HOME

Berliner CDU-Wahlkampf: Frank ... wer?

Bei der Wahl im September hat die Berliner CDU nach zehn Jahren wieder die Chance mitzuregieren. Spitzenkandidat Frank Henkel ist für manche bodenständig, für andere ein Hardliner.

Von Julia Prosinger

Frank Henkel ist nicht neu in der Berliner Politik, ganz und gar nicht, doch wenn er in diesen Wochen Wahlkampf macht, dann geben ihm Rentner gute Ratschläge, als sei er ein Anfänger. "Sie bräuchten mal einen Medienberater", sagt einer auf der Busfahrt, die Henkels Team organisiert hat. "Sie müssen mehr kämpfen", sagt ein anderer. Frank Henkel, 47, lächelt schief. Er wollte den Berlinern die Stadt zeigen, ihnen wie ein Reiseleiter erklären, wo die CDU anpacken, aufräumen wird. Und jetzt steht er da, in seinem pinken Poloshirt, seine Wähler greifen ihm tröstend an den Arm, es ist eine konservative Selbsthilfegruppe. Henkel ist immer noch der Neue, aber jeder kennt seine Konkurrenten Klaus Wowereit (SPD) und Renate Künast (Grüne).

Am 18. September wählen die Berliner ihr Abgeordnetenhaus. Die Linkspartei ist schwach, deswegen ist die CDU wieder im Spiel. Rot-Grün, Rot-Schwarz oder Grün-Schwarz sind nach den Umfragen möglich. Das ist schon ein Erfolg für die Berliner CDU, die ein Jahrzehnt darbte, von Skandalen zerrüttet, im innerparteilichen Streit versunken. Vom Posten des Regierenden Bürgermeisters darf Henkel nicht träumen, mit 21 Prozent liegt seine Partei hinter Grünen und SPD. Darum sagt Henkels politischer Ziehvater Eberhard Diepgen zu stern.de: "Frank Henkel ist nicht auf ein Amt festgelegt, aber er wäre sicherlich auch ein guter Innensenator."

Steile Thesen in der Innenpolitik

Innenpolitik - das Wort quält Klaus-Uwe Benneter (SPD). Er kennt Henkel noch aus seinen Anfangsjahren im Berliner Abgeordnetenhaus, 2001 und folgende. "Er hat damals in jedem Schlammbad mitgesuhlt. Ausländer raus, Demonstranten hinter Gitter, Überwachung total und andere Parolen rigiden Durchgreifens. Es fehlte gerade noch, dass er gefordert hätte, Sprayern die Hände abzuhacken", sagt Benneter stern.de. "Dreckschleuder" und "mieser Demagoge" nannte Henkel seine politischen Gegner seinerzeit, so steht es in den Protokollen der Debatten. Er forderte die Strafmündigkeit von 14 auf 12 Jahre zu senken, um auch jene "12- und 13-jährigen" zu erfassen, die "morden und vergewaltigen". Neuerdings, sagt Benneter, gebe Henkel den Softie, den lieben Berliner Jungen.

Das muss er, weil er sich sonst für SPD und Grüne unmöglich macht. Also schaukelt Henkel mit seinen betagten Anhängern im Doppeldecker-Bus durch die Stadt, spricht über S-Bahn-Chaos, Baustellen und Hundehaufen. Wirbt für eine Null-Toleranz-Politik nach dem Vorbild New Yorks. Alkoholverbot an Bahnhöfen, Abschiebung von kriminellen Migranten. Es ist eine eingängige Mischung aus Law and Order, dazu etwas Wirtschaftsliberalität, über den stillgelegten Flughafen Tempelhof, der nun ein großer, innerstädtischer Park ist, sagt er: "Wir brauchen Arbeitsplätze und keine weiteren Grillplätze". Und wenn Frank Henkel den Applaus sucht, nennt er Thilo Sarrazin. Der habe im Kern doch Recht gehabt. Die Reisegäste trampeln begeistert mit den Füßen.

Eine Million für Wahlkampf

Am Busfenster ziehen die Viertel vorbei, von denen Henkels Anhänger das Gefühl haben, sie würde ihnen nicht mehr gehören. Friedrichshain, Neukölln, Kreuzberg. Die Subkultur, die viele an Berlin schätzen, ist Henkels Wählern fremd. Sie essen keine Döner, sie tanzen nicht im Berghain und sie sitzen auch nicht mit dem Laptop im Café. "Die CDU scheint sich in diesem Wahlkampf von dem Konzept der modernen Großstadtpartei verabschiedet zu haben und konzentriert sich nur auf ihre Stammwählerschaft", sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus Ramona Pop stern.de. Die anderen hat Henkel aufgegeben, sie werden ohnehin Wowereit oder Künast wählen.

"Sie sind ein schlechter Schauspieler, aber ein ehrlicher Arbeiter. Das Gegenteil von Wowereit", sagt beispielsweise Hartwig Haase, 72, auf der Bustour. Er sieht in Henkel einen, der hält, was er verspricht. Auch wenn das schwierig werden könnte. Wie Henkel mehr Lehrer, mehr Polizisten finanzieren will in der hochverschuldeten Hauptstadt, steht nicht in seinem Wahlprogramm. Man könne bei der Gemeinschaftsschule sparen, bei der Sozialwirtschaft, es komme schon eine Summe zusammen, sagt er stern.de. Aber, auch das ist Haase wichtig: Henkel kennt die Stadt in Ost und West. Er wuchs in Ostberlin auf, 1981 wurde der Ausreiseantrag seiner Eltern genehmigt, danach machte er eine Ausbildung als Wirtschaftskaufmann bei Krupp. Heute lebt er in Mitte, seine Lebensgefährtin Kathrin Bernikas ist Lehrerin, sie kandidiert selbst für das Abgeordnetenhaus. In der Partei gilt Henkel als zuverlässig und authentisch, und er ist der einzige, der die Machtkämpfe seines Landesverbandes unbeschadet überstanden hat. Im vergangenen Februar wählten sie ihn einstimmig zu ihrem Spitzenkandidaten, mehr als eine Million Euro darf der Wahlkampf kosten, das ist Rekord, der Slogan heißt: "Gerade. Richtig. Für Berlin."

Es reicht für die Busfahrt

Ist er das? "Man müsste sehen, wie er sich auf dem roten Teppich bewegt, wenn er die Möglichkeit dazu bekommt", sagt sein Berater Wolfgang Gibowski. Vor ein paar Tagen war Henkel zu Besuch bei Deutschlands umweltfreundlichstem Ikea, in Berlin-Lichtenberg. Wowereit hätte einen guten Witz gemacht, Künast hätte die grüne Revolution ausgerufen. Henkel aber balanciert vorsichtig auf dem Dach, fragt höflich nach der Zahl und Größe der Solarzellen, es sind Fragen, die man so stellt, um die Konversation am Laufen zu halten. Das reicht, um mit Rentnern Bus zu fahren. Das reicht auch, um nach der Wahl Mehrheitsbeschaffer zu sein. Aber es reicht nicht für Berlin.