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Schlag 12 - der Mittagskommentar aus Berlin: Wer die Bundeswehr will, muss sie attraktiv machen

Die Bundeswehr braucht jene, die kaum Interesse an ihr haben: Talente, Begabte, Akademiker. Das kostet Geld - das von der Leyen aber schon auftreiben wird.

Von Lutz Kinkel

Mehr Geld, mehr Kitas: Die Bundeswehr versucht ein "normaler" Arbeitsgeber zu werden.

Mehr Geld, mehr Kitas: Die Bundeswehr versucht ein "normaler" Arbeitsgeber zu werden.

Nehmen wir mal an, Sie hätten Informatik studiert. Einen Abschluss als Mediziner. Oder wären diplomierter Ingenieur. Würden Sie auch nur eine Millisekunde lang in Erwägung ziehen, sich bei der Bundeswehr zu bewerben? Mitnichten. Wer in der freien Wirtschaft gutes Geld verdienen und in Ruhe leben kann, der sehnt sich nicht nach muffigen Kasernen, brüllenden Vorgesetzten und Bürokratie. Die Bundeswehr ist als Arbeitgeber so interessant wie Island für Strandurlauber. Vor allem für Akademiker, die auf dem Jobmarkt reichlich Alternativen haben.

Das war relativ unproblematisch, solange es noch die Wehrpflicht gab. Die Bundeswehr konnte ganze Jahrgänge zum Vorstellungsgespräch mit anschließender Probezeit verpflichten. Eine Art Zwangsrekrutierung, bei dem sich die Nachwuchsfrage schon lösen ließ. Inzwischen ist die Bundeswehr eine Berufsarmee, kein Mensch muss da mehr hin. Gleichzeitig führt die seit Jahrzehnten sinkende Geburtenrate dazu, dass in vielen Berufsgruppen der Nachwuchs knapp wird. In dieser Situtation tut Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen das einzig Richtige: Sie versucht, Jobs bei der Bundeswehr attraktiver zu machen. Mit höheren Zulagen, besseren Beförderungschancen, Zuschlägen zur Rente.

Das 300-Millionen-Loch

Gleich zu Beginn ihrer Amtszeit hat sie zudem gefordert, Kitas in Kasernern einzurichten - und damit massiv Spott auf sich gezogen. Sie würde das Verteidigungs- mit dem Familienministerium verwechseln, hieß es, setze die falschen Prioritäten, sei halt, weil Frau, viel zu sehr auf die weichen Faktoren bedacht. Von der Leyen hat diese Kritiker hinter sich gelassen, indem sie sehr forsch auch andere, "harte" Themen platzierte: vom Rüstungseinkauf über die Ausstattung bis zur Frage der Auslandseinsätze. Und jetzt mal ehrlich: Warum sollte die Bundewehr nicht, wie jeder andere gute Arbeitgeber, Kita-Plätze organisieren? Zumal der größte Teil der Truppe gar nicht im Einsatz ist.

Nun kursiert, pünktlich zum Zeitpunkt, da Ursula von der Leyen ihre "Attraktivitätsoffensive" vorstellt, in den Medien ein Papier, wonach ihre Maßnahmen nicht zu finanzieren seien. Es würden im Jahr 2016 rund 300 Millionen Euro fehlen. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble will bekanntlich keinen Cent zusätzlich für das Verteidigungsministerium locker machen, er will sich mit der "schwarzen Null" in den Geschichtsbüchern verewigen. Aber Schäubles Hartherzigkeit muss kein Schaden für von der Leyen sein: So verschafft er ihr ein nicht zu widerlegendes Argument, den bürokratischen Apparat zu beschneiden und Gelder umzuschichten. Der Kostendruck ist politischer Sprit für die Reformerin von der Leyen.