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Zehn Jahre Frauen in der Bundeswehr: Der lustvolle Kampf gegen Matsch und Männer

Seit dem 1. Januar 2001 dürfen Frauen überall in der Bundeswehr dienen. Viele haben sich durchgesetzt, doch es gibt auch nach zehn Jahren Probleme. Sie sind oft hausgemacht.

Von Manuela Pfohl

Susanne Klauser ist Goldschmiedin. Ein solider Beruf für ein Mädchen aus Kempten im Allgäu. Die 24-Jährige hat einen Freund und sieht eine scheinbar unspektakuläre Zukunft vor sich. Im Kalender steht das Jahr 1992 und irgendwann im Frühjahr will Susanne Klauser eigentlich nur einen Bekannten abholen, dessen Auto den Geist aufgegeben hat, weshalb er nun in der Kaserne von Sonthofen auf sie wartet.

"Und dann komme ich da hin und sehe Frauen in Uniform und bin total überrascht, denn ich wusste damals gar nicht, dass Frauen auch zur Armee gehen können", erinnert sich die heute 42-Jährige an ihre erste Begegnung mit dem Bund. Der Bekannte klärt sie auf: Seit 1975 gibt es Frauen im Sanitätsdienst. Es ist der Moment, in dem die brave Goldschmiedin weiß, dass sie keine brave Goldschmiedin mehr sein will, sondern Soldatin. Und zwar mit dem ganzen Programm: Mit Blasen an den Füßen stundenlang endlos schweres Marschgepäck schleppen, im Dreck liegen und in irgendeinem Sanitätsbereich bis an die Grenze der psychischen Leistungsfähigkeit gehen. Die pure Abenteuerlust hat sie angetrieben, wie sie heute einräumt.

Frau Oberleutnant hat Erfolg

Ihre Familie und der gesamte Bekanntenkreis schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, der Freund wundert sich - und Susanne Klauser macht sich nichts daraus. Heute ist sie Oberleutnant im Sanitätsdienst und trägt den respektablen Titel: "Fachdienstoffizier im Facharztzug des Gebirgssanitätsregiments 42" in Kempten. Sie ist eine von fast 17.000 Frauen bei den deutschen Streitkräften, war im Auslandseinsatz in Somalia und in Afghanistan, hat gelernt, mit dem raubeinigen Umgangston in Kasernen und mit Kameraden mit Hormonstau klar zu kommen. Nach 18 Jahren Dienst bei der Truppe sagt sie immer noch: "Das ist genau mein Ding."

Wenn am 1. Januar offiziell gefeiert wird, dass seit inzwischen zehn Jahren Frauen in allen Bereichen der Bundeswehr dienen dürfen, und dass sich die Zahl der Soldatinnen seitdem mehr als verdreifacht hat, dann werden die Erfolgsgeschichten all der coolen jungen Frauen gern erzählt, die wie Susanne Klauser wunderbar in die Truppe integriert sind. Denn sie belegen, dass die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vom 11. Januar 2000 richtig war. Damals hatte eine junge Deutsche gegen die Bundesrepublik geklagt und verlangt, dass auch Frauen uneingeschränkt bei den Streitkräften zugelassen werden. Der Europäische Gerichtshof gab ihr im Namen der Gleichheit Recht. Ein knappes Jahr später wurden erstmals alle Laufbahnen für den freiwilligen Dienst der Bundeswehr für Frauen geöffnet.

Typisch Frau?

"Die hauen doch sowieso wieder ab, wenn sie merken, dass man vor einem Einsatz keine Zeit hat, eine Stunde lang vor dem Spiegel zu stehen." So und böser klangen die Vorurteile, die den angehenden Soldatinnen mancherorts in den Kasernen entgegenschlugen. Auch Susanne Klauser hat sich da durchbeißen müssen. "Gerade in der Anfangszeit, als wir noch so wenige Frauen waren, guckten die Männer genau hin, und wenn dann das Mädchen einen Fehler machte, dann war das halt typisch Frau." Inzwischen habe sich das aber schon sehr gewandelt, sagt Klauser. Dass sich Soldatinnen dennoch noch oft genug unter enormen Druck setzen lassen, weil sie den Eindruck haben, sie müssten besser sein als ihre männlichen Kameraden, habe sich indes nicht geändert.

Eine Tatsache, die auch Gudrun Schattschneider aus dem Vorstand des Deutschen Bundeswehrverbandes (DBwV) umtreibt. "Im Truppendienst, bei den Feldjägern beispielsweise, da gibt es sehr wenige Frauen im Verhältnis zu den Männern, was dazu führt, dass die Frauen sich selbst überziehen, um zu beweisen, dass sie quasi die besseren Soldaten sind, was zu einer dauerhaften Überforderung führt." Hinzu kämen die Probleme, was die Vereinbarkeit von Mutterschaft und Dienst sowie die von Familie und Karriere anlangt. Schattschneider: "Wir stellen fest, dass die Beförderung bis zum Oberstleutnant ganz gut klappt, wir aber im Dienstgrad Oberst und General so gut wie keine Soldatinnen haben, was nach so vielen Jahren nicht mehr im Verhältnis steht. Auch da muss mal ein Augenmerk drauf gelegt werden."

Scharfe Kritik an der Bundeswehr

Sorgen, die aus Sicht des DBwV im Jubel zum Zehnjährigen unterzugehen drohen. Der Verband fordert deshalb eine Studie, die die Situation der Soldatinnen in der Truppe eingehend untersucht - auch mit Blick auf die Frage, ob das Projekt Soldatinnen wirklich erfolgreich umgesetzt wird. Doch offenbar trifft der DBwV dabei auf wenig Gegenliebe. Gudrun Schattschneider ist jedenfalls sauer: "Die Streitkräfte verweigern den Blick darauf, weil aus deren Sicht alles gut ist. Wenn man jetzt eine Studie in Auftrag geben würde, was ja unsere Forderung ist, dann müsste man wahrnehmen, dass es Probleme geben könnte und um das von vornherein zu verhindern, gibt man erst gar keine Studie in Auftrag." Ein fataler Fehler, wie der DBwV meint. Erst Recht mit Blick auf die Zukunft des künftigen Freiwilligendienstes bei der Bundeswehr. Schattschneider: "Das ist überhaupt nicht attraktiv für Frauen. Alle Angebote, die die Bundeswehr im Moment für den Freiwilligendienst macht, sind auf junge Männer ausgerichtet, auch was die Ausbildungsberufe anlangt. Kraftfahrzeugmechaniker und solcher Kram: Das ist ja nett, aber nicht das, was Frauen interessiert. So lange ich nicht Angebote für Frauen mache, kann ich nicht erwarten, dass die kommen."

Vorwürfe, die ein Sprecher der Bundeswehr mit Unverständnis registriert. "Meines Wissens ist bislang keine Bitte des DBwV an uns herangetragen worden, eine entsprechende Studie in Auftrag zu geben." Unabhängig davon sei die Situation von Soldatinnen allerdings auch gut dokumentiert. "Wir haben in allen Einheiten Gleichstellungsbeauftragte, die als gute Sensoren funktionieren. Wenn es da irgendwo Mängel gibt, wird das sofort geregelt."

Susanne Klauser würde so oder so mit keinem anderen Job der Welt tauschen wollen. Sie sagt, sie liebt die Herausforderungen, die es täglich neu zu bewältigen gibt. Dass sie im kommenden März doch nicht wie erwartet zu einem weiteren Afghanistan-Einsatz raus muss, freut sie dann allerdings doch. So bleibt ihr mehr Zeit für ihren achtjährigen Sohn Lukas und Ehemann Robert.