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Adolf Eichmann: Buchhalter des Todes

Als Israels Premierminister Ben Gurion 1960 bekannt gibt, SS-Führer Adolf Eichmann befinde sich in Haft, wissen die meisten Deutschen nicht, wer das ist. Er hatte den Transport der Juden in die Vernichtungslager organisiert.

Am 17. September 1945 beginnt in Lüneburg der erste KZ-Prozess gegen 44 SS-Verbrecher des Lagers Bergen-Belsen und die "Bestie" Irma Greese, am 18. März 1946 der Prozess gegen die Führungsmannschaft des KZ Neuengamme, am 1. Oktober 1946 werden die zwölf obersten Nazis zum Tode verurteilt: Mit dem Nürnberger Prozess soll für die ganze Welt ein neues Recht beginnen. Und dann? Es wurde immer weniger mit der Gerechtigkeit.

Die Ungerechtigkeit gegenüber den Opfern lerne ich als Journalist kennen. Ich schreibe über vertriebene Juden, Überlebende der Lager. Einer legt mir seine Akten vor: Über die Wiedergutmachung für ihn hat derselbe Richter entschieden, der ihn ein paar Jahre vorher wegen 'Rassenschande' verurteilt hat. Es gibt auch Widerstand gegen diese Rückkehr der Nazis an die Macht. In meiner Heimatstadt Bremen werden am 2. Mai 1947 zwei SA-Männer für den Mord am Juden Rosenblum in der "Reichskristallnacht" 1938 zu acht und zu sechs Jahren Zuchthaus verurteilt. Der Richter Dr. Oster lobt die Täter als "Menschen mit gutem Leumund" - er ist selbst Kriegsgerichtsrat gewesen. Bremens Bevölkerung macht einen Generalstreik. Die Bürgerschaft fordert einstimmig eine Prüfung, damit "die allgemein anerkannten Menschenrechte zur Geltung kommen". Das bleibt ein demokratischer Wunsch.

Die neue Justiz wird nicht mal mit der alten fertig. Nie wird einer jener vielen Blutrichter aus der Nazi-Zeit zur Rechenschaft gezogen.

Ausschleusung mit Hilfe des Vatikans

Am 23. Mai 1960 gibt Israels Premierminister David Ben Gurion bekannt, der SS-Führer Adolf Eichmann befinde sich in israelischer Haft. Die meisten Deutschen wissen nicht, wer das ist: der Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt. Ein kleiner Fisch, der gar nicht selbst gemordet hat? Aber die Israelis wussten, warum sie diesen Mann in Argentinien gekidnappt hatten: Er hatte den Transport der Juden aus ganz Europa in die Vernichtungslager organisiert. Nach dem Krieg war er mit Hilfe des Vatikans nach Südamerika ausgeschleust worden. Die deutsche Justiz hatte sich nie um seine Auslieferung gekümmert.

Am 11. April 1961 wird Adolf Eichmann in Jerusalem der Ermordung von Millionen Juden angeklagt. Da steht kein hochmütiger Germane vor den jüdischen Richtern, da steht ein devoter Buchhalter. Seinen Vernehmer redet er mit "Herr Hauptmann" an. "Es dreht sich ja hier alles, Herr Hauptmann, um den Transport. Aber mit der Tötung hat's nichts zu tun, Herr Hauptmann. Das ist der große Unterschied, den wir gemacht haben und den ich heute auch machen muss."

Einer seiner Mordkumpane, Wisliceny, hat über Eichmann gesagt: "Er selbst scheute jede eigene Verantwortung." Er war in Linz erfolgloser Vertreter der Oberösterreichischen Elektrobau AG und der Vacuum Oil Companie gewesen. Wurde dann KZ-Wächter in Dachau, Hilfsschreiber in der Kartei des Sicherheitsdienstes und buckelte sich bis zum Leiter des Juden-Referats hoch. Da war er endlich erfolgreich. Er schickte die Juden nicht aus Hass ins Gas, sondern um seine Aufgabe zu erfüllen. Vor Gericht sagt er: "Ich bin weder Judenhasser noch Antisemit. Ich sagte es, glaub' ich, jedem. Jeder hat's einmal gehört...Ich glaube auch nicht, dass sich einer von ihnen über mich beschweren würde."

Hinrichtung als Warnung

Das konnte auch keiner mehr, sie waren alle tot. Am 15. Dezember 1961 wird Adolf Eichmann zum Tode verurteilt, am 31. Mai 1962 hingerichtet. Es sollte eine Warnung an die Mörder sein: Wir kriegen euch überall auf der Welt. Aber es war keine. Die Täter fühlten sich sicher, nicht nur in Chile, Argentinien, Paraguay, auch in Deutschland.

Günther Schwarberg
(Autor des stern-Buches "Der SS-Arzt und die Kinder")

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