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Und jetzt ... Django Asül Wickie und die Leakinger


Wikileaks - und kein Ende. Kein Wunder, dass auch stern.de-Kolumnist Django Asül nicht am Enthüllungsportal vorbeikommt. Seine Forderung: Wikileaks soll das offizielle Facebook für Politiker werden.

Eines muss man Wikileaks lassen: Binnen weniger Tage hat das Enthüllungsportal ein neues Kommunikationszeitalter eingeläutet. Wenn selbst auf dem flachen Land Rentnerinnen im Cafe darüber philosophieren, ob man diesem Wickie Lieks das Bundesverdienstkreuz oder gleich irgendeinen Nobelpreis verleihen sollte, scheint das umstrittene Medium tatsächlich ein Beitrag zur Bürgergesellschaft zu sein. Kurioserweise wird Wikileaks vielerorts als Unruhefaktor wahrgenommen. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wikileaks ist ja eine Art Klartextforum. Wer sich dort kundig macht, weiß Bescheid. Und es bleibt kein Raum mehr für Mutmaßungen und Spekulationen. Ein wirksamerer Mechanismus gegen Politikverdrossenheit ist weit und breit nicht in Sicht. Anstatt sich über die Enthüllungen zu echauffieren, sollte die Politik lieber in positivem Sinne in die Offensive gehen und Wikileaks zum offiziellen Politiker-Facebook küren.

Für das deutsch-amerikanische Verhältnis hätte es sowieso nicht besser kommen können. War doch in den letzten Jahren ein gewisser Antiamerikanismus fast schon en vogue. Amerika wurde stets skeptisch beäugt. Für viele Deutsche war der Amerikaner nichts anderes als ein Krisenschürer, der nach Lust und Laune Länder okkupiert und bombardiert, um sich Rohstoffvorkommen zu sichern. Und jetzt sitzt da ein Obama, der im Inland mehr Feinde hat als im Ausland und deshalb auch keine große Lust hat, der ganzen Welt zu zeigen, wo es angeblich lang geht. Mit anderen Worten: Jetzt soll mal schön der Europäer den Karren aus dem Dreck ziehen, weil Amerika familiäre Probleme hat. Das gefiel den Deutschen natürlich auch nicht. Hierzulande sind nur wenige bereit, den globalpolitischen Müll der Bush-Ära zu entsorgen. Und niemand wusste so recht, wie der Ami eigentlich wirklich tickt.

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Dieser ungemütliche Status quo gehört dank Wikileaks der Vergangenheit an. Die Veröffentlichungen belegen nämlich eindeutig: Die amerikanischen Politiker denken über die deutsche Regierung nicht anders als die deutschen Wähler. Das schafft eine Verbundenheit sondersgleichen. Zudem bringt es auch all den Merkels und Westerwelles Sympathiepunkte ein, wenn der Normalbürger erfährt, dass sich die Bundesregierung in den Dark Rooms der internationalen Diplomatie nicht anders gibt als vor der deutschen Öffentlichkeit. Wenn Merkel nun ihre Glaubwürdigkeit beweisen kann, ohne dass sie selber zur Plaudertasche mutiert, sollte sie sich freuen und einen Kooperationsvertrag mit Wikileaks abschließen. Im Vorfeld etlicher Landtagswahlen im Jahre 2011 täte ihr diese Art der kommunikativen Landschaftspflege mehr als gut. Wenn junge FDP-Karrieristen willig Informationen bei den Amerikanern abliefern, ist es für eine Kanzlerin nicht anrüchig, den Dienstweg zu verkürzen - am Ende landet ohnehin alles bei Wikileaks.

Richtig zickig hat eigentlich wieder mal nur Westerwelle auf die ganze Geschichte reagiert. Womöglich hat er zwar schon vorher gewusst, dass er eitel und inkompetent ist. Aber Kritik war noch nie seine Welt, wenn es um ihn selber geht. Dabei müsste gerade er als Außenminister angesichts der Erkenntnisse aus der neuen Datenschwemme frohlocken. Woher hätte er sonst erfahren sollen, dass China mit einem Zusammenbruch des nordkoreanischen Regimes binnen drei Jahren rechnet? Oder glaubt er wirklich, die Chinesen informieren zuallererst die Regierungen, die sie sowieso nicht für voll nehmen? Wenn man Wikileaks etwas vorwerfen kann, dann nicht die Gefährdung von Demokratien oder diplomatischen Gepflogenheiten, sondern eher das Wecken schlafender Westerwelles. Der FDP-Chef wird in seiner gewohnt verkürzten Sicht der Dinge nun geneigt sein zu glauben, dass Wikileaks die ganze Aktion nur gemacht hat, um ihm, also dem weltbesten Politiker, zu schaden.

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Ohnehin wird die Brisanz von Wikileaks gnadenlos überschätzt. Wenn sich das Portal nun auf eine Großbank stürzen will, ist das zwar moralisch höher einzustufen als eine Attacke auf die Caritas. Aber im Prinzip weiß man ja jetzt schon, dass sich Banken nur bedingt als Heilsbringer eignen. Und wie toll die Bankenkontrolle funktioniert beziehungsweise eben nicht, ist seit einigen Jahren Gegenstand täglicher Diskussionen. Wikileaks-Chef Assange sollte sich deshalb Angelegenheiten widmen, die wirklich Neues zutage bringen. Wer sabotiert die Garderobe von Angela Merkel? Wer korrumpiert die Innenverteidigung des FC Bayern München? Welche dunklen Kräfte halten die SPD von der Politik fern? Und wer stellt in diesem Zusammenhang den Speiseplan von Sigmar Gabriel zusammen? Wer hat so einen Hass auf Hamburg, dass er Olaf Scholz als Bürgermeister dort installieren will?

Die Antworten auf diese Fragen sind wahre kommunikative Sprengsätze. Danach kann sich Wikileaks gerne auf Herrn Westerwelle konzentrieren. Aber bitte vorher umbenennen. Zu Schickimickileaks.

Django Asül live in der Schweiz am 5. Dez in Winterthur / 7. Dez in Zug / 8. Dez in Bern


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