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Weimers Woche: Die linke Fehlzündung

Angesichts der bösen Banken und unfähigen Manager sollte man meinen: Nie war die Zeit günstiger für linke Gemüter, aus ihren Verstecken zu kommen - und noch einmal Revolution zu spielen. Ein Gastbeitrag von Wolfram Weimer.

Eine fiese Finanzkrise, arrogante Amerikaner, miese Manager, böse Banken, - nie schien die Lage so günstig für linke Gemüter. Darum kamen sie auch wie Dinosaurier aus ihren ideologischen Museen gestampft und spielten für einige Wochen noch einmal Revoluzzerparty. Doch vollkommen erfolglos. Nichts passiert, wovon die Linke kurz geträumt hat. Der Kapitalismus geht nicht unter, die Revolution fällt wieder einmal aus, die Umfragewerte für linke Parteien fallen sogar. Unter den Spätsommer-Spontis macht sich schon im Herbst wieder Enttäuschung breit. Selten ist ein politischer Stimmungsballon so rasch geplatzt.

Fast alle politischen Beobachter hatten Anfang September noch gewettet, dass nun Oskar Lafontaines Linkspartei ebenso schnell aufsteigen werde wie die Aktienkurse fallen. Der Linksrutsch nach dem Linksrutsch dräute, die alten Seilschaften von Genossen machten Stimmung wie seit dem Nato-Nachrüstungsbeschluss nicht mehr. Alle raunten von einer "Zeitenwende", manche gar von einem "zweiten Mauerfall". Doch keine zwei Monate später reibt man sich die Augen. Die Linkspartei hat seit ihrem Hoch im August deutlich an Zustimmung verloren, die SPD dümpelt in den Umfragen bei Mittzwanzigerwerten und die Grünen liegen mittlerweile klar hinter der - schlimm, schlimm neoliberalen - FDP zurück, obwohl man gerade denen einen Absturz in der Wählergunst vorhergesagt hatte.

Das Volk reagiert konservativ

Weder hat es eine Zeitenwende gegeben noch einen Mauerfall. Die gefühlte Stimmung der Genossen und die tatsächliche des Volkes entwickelt sich genau in die entgegen gesetzte Richtung. Das Volk reagiert im Angesicht einer drohenden Rezession konservativ, es spart, folgt der CDU-Kanzlerin und hält sich an Bewährtes. Dass es der polischen Linken überhaupt nicht gelingt, aus der turbulenten Lage Kapital zu schlagen, hat auch langfristige Gründe.

Zum einen leidet die linke Gedankenwelt seit dem Zusammenbruch des Ostblock-Kommunismus immer noch am totalitären Erbe. Der real existierende Sozialismus hat mit seinen Hinrichtungskellern und Mauern den Langfristkredit der Moralität und Utopie nachhaltig geraubt. Linke Gesellschaftsvisionen klingen immer ein wenig nach der bleiernen Zeit des Ideologischen. Wenn die Linken also vorschnell von einem neuen "Mauerfall" reden, dann verraten sie nur ihre eigene ideologisch-totalitäre Erblast.

Der Geist stand links

Das zweite Problem der Linken bezieht sich auf die Benchmark. Sie können nicht sagen, wo ihr Vorbild liegt, ohne sich die autoritären Regime des modernen Staatskapitalismus in China und Russland, Venezuela oder Nordkorea schönzureden. Denn nicht nur die historischen, auch die gegenwärtigen sozialistischen Vorbilder sind allesamt blutig. Dieses Dilemma wirkt vor allem in Deutschland, wo die Erinnerung an die DDR bei vielen Menschen eben viel vitaler ist, als Linke das wahrhaben wollen.

Das dritte Argument für die ausbleibende Resonanz linker Ideologien liegt im fehlenden Modernisierungsversprechen. Linkssein hieß für eine lange Phase im 19. und 20. Jahrhunderts auf der Seite des Fortschritts stehen. Seit zwanzig, dreißig Jahren aber haben sich die linken Parteien der westlichen Gesellschaften vor allem als Retardierungsinstanzen profiliert. Sie wollen den Modernisierungsschub der Globalisierung im Wesentlichen bremsen, sind technologieskeptisch geworden und stehen damit nicht mehr auf Seiten der avantgardistischen Evidenz.

Vor allem die Gewerkschaften wirken im linken Milieu wie steinerne Trutzburgen des Anti-Modernismus. Linkssein klingt daher selbst in günstigen Phasen des Zeitgeistes irgendwie nach Gestern. Vor allem für Intellektuelle und Künstler ist das unattraktiv. Einstmals galt: "Der Geist steht links." Später erklärten dann die Neo-Cons selbstbewusst: "Der Geist steht Links, aber Rechts bewegt er sich." Heute steht der Geist nicht einmal mehr links.

Cicero