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Zwischenruf: Im Land der Puppen

Deutschland gehen die Leitfiguren verloren - das gilt für die Politik wie für Banken, Wirtschaft und Kultur. Der Aufstieg Barack Obamas zeigt, wie der Schäfergümbelisierung Einhalt geboten werden kann - durch starke Charaktere aus dem Milieu der Migranten.

Von Hans-Ulrich Jörges

Matrjoschkas nennt man in Russland jene aus Lindenholz gefrästen, bunt lackierten Puppen, die im Innern eine Reihe immer kleiner werdender Figuren verbergen - nur die letzte und kleinste ist aus massivem Holz. Wer den Niedergang der Eliten in Deutschland beobachtet, den Verlust von Leitfiguren, der fühlt sich in ein Matrjoschka-Land versetzt. In der Folge der Generationen, so scheint es, aber auch im Wechsel der Verantwortung schlüpft aus jeder Figur eine kleinere. Bloß gelangt man nie zur kleinsten. Es findet sich stets eine noch kleinere.

Thorsten Schäfer-Gümbel, der Hinterbänkler, der über Nacht zum Spitzenkandidaten wurde, ist eine Symbolfigur für diesen Prozess. Er schlüpfte am Ende einer langen Folge aus Georg August Zinn, einem Sozialdemokraten von unvergesslichem Format, der das Motto "Hessen vorn" prägte und sein Land 19 Jahre regierte. Auch TSG ist nur die vorerst letzte Puppe. Es geht noch kleiner.

Die zehnte Puppe war ein Frau

Eine andere gewaltige Matrjoschka ist Willy Brandt. In gut zwei Jahrzehnten wurden neun Figuren aus dem Charismatiker herausgeschraubt, eine davon - Franz Müntefering - gleich zweimal, um den rasenden Prozess der Verkleinerung zu stoppen. Doch es wird nicht lange dauern, dann folgt die zehnte Puppe. Erstmals vielleicht eine Frau: Andrea Nahles. Man kann das Matrjoschka-System auch als Schäfergümbelisierung der Gesellschaft bezeichnen. Sie ist beileibe nicht auf die Politik beschränkt. Grob geurteilt und Ausnahmen als Bestätigung der Regel gewertet, sind auch Banken, Industrie, Kultur und Medien davon erfasst. Aus A wie Abs wurde A wie Ackermann - und danach? Die Neckermanns, Grundigs und Oetkers schrumpften zu Grupp - das ist der Talkshow-Unternehmer mit dem steilen Kragen, der vor der "Tagesschau" einen Affen sprechen lässt. Im Geistesleben, vom Feuilleton verzweifelt gefeiert, gilt Harald Schmidt als 1-a-Intellektueller. Erich Böhme, der die "Berliner Zeitung" zur "Washington Post" machen wollte, entschlüpfte Josef Depenbrock, der eine Heuschrecke zu sättigen suchte.

Das Publikum, dem die Matrjoschkas auf dem deutschen Jahrmarkt als Glücksbringer feilgeboten werden, scheint sich an die fortschreitende Verkleinerung zu gewöhnen. Man müht sich, das Putzige potent zu träumen, säuft sich das Unansehnliche schön. Fachleute für Vergrößerung verteilen Lupen, das Gewerbe der Optik-Berater blüht wie kein zweites. Dennoch kennen oder erspüren die Jahrmarktbesucher den faulen Zauber. Leitfiguren gibt's nur noch en miniature, das Vertrauen in die Eliten läuft ein wie ein gekochter Pullover. Der kratzt - und passt nicht mehr.

Aus dem Elend gekämpft

Was hat die alten Puppen groß gemacht? Die Brüche, die Erfahrungen, die Prägungen eines gelebten, bezwungenen, oft erlittenen Schicksals - statt eines arrangierten, geglätteten, ungebrochenen. Das war kein Verdienst, es war Ergebnis der Zeiten und sozialer Verwerfungen, denen sie ausgesetzt waren. Oft Krieg, Emigration, Aufbau, Armut. Willy Brandt kehrte heim aus schwedischem Exil. Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, seine politischen Enkel, waren Söhne von Kriegerwitwen, kämpften sich aus dem Elend. Joschka Fischer war Schulabbrecher, zeitlebens Abenteurer.

Auf den Trümmern des Krieges, mit wenig oder nichts, bauten Leitfiguren wie Werner Otto, Max Grundig, Reinhard Mohn, Rudolf Augstein oder Günter Grass ihre Karrieren. Den Nachfolgenden blieb das erspart. Aber ihnen fehlten auch die Erfahrungen, die Verletzungen und die Kanten solcher Biografien. Aus der Bürgerstube, aus dem Betriebswirtschaftsseminar, aus dem Traineeprogramm eines Bankoder Konzernvorstands kommt selten eine umwälzende Idee - zu schweigen vom Mut und von der Kraft, sie durchzusetzen.

Dennoch gibt es auch heute Bruchstellen der Gesellschaft, die interessante Figuren prägen. Aber andere als früher. Angela Merkel fiel an der Bruchkante der deutschen Einheit in die Politik. Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp, 1968 geboren, verdankt seinen überwältigenden Roman "Der Turm" denselben Erfahrungen.

Modellhaft aber ist unter heutigen Bedingungen der Aufstieg Barack Obamas. Der Präsident mit dem kenianischen Vater offenbart die Kraft und Inspiration von Menschen aus dem Migrantenmilieu. Philipp Rösler, 1973 in Vietnam geboren und in Deutschland adoptiert, drängt in der FDP nach oben, nun wird er Wirtschaftsminister in Niedersachsen. Der türkischstämmige Cem Özdemir hat es zum Vorsitzenden der Grünen gebracht. In der Migrantengesellschaft sind viele Matrjoschkas verborgen - große, die dann wieder kleinere in sich tragen. Unternehmer, Künstler, vielleicht auch ein Bundeskanzler. Nur Geduld. Und ein wenig Glück.

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