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Flüchtlingskinder Direktabschiebung aus der Deutschstunde


Gerade noch Vokabeltest, plötzlich steht die Polizei vor der Klassentür: Wenn nötig, werden Flüchtlingskinder in Berlin zur Abschiebung direkt aus dem Unterricht geholt. Obwohl es Kritik hagelt, will der Innensenator die Praxis fortsetzen.
Von Larissa Schwedes

Mitte September, Berlin-Reinickendorf: Drei bosnische Geschwister müssen ihre Schulhefte einpacken, Polizisten zitieren sie aus ihrer Willkommensklasse. Der Grund: sofortige Abschiebung.

Die Flüchtlingskinder aus Bosnien, über die der "Tagesspiegel" berichtete, sind nicht die einzigen Fälle, bei denen die Abschiebung direkt aus der Schule heraus erfolgte. Bereits mehrfach gab es Berliner Medien zufolge in den letzten Wochen ähnliche Fälle.

So sei Mitte Juni eine siebenjährige Serbin von Bundespolizisten in Zivil aus einer Willkommensklasse in Reinickendorf abgeholt worden. Das Mädchen sollte laut "Berliner Zeitung" mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder abgeschoben werden. Die Schulleitung sei kurz zuvor über den Schritt informiert worden. "Die Folge war, dass nicht nur die betroffene Schülerin schockiert war und in Tränen ausbrach. Auch Mitschüler, von denen viele extreme Fluchterlebnisse zu verarbeiten haben, waren sehr verstört“, sagte Jugendsenatorin Sandra Scheeres (SPD) dem Blatt.

"Pädagogische Katastrophe"

Die rot-schwarze Koalition im Clinch: Senatorin Scheeres sieht laut Berliner Zeitung die Schule als Schutzraum gefährdet: "Ein solches Vorgehen trägt nachhaltig dazu bei, das Vertrauen in die Institution Schule zu zerstören." Auch Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller hält so gar nichts von der Praxis und nannte sie im Rundfunk Berlin-Brandenburg eine "pädagogische Katastrophe".

Der zuständige Innensenator Frank Henkel zeigt sich unbeeindruckt von dem Gegenwind. Zwei Schreiben von Scheeres ließ der CDU-Politiker nach Aussage der Jugendsenatorin von Mitte September unbeantwortet. Auch Pläne, die Schulabholungen zu überdenken, gibt es offenbar nicht.

Das Verfahren sei seit Jahren üblich und geschehe nur in Einzelfällen bei Direktabschiebungen, um die Familie zusammen ausreisen lassen zu können, teilte ein Sprecher der Innenverwaltung auf Anfrage von stern.de mit. Außerdem sei der Grund für eine Abholung aus der Schule meist der ausdrückliche Wunsch der Eltern.

Interkulturell geschulte Polizisten verschaffen sich dem Sprecher zufolge in einem solchen Fall - in Zivil gekleidet - über die jeweilige Schulleitung Zugang zu den Betroffenen. Um die Belastung für die Kinder so gering wie möglich zu halten, würden diese nach Möglichkeit durch die Eltern selbst oder Schulpersonal aus der Klasse abgeholt. Anschließend werden sie sofort mitgenommen und mit dem Rest ihrer Familie ausgewiesen.


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