Zwischenruf Ein Paar, das keines ist


Nun lächeln sie sich zusammen, Angela Merkel und Barack Obama, die mächtigste Frau und der mächtigste Mann der Weltpolitik. Doch die schönen Gipfel-Bilder können nicht darüber hinwegtäuschen, was die beiden trennt.
Von Hans-Ulrich Jörges

Es ist die auffälligste Unauffälligkeit der Politik. Das Thema starrt uns an aus dem Dunkel hinter der gleißend erleuchteten Bühne des Tagesgeschehens, und es braucht eine Weile, bis wir diesen Blick spüren. Vor fünf Monaten wurde Barack Obama zum Präsidenten gewählt, vor zweieinhalb Monaten übernahm er das Amt - doch der mächtigste Mann und die mächtigste Frau der Welt, Zentralfigur der europäischen Politik, haben kein Verhältnis zueinander gefunden. Der Gipfelreigen dieser Tage zwingt sie zusammen, und sie sind Staatsschauspieler genug, das Offensichtliche lächelnd zu dementieren - so wie die nüchterne deutsche Kanzlerin und der barocke französische Präsident ihre wechselseitigen Antipathien routiniert wegzulächeln gelernt haben. Dennoch triumphiert der Zweifel über den Glanz der Bilder. Barack Obama und Angela Merkel sind das Unpaar der internationalen Politik.

Es hat sich verhärtet, ihr Un-Verhältnis, das mit psychologischen Haarrissen und diplomatischen Nickeligkeiten begonnen hatte. Mit ihrer Weigerung, ihm das Brandenburger Tor für seine erste außenpolitische Rede zu überlassen, im vergangenen Sommer, als er noch Kandidat war. Das Brandenburger Tor, das jeder Obskurant als Schauplatz irgendwelchen Protests wählen darf, das jeder Schlagerbarde, jeder zahlungskräftige Konzern zu Werbezwecken mieten durfte - und das nun zum nationalen Heiligtum erklärt wurde, von Entweihung durch den schwarzen Mann bedroht. Das musste ihn brüskieren. So wie es sie brüskiert hat, dass er damals nicht nur ihr, sondern auch Frank-Walter Steinmeier, dem Rivalen, die Aufwartung machte - und Fernsehbilder schenkte.

Der Weltveränderer mochte noch so viele, noch so einschneidende Kursänderungen verkünden - in Merkels Reden fand er keinen Platz. Als die Debatte begann über Asyl für Häftlinge aus Guantánamo, da mochte sie nicht gleich das Berliner Bett bereiten für den Befreier, sondern wollte erst Leistung sehen, Vorleistung etwa beim Klimaschutz, ihrem Herzensthema.

Das hatte Folgen im feinen Geflecht der Beziehungen. Er meidet Berlin und ist die herbeigesehnte Einladung ins Weiße Haus zunächst schuldig geblieben. Sie hat Wert darauf gelegt, nichts für ihn zu tun im amerikanischen Wahlkampf - nun scheint er Wert darauf zu legen, nichts für sie zu tun im deutschen Wahlkampf. Der Posten des US-Botschafters in Berlin ist unbesetzt. Aus Desinteresse? Oder um zu demonstrieren, dass man den Ausgang der Bundestagswahl für offen hält? Auch der überaus kühle Empfang des Wirtschaftsministers in Washington zeugt von einem blutleeren Verhältnis.

Selbstbehauptung gegen die Obamania war Merkels Motiv. Vorsicht, Distanz, kühler Kopf sind andere Vokabeln für die uckermärkisch-bodenständige Psychologie. Obamas visionärer Anspruch, seine messianische Rhetorik, seine blitzartigen Entscheidungen und die bestechende Eleganz des Präsidentenpaars sind ihr fremd - solchen Glamour gab es selbst zu Schröders bunten Zeiten nicht im Kanzleramt. Merkel ist in allem das Gegenteil.

Mit Barack Obama wird Angela Merkel nie auf Augenhöhe sein

Die Größen der Weltpolitik hat sie samt und sonders bewältigt, um nicht zu sagen: überwältigt - psychologisch für sich selbst, demonstrativ unter den Augen des Publikums. Jacques Chirac, den alten Stenz, Nicolas Sarkozy, seinen zappeligen Nachfolger, Wladimir Putin, den schlauen Fuchs, selbst die schwierigen Chinesen brachte sie auf Augenhöhe. Mit Barack Obama wird sie nie auf Augenhöhe sein. Sie weiß das - und sträubt sich gegen Unterordnung. Schon rein körperlich muss die 1,68 Meter kleine Frau zu dem 1,85- Meter-Mann aufschauen - das mag sie gar nicht. George W. Bush, der kleine Schlichte, war mit einer gegrillten Wildsau in Trinwillershagen zu beeindrucken. Dem weltläufigen Obama darf sie mit solcher Holzfäller-Folklore gar nicht erst kommen.

Bush brauchte seine liebste Verbündete, war ganz verschossen in sie. Angela vermittelte zu den Russen, den Chinesen, den Iranern. Obama hat ihr die Weltpolitik weggenommen, spricht mit allen direkt. Auch den Klimaschutz will er selbst machen. Und in Afghanistan hat er von den Deutschen gelernt: Wiederaufbau, Bildung und wirtschaftliche Prosperität sollen das militärische Ringen begleiten. Nur in Europa braucht er Merkel wirklich. Da aber ist sie Symbolfigur des Eigensinns, als führe sie einen Swing State - gegen den Sieggewohnten. Obamas Schrecken ist die Rezession, dagegen verpulvert er Billionen. Ihr Angstgegner ist die Inflation, darum hält sie Maß bei den Staatsschulden.

Miss World ist Merkel nicht mehr, Obama hat sie vom Thron gestoßen. Sie kämpft um den Titel der Miss Germany, vielleicht der Miss Europe. Er aber sieht sich als Mister Universum. Zum Tanzen bringt man die beiden wohl nicht.

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