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Zwischenruf: Wenn Pferde weinen

Sie hat verloren, politisch wie persönlich. Gesine Schwan, die Kandidatin fürs höchste Staatsamt, ist ein Torso der Eitelkeit und Verwirrung. Sie hat kein Thema gefunden und redet kraus daher.

Von Hans-Ulrich Jörges

Die Frau ist eine Krisengewinnlerin. Zwei Krisen haben gnädig den Mantel über sie gebreitet - und die Selbstentblößung der Kandidatin verdeckt. An jenem Sonntag Anfang September, an dem ihr genötigter Mentor Kurt Beck am brandenburgischen Schwielowsee ins Aus stürzte, stürzte Gesine Schwan am Berliner Schlachtensee in Peinlichkeit und Kitsch. Aus einem Ruderboot grienend hatte sie sich dort für eine Zeitung ablichten lassen, mit an Bord ein ausgestopfter Schwan mit ausgebreiteten Schwingen, neben der Barke kultureller Bodenlosigkeit, im seichten Uferwasser, stand ihr Mann Peter Eigen mit hochgekrempelten Hosenbeinen. Erotisches gab der preis vom First Couple der Sozialdemokratie: "Schmetterlinge fliegen bei uns immer noch", zudem das Anmaßende seiner Selbstüberhöhung: "Ich sehe mich bei Prinz Philip - schon allein, weil er wie ich reitet." Nicht "ich wie er", sondern "er wie ich"! Welch Glück für die beiden, dass die Nation zum Schwielowsee blickte.

Beim zweiten Coming-out der Kandidatin trübte die Finanzkrise die Wahrnehmung der Deutschen. Aufrecht stehend in einer Kutsche, mit feucht schimmernden Lippen und wolkenwärts gesprayten Locken, stellte sie sich Anfang Oktober aus, von einem People- Magazin vor dem Berliner Dom fotografiert. Die Zügel hielt die Lächelnde lässig in der Linken. Rechts blickte traurig ein Pferdeauge aus der Inszenierung der Geschmacklosigkeit. Welch Glück für die Peinliche, dass der Nation an jenem Donnerstag nicht nach den Schwänen und Rössern der Politik war, sondern nach den Bullen und Bären der Börse!

Frau Schwan wird zur Trümmerfrau

Nun, da der Blick wieder frei ist, fällt er auf eine Frau, deren Profil in den Krisenmonaten nicht weniger aus dem Leim gegangen ist als ihre Partei, die SPD, und die Finanzmärkte der Welt. Gesine Schwan ist zur Trümmerfrau geworden, zur Frau in den Trümmern ihrer Kandidatur, der zweiten nach 2004.

Alles ist zerfallen, mit dem hessischen Desaster auch die Aussicht auf eine Mehrheit in der Bundesversammlung. Intakt geblieben ist nur noch der Kern: Eitelkeit. Eine stillos spätpubertierende 65-Jährige, der jedes Mittel recht ist, um der Vergessenheit des Rentnerdaseins zu entfliehen und sich den größten Traum ihres Lebens zu erfüllen, den Einzug ins Schloss Bellevue. Und sei es mit ausgestellten Albernheiten in Booten und Kutschen, mit Schwänen und Gäulen.

Die Frau hat's fast schicksalhaft mit dem See und dem Tier. Als sie zur Kandidatur griff, im Mai auf einer Klausur der Parteiführung, da geschah das am Ufer des Jungfernsees. Beteiligte erinnern sich, dass sie sich selbst nominierte, so schamlos aufdrängte, dass es den starken Männern die Sprache verschlug. Obgleich sie keiner von denen wollte, denn sie zu benennen hieß nicht nur, im Wahljahr 2009 eine symbolhafte Niederlage einzukalkulieren, sondern auch auf die Stimmen der Linken zu setzen - auf Oskar Lafontaine.

Als es geschehen war, kämpfte die Beglückte in ihrem ersten großen Interview mit dem größten aller Tiere: einem Monster. So hatte der Amtsinhaber Horst Köhler die Finanzmärkte genannt, kurz zuvor, als alles noch ruhig schien - später verschlang dann das Monster die ganze Welt. Gesine Schwan aber wollte Köhler als Panik-Propheten ins Unrecht setzen: "Das Wort Monster gehört nicht zu meinem Vokabular und passt auch nicht zu meiner Vorstellung von Aufklärung." Heute hat Köhler nicht nur recht behalten, der Ökonom ist auch gerade der rechte Mann in der Krise, der Präsident zur Zeit. Sie indes beharrt, trotzig und verloren: "Die Finanzmärkte sind kein Tier, sondern ein Regelungssystem." Ach ja, aber ungeheuer wild und gefräßig. Oder?

Die "Handlungszwänge der Politik"

Das allerdings ist auch schon so ziemlich das Einzige, was an Gesine Schwan unverrückt geblieben ist. Begonnen hatte sie mit der Beteuerung, es sei nicht Aufgabe des Staatsoberhaupts, die Politik zu kritisieren und konkrete Vorschläge zu unterbreiten, sondern dem Volk die "Handlungszwänge der Politik" zu erklären. Da setzte sie noch auf Belohnung durch Wahlmänner und -frauen, die Köhler als zu drängend und konkret empfinden. Als sie selbst immer drängender nach Konkretem gefragt wurde, kippte sie: "Spürbare Gehaltseinbußen" und Haftung für Manager will sie nun, und ein "VW-Gesetz für alle", wie der IG-Metall-Chef.

Indes: Die Verwirrung der Kandidatin S. hat damit noch kein Ende. "Die Kunst des Vermittelns, Moderierens und Zusammenführens" bescheinigt sie ausgerechnet Andrea Ypsilanti - bei deren zweitem (!) Anlauf zur Macht, der an nichts anderem gescheitert ist als an Unfähigkeit zum Zusammenführen. Vielleicht empfindet sie ja eine Art Schicksalsgemeinschaft mit der Hessin: Auch Gesine Schwan will zum zweiten Mal mit demselben Kopf durch die gleiche Wand.

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