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WAHLKAMPF-AUFTAKT: Der Kanzler setzt auf Zuversicht und Kampfgeist

Die Mobilisierung der Parteibasis soll das Blatt im Wahlkampf wenden. Schröder rief die SPD-Anhänger auf, »kämpferisch und selbstbewusst diese Wahl zu entscheiden.«

Schröder forderte seine Partei am Montag vor rund 5000 Anhängern in seiner Heimatstadt Hannover auf, in den kommenden Wochen mit allen Kräften für einen erneuten Wahlsieg zu kämpfen und damit das Blatt noch zu wenden. »Ich bin fest davon überzeugt, dass hier vom Opernplatz in Hannover ein Signal ausgehen wird: Die Sozialdemokraten machen sich auf, um kämpferisch und selbstbewusst diese Wahl zu entscheiden«, rief Schröder unter dem Jubel der SPD-Anhänger.

Die SPD-Führung hatte die heiße Phase ihres Wahlkampfs aufgrund der anhaltend schwachen Umfragewerte um knapp drei Wochen vorgezogen. Die Sozialdemokraten liegen seit Wochen in Wahlumfragen deutlich hinter der Union zurück und hätten derzeit zusammen mit ihrem grünen Koalitionspartner keine Mehrheit im Bundestag.

Auf die Hannoveraner kann sich Gerhard Schröder verlassen. Dicht an dicht standen die Bürger der niedersächsischen Landeshauptstadt am Montag beim bundesweiten Wahlkampfauftakt der SPD auf dem Opernplatz. »Weit mehr als 10 000 Menschen« zählte der Kanzler beim Heimspiel in seiner Heimatstadt. Diese Zahl halbierte die Polizei in ihrer offiziellen Zählung zwar, doch bewies Schröder damit immer noch erheblich mehr Zugkraft als mancher örtliche Genosse vorab befürchtet hatte.

Stimmungstief

Gegen die schlechten Meinungsumfragen, die die SPD momentan im 35- Prozent-Stimmungstief sehen, setzten die Sozialdemokraten in Hannover demonstrative Siegeszuversicht und Kampfgeist. »Hier vom Opernplatz wird ein Signal ausgehen: Die Sozialdemokraten machen sich auf, um kämpferisch und selbstbewusst diese Wahl für sich zu entscheiden«, sagte Schröder unter lautem Beifall. Seine Botschaft: Die von ihm geführte Bundesregierung habe auf vielen politischen Feldern einen eigenen deutschen Weg eingeschlagen. »Wir haben viel geschafft, aber nicht alles erreicht. Deshalb brauchen wir ein zweites Mandat, um unseren deutschen Weg zu Ende zu gehen.«´

Zuversicht trotz Umfrage-Tief

Zuversicht trotz schlechter Umfragewerte zeigten am Rande des SPD- Präsidiums, das vor der Kundgebung getagt hatte, auch andere führende Genossen wie der Fraktionsvorsitzende Ludwig Stiegler: »Jetzt gehen wir in die Auseinandersetzung. Und eine Partei wie die SPD mit über 700 000 Mitgliedern ist eine Wucht. Die wissen, was auf dem Spiel steht. Und die kämpfen und laufen und gewinnen.« Der neue Verteidigungsminister Peter Struck hielt ohnehin nicht viel von den Prognosen. »Die Erfahrungen, die man selbst bei Veranstaltungen sammelt, stehen in großem Widerspruch zu den Meinungsumfragen.«

»Wahlkampfzeiten sind Zeiten der Zuspitzung«, befand Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Genau dies stellte die SPD anschließend beim Wahlkampfauftakt unter Beweis. Die grobe Arbeit überließ der Kanzler und Parteivorsitzende dabei allerdings seinem Generalsekretär Franz Müntefering und Niedersachsens Regierungschef Sigmar Gabriel. »Weshalb sollten wir dieses schöne Land in die Hände der Stoibers, der Merzes und der Kochs geben«, fragte Müntefering.

Wie er war auch Gabriel der Ansicht, dass Stoiber der falsche Mann für Deutschland sei. »Da tritt die alte Garde der Ära Kohl an. Vier Jahre waren sie tiefgekühlt. Und jetzt werden sie nach und nach aufgetaut. Aber an der Fleischtheke steht das Schild: Vor dem Verzehr von aufgetautem Fleisch wird gewarnt.«

Schröder staatstragend und kontrolliert

Schröder selbst gab sich staatstragend und kontrolliert. Mehr als den politischen Gegner attackierte er die deutsche Wirtschaft, zum Beispiel wegen ihrer nachlassenden Ausbildungsbereitschaft: »Ich appelliere an die Wirtschaft: Spielt Euch nicht als fünfte Kolonne der Opposition auf, sondern sorgt für die Ausbildungsmöglichkeiten in den Betrieben.« Staatsräson bewies Schröder auch beim Thema Irak. »Spielchen mit Krieg« seien mit ihm nicht zu machen.

Die SPD-Anhänger unterbrachen den Kanzler immer wieder mit frenetischem Beifall. »Dranbleiben, Gerd« und »Stoppt Stoiber« stand auf den Plakaten, die viele mitgebracht hatten. Am Ende gab es »Gerhard, Gerhard«-Sprechchöre. Und für Doris Schröder-Köpf ließ sich die Menge gar zu einem Ständchen hinreißen: Die Kanzlergattin feierte ihren 39. Geburtstag. Selbst daraus versuchte Müntefering politisch Kapital zu schlagen: »Heute gratulieren wir Doris Schröder-Köpf, am 22. September Gerhard Schröder und uns allen.«