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Stasi, CIA, Mossad und Co.: Wie Geheimdienste in Deutschland Menschen entführen

Die Entführung eines Vietnamesen aus Deutschland wirft ein Schlaglicht auf die dubiosen Machenschaften von Agenten - auch die Bundesrepublik war immer wieder Schauplatz von Verschleppungen.

Nicht in Deutschland, sondern in Argentinien vom israelischen Geheimdienst entführt und wegen der Mitverantwortung an der Ermordung von rund sechs Millionen Menschen zum Tode verurteilt: SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann

Nicht in Deutschland, sondern in Argentinien vom israelischen Geheimdienst entführt und wegen der Mitverantwortung an der Ermordung von rund sechs Millionen Menschen zum Tode verurteilt: SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann

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gehören in Diktaturen zum Geschäft von Geheimdiensten. Dahinter stecken, so sagt der Historiker und Geheimdienstexperte Wolfgang Krieger ("Geheimdienste in der Weltgeschichte"), allerdings immer Regierungen. "Ich habe noch keinen einzigen Fall erlebt, in dem so eine Entführung nicht von der jeweiligen Regierung angeordnet wurde, selbst, wenn es die Regierung eines demokratischen Staates war."

+++ Zum Gerichtsurteil im aktuellen Fall eines in Deutschland entführten Vietnamesen lesen Sie hier mehr im stern +++

Berühmtestes Beispiel: NS-Verbrecher Adolf Eichmann, Organisator des Holocaustes, wurde 1960 in Argentinien vom israelischen entführt. Den Tipp, wo Eichmann sich aufhielt, hatten die Israelis aus Deutschland bekommen. Zwischen Argentinien und Israel bestand kein Auslieferungsabkommen. Argentinien beschwerte sich beim Weltsicherheitsrat, weil die Souveränität des Landes verletzt worden war. Doch im Völkerrecht galt damals die Regel: "Male captus bene detentus" - unrechte Gefangennahme, gute Verwahrung. Oder anders ausgedrückt: Selbst wenn jemand zu Unrecht entführt wird, kann er vor Gericht gestellt werden. 1962 wurde Eichmann zum Tode verurteilt und gehängt.

Israelischer Geheimdienst entführte deutschen Juristen

Während des Kalten Krieges ließ das Ministerium für Staatssicherheit zwischen 1950 und 1960 etwa 400 Menschen entführen. Anfang Juli 1952 wurde der Rechtsanwalt Walter Linse in Berlin auf offener Straße entführt, als er morgens zur Arbeit wollte. Er war Mitglied im Untersuchungsausschuss Freiheitlicher Juristen, der DDR-Unrecht anprangerte. Nach der Entführung gingen in Berlin die Menschen auf die Straße. "Hier ist ein Mensch aus unserer friedlichen Mitte geraubt worden, überfallen worden, niedergeschlagen worden, in ein Automobil hineingeschleppt, hinausgefahren in die Folterhöhlen dieser Verbrecher. Er muss uns zurückgegeben werden. Das fordern wir", rief Ernst Reuter, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, den Demonstranten zu. Auch amerikanische Stellen setzten sich für die Freilassung ein. Die Sowjetunion beteuerte, nichts mit der Entführung zu tun zu haben. Der Jurist blieb verschollen. Erst 1996 gaben Akten des MfS das Geheimnis seines Schicksal Preis: Der Jurist war nach Moskau geschafft und 1953 im berüchtigten Butyrka Gefängnis mit einem Schuss ins Genick hingerichtet worden.

Im Herbst 1962 entführte der israelische Geheimdienst in München auf offener Straße den Geschäftsmann Heinz Krug. Die Firma des Juristen lieferte Raketenbauteile, mit denen der ägyptische Staat angreifen wollte. Das wollten die Israelis offenbar verhindern. Geheimdienstexperte Ronen Bergmann schreibt in seinem Buch "Der Schattenkrieg", über die Geschichte der geheimen Tötungskommandos des Mossads, dass Krug vom Mossad ermordet wurde. 

1967 ließ der Koreanische Geheimdienst innerhalb von zwei Wochen 17 Koreaner aus der Bundesrepublik, Frankreich und Österreich wegen angeblicher Spionage entführen. Auch der Kinderarzt Sukil Lee aus Mainz war darunter. Ahnungslos öffnete er morgens im Pyjama die Tür. Drei Herren in dunklen Anzügen standen draußen. Sie baten ihn, mit in die Botschaft zu kommen, wo Lee stundenlang verhört wurde. Danach wurde er nach Südkorea ausgeflogen. Wissenschaftler sammelten Protestunterschriften. Der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs setzte sich für die Freilassung von Lee ein. Das Auswärtige Amt bestellte den Botschafter ein und machte Druck. Nach vier Wochen kehrte der Arzt nach Deutschland zurück.

