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Von der Leyen in Afghanistan: Wo Ministerin auf Truppe trifft

Ursula von der Leyen besucht die deutschen Soldaten in Afghanistan – und zeigt gleich, wie sie ihr neues Amt versteht: Kümmerin statt Geostrategin, Anwältin der Soldaten statt Polit-Technokratin.

Von Tilman Gerwien, Masar-e-Scharif

Woran liegt es nur, dass dieser Frau, egal, was sie macht, immer alles gleich zum großen Staatstheater gerät? Es hat viele vorweihnachtliche Besuche deutscher Verteidigungsminister bei den Bundeswehrsoldaten im fernen Afghanistan gegeben, aber dieser hier ist anders, weil alles anders ist, seit Ursula von der Leyen ihr neues Amt übernommen hat – ein Amt, dass Politiker zermürben oder, im Erfolgsfalle, für allerhöchste Weihen empfehlen kann.

6.30 Uhr Ortszeit, Masar-e-Sharif, Nordafghanistan: Die kleine zierliche Frau verlässt die Gangway der Regierungsmaschine, die sie aus Berlin hierher gebracht hat. Sechs Stunden Flugzeit, aber eine andere Welt: Kampfhubschrauber auf der Landepiste, über ihr am grauen Winterhimmel schwebt ein überdimensionales Luftschiff, das mit einem "Persistant Threat Surveillance System“ die gesamte Umgebung des Flughafens nach Gefahrenquellen abscannt.

Ursula von der Leyen verschwindet fast in einem Kordon von Fleckentarn-Uniformen: dezent geschminkt, die Haare zu jener unerbittlich bretthart sitzenden Föhnfrisur gesprayt, die mehr und mehr ihr Markenzeichen wird. Ein Lächeln, ein Händeschütteln mit Generalmajor Jörg Vollmer, dem Kommandeur des Regionalkommandos Nord, und sie ist angekommen in der Realität ihres neuen Amtes. Einer Realität, zu der auch hier immer noch das Sterben gehören kann, Tag für Tag.

Unbedingt noch vor dem Fest hierher

2.300 deutsche Soldatinnen und -soldaten sind in Masar-e-Sahrif stationiert, es ist der mit Abstand größte Auslandsstützpunkt der Bundeswehr. Die Kasernenanlage am Rande der Stadt ist ein kleines Imperium, eine eigene deutsche Welt in der afghanischen - mit Internet-Cafe, Pizzeria, Fitness-Studio und Discothek. Von der Leyen, erst fünf Tage im Amt, wollte unbedingt hier der Truppe noch vor dem Fest ihren ersten Besuch abstatten. Wie hätte es auch ausgesehen, wenn ausgerechnet sie, das wohl größte Kommunikationstalent dieser Regierung, sich zum Plätzchenbacken ins Eigenheim in Beinhorn bei Hannover zurückgezogen hätte?

Sie wird sich jetzt zwei Tage lang nur innerhalb des Stützpunktes bewegen, mit dem US-amerikanischen Isaf-Kommandeur Joseph Dumford und dem aus Kabul herbeigereisten deutschen Botschafter zusammentreffen, einen Rundgang über den von Soldaten gestalteten "Weihnachtsmarkt“ machen und am Ehrenhain der ums Leben gekommenen Bundeswehrangehörigen gedenken.

Ausflüge aus dieser ummauerten Kasernen-Welt? Zwar ist die Lage in diesem Teil Afghanistans einigermaßen stabil, trotzdem würde das extrem hohen Aufwand für die Absicherung der prominenten Besucherin bedeuten. Land und Leute also: Fehlanzeige. Nur die verschneiten Berge am Horizont lassen für Ursula von der Leyen erahnen, dass es ein Afghanistan da draußen, jenseits der aufgetürmten Stacheldrahtrollen und Sandsackbarrieren, gibt. Das ist, zwölf Jahre nach Beginn des internationalen Afghanistan-Einsatzes eigentlich ziemlich deprimierend.

In der Abkürzungswelt der Armee ist sie "Ibuk“

43 Journalisten aus Deutschland begleiten sie, von der Leyen will und sucht die Öffentlichkeit – für sich und die Bundeswehr. "Es wird mehrere Gelegenheiten geben, wo Ministerin auf Truppe trifft", teilt der Presseoffizier mit. "Und wo Ministerin auf Truppe trifft, sind Sie dabei! Damit Sie das gute Bild bekommen, das Entscheidende!"

Erster Programmpunkt also: "Gemeinsames Frühstück mit Soldatinnen und Soldaten des deutschen Einsatzkontingentes Isaf“. Von der Leyen entert mit ihrem Tross den kantinenähnlichen Speisesaal, großes Gedränge, Kameras, Notizblöcke: Die Medien nehmen hautnah Anteil, wie die neue Ministerin sich am Automaten einen Latte Macchiato zieht, auf einem Tablett Brötchen, Käse und Butter zu ihrem Platz bei den Soldaten balanciert.

In der Abkürzungswelt der Bundeswehr ist sie jetzt "Ibuk“, "Inhaberin der Befehls- und Kommandogewalt", aber von der Leyen begreift ihre neue Rolle eher als oberste Anwältin und Kümmerin für die Truppe, das wird schnell klar. Sie fragt, ob es mit der Post und dem Telefonieren in die Heimat klappt, will wissen, welche Ausbildung die Männer und Frauen haben, mit denen sie ins Frühstücksbrötchen beißt. Ihre Erfahrungen, die sie erst als Familien- und dann als Arbeitsministerin sammeln konnte, verlängert von der Leyen kurzerhand in ihr neues Amt. Und die Männer und Frauen in Uniform, die sonst bei Ministerbesuchen gern mal in wortkarges Brüten verfallen, kommen mit ihr tatsächlich ins Gespräch.

"Man hat mich sehr warmherzig aufgenommen“

Draußen warten die Journalisten fröstelnd in der Winterkälte auf das erste Pressestatement der Ministerin. Dann wieder der Presseoffizier mit einer knappen Lagemeldung: "Wir haben jetzt die Information, dass die Ministerin sich gerade von ihrem Platz erhoben hat!"

Ursula von der Leyen erscheint und verbreitet jetzt auch hier, in der Kälte von Masar-e-Sharif jene unnachahmliche Mischung aus menschlicher Nähe und großem Pathos, das in der graugesichtigen Merkel-Republik so hervorsticht. Verteidigungsminister, das waren in Deutschland bisher immer Männer, und diese Männer sprachen am liebsten vom transatlantischen Bündnis, von Waffensystemen, Lücken im Wehretat und der Sicherheitslage im Allgemeinen und Besonderen.

Sie spricht vom Einsatz für Frieden und Menschenrechte und Demokratie, von Weihnachten, der "großen Familienzeit“. "Man hat mich sehr warmherzig aufgenommen“, sagt sie. "Ich weiß, dass ich sehr viel zu lernen habe." Aber das mit dem schnellen Lernen in neuen Ämtern – das war ja noch nie ihr Problem.

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