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"Wunderwaffen": Wie Hitler den Krieg noch gewinnen wollte

"Pfeifenreiniger", "Rotkäppchen", "Tausendfüßler" - die "Wunderwaffen" im Arsenal der Wehrmacht sollten die letzten Trümpfe einer untergehenden Diktatur sein. Doch auch sie konnten das Nazi-Reich nicht retten.

Das Ungetüm, das deutsche Soldaten in der Ardennen-Offensive in Stellung brachten, erinnerte eher an eine Wasserleitung als an eine Wunderwaffe. Von dem 50 Meter langen Rohr gingen alle paar Meter Abzweigungen ab, sauber angeflanscht und sorgsam vernietet. Doch was von den Landsern spöttisch "Tausendfüßler" genannt wurde, war als V-3 eine der letzten Hoffnungen der Nazis: Die Superkanone sollte die Alliierten verhandlungsreif schießen.

Das Prinzip der Mehrkammerkanone war alt und simpel, technisch jedoch höchst kompliziert. Ein Geschoss sollte im Lauf alle paar Meter neu gezündet werden und so auf ungeahnte Reichweiten kommen. Das Geschütz, das im Dezember 1944 bei Trier stand, war schon die verkürzte Version. Der ursprüngliche Plan sah an der Kanalküste 50 solche "Hochdruckpumpen" vor, jede 130 Meter lang und mit einer Reichweite 160 Kilometer. Als die Ingenieure auf einem Versuchsgelände an der Ostsee im Sommer 1944 die Distanz auf 140 Kilometer gebracht hatten, vereitelte die Landung in der Normandie die Angriffspläne gegen London. Stattdessen wurde vom Ruwertal bei Trier aus das 42 Kilometer entfernte Luxemburg mit 155-mm-Granaten beschossen. Kadenz: Drei Schuss pro Tag; Streuung: Vier Kilometer. Die 183 Sprenggranaten töteten zehn Menschen, ansonsten ereilte die V-3 das Schicksal der anderen "Vergeltungswaffen": Technisch brillant, moralisch fragwürdig, militärisch völlig unbedeutend.

Erste ballistische Rakete der Kriegsgeschichte

Das galt schon für die V-1 und die V-2, die von der deutschen Propaganda gefeiert und der westeuropäischen Bevölkerung gefürchtet wurde. Die V-1 war eine Flügelbombe mit Staustrahlantrieb, der über dem Ziel verlöschte und so die 850 Kilo Sprengladung ins Ziel fallen ließ. Das knapp 660 Stundenkilometer schnelle Gerät wurde zu Zehntausenden eingesetzt, doch Sabotage der Zwangsarbeiter bei der Produktion und eine ausgeklügelte Flugabwehr der Briten nahmen dem ersten Marschflugkörper die Wirkung - nicht den Schrecken. Der verwandelte sich in Panik, als am 8. September 1944 die erste V-2 in London einschlug. Im Gegensatz zur laut knatternden und langsamen V-1 war die 14 Meter lange Rakete drei Mal so schnell. Wenn man sie wahrnahm, war es schon zu spät. Und: Es gab gegen die erste ballistische Rakete der Kriegsgeschichte keinerlei Abwehr.

Andere "Wunderwaffen" schafften es nicht einmal, die Aufmerksamkeit des Feindes zu erregen. Das galt für die Schallkanone, mit der gegnerische Infanterie per Druckwelle, mit einem Hohlspiegel gebündelt, bekämpft werden sollte. Ähnlich sollte eine zwölf Meter lange "Windkanone" arbeiten, um mit Knallgas Tiefflieger zu bekämpfen. Erfolg versprechender war der Einsatz von Knallgas als Treibmittel für Granaten. Immerhin kamen Testläufe auf eine Geschwindigkeit von 1600 Metern pro Sekunde.

Viele Waffen waren jedoch Richtung weisend und hätten den Krieg zumindest verlängern können. So arbeiteten deutsche Wissenschaftler an verschiedenen Panzerabwehrraketen, die per Draht oder Funk gelenkt wurden. "Rotkäppchen" und "Pfeifenreiniger" waren Vorläufer der heutigen Panzerabwehrraketen. Das gleiche gilt für die Flugabwehrrakete "Taifun", die Boden-Boden-Rakete "Rheinbote" und die Gleitbombe "Ruhrstahl". Militärisch blieben sie uninteressant, doch setzten die Alliierten nach dem Krieg Sonderkommandos ein, um sich die Technik zu sichern.

"Blitz", "Schwalbe" und "Zaunkönig"

Ähnliches galt für die U-Boote. Auch wenn die so genannten "Walter-Boote", deren Antrieb keine Außenluft brauchte, nicht mehr wirksam zum Einsatz kamen und der akustikgelenkte Torpedo "Zaunkönig" die Erwartungen enttäuschte, war die deutsche U-Boot-Technik Spitze. Ähnlich weit war die Luftwaffenindustrie. Neben Fehlkonstruktionen wie Raketenflugzeugen wurden auch wegweisende Muster entwickelt wie das erste in Serie produzierte Jagdflugzeug Me-262 "Schwalbe" mit Düsenantrieb oder der Strahlbomber Arado 234 "Blitz". Der Luftüberlegenheit der Alliierten konnten sie freilich nichts anhaben.

So konnte auch die V-2 die Niederlage nicht verhindern. Sie ist aber das Urmodell aller Atomraketen des Wettrüstens; und als 1969 Wernher von Braun die ersten Menschen zum Mond schickte, tat er dass mit einer Rakete, die auf seiner V-2 basierte. Militärisch war die gefürchtete "Wunderwaffe" allerdings ein Flop: Zwar fielen ihr etwa 6000 Menschen zum Opfer. Mehr als drei Mal so viele starben aber bei der Produktion in unterirdischen Zwangsarbeiterlagern.

Chris Melzer/DPA / DPA