Haftbefehle gegen 13 CIA-Agenten

1991 wurde Jeffrey Carney in auf offener Straße vom OSI, dem Office of Special Investigations, entführt und in die USA gebracht. Carney, war als Abhörspezialist der Luftwaffe in Berlin stationiert gewesen, hatte sich der Stasi angedient und war vor dem Mauerfall in die DDR geflohen. In den USA wurde er in einem Prozess, der nicht öffentlich war, wegen Spionage zu 38 Jahren Haft verurteilt. Erst 1998 wurde sein Schicksal öffentlich. Anders als bei Linse, der von Stasi-Offizieren entführt worden war, gab es 1998, als die Entführung von Carney durch die Amerikaner bekannt wurde, keinen politischen Aufschrei. Die Entführer waren halt Bündnispartner.

2003 entführte der amerikanische Geheimdienst den Deutschen Khaled al-Masri in Mazedonien, verschleppte ihn nach Afghanistan, wo er gefoltert wurde. Die Agenten hielten ihn für einen Terroristen und glaubten, sein deutscher Pass sei gefälscht. Als sich herausstellte, dass sein Pass echt war, wurde al-Masri freigelassen, allerdings zum Schweigen verdonnert. Die CIA drohte, ihn weiter zu überwachen. 2005 enthüllten Journalisten die Entführung. Das Amtsgericht München erließ wegen Verdachts auf Freiheitsberaubung Haftbefehle gegen 13 CIA-Agenten, die an der Entführung von al-Masri beteiligt waren. Die USA lieferte die Agenten allerdings nicht aus. 2012 sprach der Europäische Gerichtshof al-Masri 60.000 Euro Schmerzensgeld zu und geißelte die "schwere Grundrechtverletzung" durch mazedonische Behörden, die der CIA bei der Entführung geholfen hatten. Al-Masri klagte gegen die CIA in den USA. Ohne Erfolg. Die US-Regierung weigerte sich mit dem Hinweis auf die internationale Sicherheit lange, den Fall al-Masri zu kommentieren. Auch das ist typisch, sagt Geheimdienstexperte Krieger. "Wenn Geheimdienstoperationen schmutzig sind oder wenn sie schief gehen, will niemand mehr etwas davon wissen, dass sie von der Regierung angeordnet worden sind."

Inzwischen gibt es immer mehr Völkerrechtler die bezweifeln, dass der Grundsatz "male captus bene detentus", von dem die Eichmann-Entführer profitierten, rechtens ist. Aus Unrecht könne kein Recht werden, argumentieren sie. "Aber die Staatenpraxis hat sich nicht eindeutig gewandelt“, sagt Carl-Friedrich Stuckenberg, Jura-Professor für deutsches und internationales Strafrecht an der Universität Bonn. "Die heutige völkerrechtliche Lage ist unklar. Die Erlaubnis, ein Strafverfahren durchzuführen, erodiert wohl; ob sie ganz verschwunden ist, ist zweifelhaft. Ein generelles Verbot gibt aber gewiss noch nicht."

Aktuell im Fokus: Ali B. und der Mordfall Susanna

Das könnte bei dem Verfahren gegen Ali Bashar, 20, eine Rolle spielen. Der abgelehnte Asylbewerber, der gestanden hat, die 14-jährige Susanna F. in Mainz vergewaltigt und ermordet zu haben, war nach Erbil im Nordirak geflohen. Dieter Romann, Chef der Bundespolizei, flog ihm hinterher, holte den mutmaßlichen Mädchenmörder Anfang August zurück nach Deutschland. Er nutzte die unklare Situation vor Ort: Erbil ist Hauptstadt und Sitz der Autonomen Region Kurdistan im Irak. Die Kurden haben hier ein eigenes Parlament und sogar Streitkräfte. Trotzdem gibt es mit der Zentralregierung in Bagdad immer wieder Streit um die Unabhängigkeit. Ein Referendum, bei dem sich Ende letzten Jahres 92 Prozent der Bevölkerung für die Unabhängigkeit und Loslösung von der Zentralregierung ausgesprochen hatten, wurde vom Obersten Gericht in Bagdad erst kürzlich für nichtig erklärt. Romann hatte angeblich die Genehmigung der autonomen Regierung, die Bashar angeblich ohnehin abschieben wollte. Der oberste Bundespolizist ließ sich Bashar, so die offizielle Version, von kurdischen Sicherheitskräften an Bord seiner Maschine bringen. "Ich bin froh, dass der von der deutschen Justiz gesuchte, mutmaßliche Täter wieder in Deutschland ist", sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU). Ein Anwalt erstattete Strafanzeige gegen Romann wegen Freiheitsberaubung. Das sei keine Entführung gewesen, sondern Amtshilfe bei einer Abschiebung, verteidigte sich Romann. Allerdings hat sich die Zentralregierung im Irak inzwischen bei der Bundesregierung über die Entführung beschwert. Seither streiten sich die Juristen, ob die Aktion eine rechtswidrige Entführung war, die den Prozess gegen Ali Bashar zum Scheitern bringen könnte.