnisse den Medien. Erste Station der Lernreise ist ein Windpark in Krempin. Frau Merkel wäre womöglich gerne in einen Tierpark gegangen. Aber den gibt es nun mal in Krempin nicht. Ein Windpark macht für Krempin auch mehr Sinn. Das ist exotischer und weit weniger aufwändig als ein Tierpark. Und das ganze Jahr geöffnet. Natürlich ist Wind kein Neuland für die Kanzlerin. Schließlich bekommt sie von Westerwelle frischen Wind in Orkanstärke und von Seehofer stets Gegenwind. Aber so einen direkten Vergleich zwischen Wind in freier Wildbahn und domestiziertem Parkwind hatte sie noch nie. Und wenn eine deutsche Kanzlerin schon dauernd zu irgendwelchen Gipfeln in alle erdenklichen Windrichtungen aufbricht, sollte sie diese auch kennen. Bei entsprechendem Lernerfolg will Seibert sie dann in eine Windenergieanlagenfirma nach Rostock schicken. Dort muss Merkel begreifen, dass so ein Unternehmen nicht Anlagen baut, die aus Energie Wind erzeugen, sondern umgekehrt. Ein großes Manko in der Atomlobby von CDU/CSU ist nämlich die Vorstellung, dass man die AKWs braucht, um bei Windstille die Windräder anzutreiben.

Die nächste Stufe ist laut Plan ein Besuch der Strombörse in Leipzig inklusive einer Gratis-Stromverkostung. Welcher Strom fühlt sich am besten an? Welcher Strom ist beispielsweise am besten geeignet für die Mikrowelle, den Whirlpool oder die amerikanische Justiz? Antworten auf diese Fragen sollen Merkel dadurch in Zukunft leichter von der Hand beziehungsweise vom Hirn gehen.

Erst in zwei Wochen besucht sie ein Atomkraftwerk in Lingen. Damit will sie schon ihre Abscheu gegenüber Atomstrom signalisieren. Getreu ihrer Harmoniesucht will Merkel aber auch die Stromkonzerne nicht vergrätzen. Um alles unter einen Hut zu kriegen, ist die geheime PR-Marschroute ein bisschen verquer: Deutschland könne nur mit einem stabilen Anteil von Atomstrom ein Ökostromland werden. Sie will also den Teufel mit dem Beelzebub und EON durch RWE austreiben. Das lassen die Strombosse in ihrer Funktion als Kartellbrüder natürlich nicht auf sich sitzen und weisen dezent auf ihr Erpressungspotenzial hin. Das ist durchaus legitim, weil ja Deutschland keinerlei inländische Mafiaorganisation zu bieten hat, die eine gesunde Kontrolle der Regierung gewährleisten könnte. Konkrete Maßnahmen behält sie sich nach Ende der Merkelschen Lernreise vor.

Nach dem AKW-Besuch geht es nämlich noch mal so richtig ins Detail. Dann stehen Besuche in Elektrogeschäften auf der Agenda. Diverse Steckdosen, Kabel und Elektrogeräte soll Merkel kennenlernen zwecks Erkenntnis, dass ohne Strom die Nächte noch dunkler und ihre Mobiltelefone dauerhaft saftlos sind. Mit diesem angedeuteten Worst Case-Szenario will Seibert seiner Chefin klarmachen, dass ein Energiekonsens nicht länger auf sich warten lassen darf.

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Bis Ende September soll das endgültige Energiekonzept von Schwarzgelb stehen. Dann muss klar sein, wie lang die AKWs noch laufen und woher Deutschland im Notfall Wind importieren will. Die Opposition macht ordentlich Druck und hält der Regierung den Spiegel vor. Laut Koalitionsvertrag ist Atomstrom nur eine Brückentechnologie. Und da Deutschland mehr als genug Brücken hat, verliert Atomstrom nach Ansicht von Rotgrün seine Daseinsberechtigung.

Letzten Endes bleibt die Umsetzung des Konzeptes an Umweltminister Norbert Röttgen hängen. Konkrete Standpunkte sucht man in seiner Vita vergeblich. Gerade diese Flexibilität prädestiniert ihn zum obersten Umwelthüter. Natürlich gefällt ihm die Idee, aus Wind Strom zu gewinnen. Und falls mal der Wind politisch aus einer anderen Richtung weht, hat er bestimmt eine neue Idee parat. Wahrscheinlich will er dann Strom durch Elektrizität erzeugen. Für Merkel bedeutet das: Die nächste Lernreise ist so gut wie sicher.