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Vietnamesicher Geschäftsmann entführt: Agentenhelfer zu fast vier Jahren Haft verurteilt - doch der Geheimdiensthriller von Berlin geht weiter

Urteil im Prozess um die Entführung des Geschäftsmanns Trinh Xuan Thanh durch den vietnamesischen Geheimdienst: Ein Helfer der Entführer muss für drei Jahre und zehn Monate ins Gefängnis. Die Verschleppung war ein Agentenkrimi auf deutschem Boden.

Der Angeklagte im Berliner Kammergericht und sein Opfer in Vietnam

Der Angeklagte im Berliner Kammergericht und sein Opfer in Vietnam

DPA

Wer im Berliner Kammergericht in den Saal 145 A will, dort, wo der Staatsschutzsenat gegen Terroristen und Spione verhandelt, muss sich die Schuhe ausziehen. Auf der Suche nach versteckten Waffen fahren Justizwachtmeister mit Gummihandschuhen hinein und lassen einen Metalldetektor über die Sohlen gleiten. Erst dann dürfen Zuschauer und Journalisten ihre Schuhe wieder anziehen. Ausweise werden kopiert. Elektronische Geräte sind im Gerichtssaal verboten. Handys, Laptops, Taschen, Uhren, ja sogar Kugelschreiber müssen abgegeben werden. "Auch in einen Kulli kann man eine Waffe verstecken", sagt ein Sicherheitsmann. Seine Kollegin verteilt gespitzte Bleistifte an Journalisten. 007-Agent James Bond hatte einen Schießkugelschreiber. Offenbar fürchtet die Justiz, dass sich Geheimdienstagenten unter die Zuschauer mischen könnten. Tatsächlich ist vor dem Staatsschutzsenat in den letzten Monaten ein Agententhriller verhandelt worden, der an die Zeit des Kalten Krieges erinnert. 

Diverse Zeugen beobachteten die Entführung

Geschäftsmann Arnaud S. fuhr am 23. Juli 2017 gegen elf Uhr in Berlin die Hofjägerallee entlang. Die Hauptverkehrsader, drei Kilometer vom Kanzleramt entfernt, führt durch den Tiergarten direkt auf die Siegessäule zu. Plötzlich sah er, wie "fünf oder sechs asiatische Leute" einen Mann und eine Frau in einen silbernen VW-Transporter zerrten. "Es ging blitzschnell, dauerte nur Sekunden", sagt er jetzt als Zeuge vor Gericht. Der Geschäftsmann zückte sein Handy, fotografierte das tschechische Kennzeichen, wählte 110, gab Teile des Kennzeichens durch. Um 10.48 Uhr ging sein Notruf bei der Polizei ein. Arnaud S. verfolgte die Entführer.

Kommunikationsberater Karsten N., der an diesem regnerischen Sonntagmorgen im Tiergarten joggen wollte, hörte den Schrei einer Frau, sah, wie sie von mehreren Leuten in einen Kastenwagen gezerrt wurde. "Hey, was machen Sie", brüllte er. Ungerührt fuhren die Entführer davon. Ein Handy und eine Sonnenbrille lagen auf dem Boden. 

Auch Kaya S. hatte die Szene beobachtet, wählte 110. "Jemand ist hier in einen Wagen gezerrt worden." 15 Minuten hätten sie und ihre Freundin vergeblich auf die Polizei gewartet, bevor sie ein zweites Mal bei der Einsatzleitstelle angerufen habe. "Ich habe mich nicht richtig ernst genommen gefühlt", sagt die Studentin jetzt im Zeugenstand. 

Ähnliches schildert Gebäudereiniger Hakan Y. Auch er hatte die Entführung beobachtet, den Notruf gewählt und vergeblich gewartet. Dabei sei an diesem Sonntagmorgen viel Polizei unterwegs gewesen. "Alle 50 Meter fuhr ein Streifenwagen vorbei. Ich habe versucht, einen zu stoppen, aber keiner hat gehalten." Auch Hakan Y. fuhr den Entführern hinterher. Doch der Transporter verschwand im Stadtverkehr.

Hat die Berliner Polizei Fehler gemacht?

Anhand von GPS-Daten rekonstruierten die Ermittler später, dass die Entführer fast neun Kilometer durch die Stadt gefahren waren. Ihr Ziel: Die vietnamesische Botschaft in Berlin-Treptow. Um 11.13 Uhr kamen sie dort an. 25 Minuten, fast eine halbe Stunde, fuhren die Kidnapper durch die Hauptstadt, ohne dass die Polizei ihre Verfolgung aufgenommen hätte. Bei einer Entführung muss die Polizei "die Verfolgung unter Berücksichtigung der Gefährdung der Entführten" sofort aufnehmen und "Fahndungsmaßnahmen" einleiten. So steht es in einer bundesweit geltenden Dienstverordnung. Hat die Berliner Polizei die Lage falsch eingeschätzt? Die Pressestelle will sich "wegen des laufenden Verfahrens" dazu nicht äußern. Auch der Innensenator schweigt, beantwortet nicht mal die Frage, ob der Vorgang polizeiintern untersucht wird.

Dass die Behörden so wortkarg sind, kommt nicht von ungefähr: Die Polizei hätte womöglich diplomatische Verwerfungen auf höchster, internationaler Ebene verhindern können, wenn es ihr gelungen wäre, die Entführer zu stoppen. 

An diesem Morgen wurden nach den Ermittlungen der Bundesanwaltschaft der vietnamesische Politiker Trinh Xuan Thanh, 52, und seine Geliebte von Agenten des vietnamesischen Geheimdienstes Tong Cuc An Ninh entführt. Der Geheimdienst verschleppte Trinh Xuan Thanh, der in Deutschland um Asyl gebeten hatte, nach Vietnam, wo er im Februar wegen Korruption zwei Mal zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde.

"Das Verhalten der vietnamesischen Geheimdienste auf deutschem Boden ist vollkommen inakzeptabel", polterte Sigmar Gabriel (SPD), damals Außenminister. Mit der Entführung hat die vietnamesische Regierung die Souveränität Deutschlands verletzt. "So etwas tolerieren wir unter keinen Umständen." Zwei Mitarbeiter der vietnamesischen Botschaft, die in die Entführung verwickelt sein sollen, mussten Deutschland verlassen.

Vietnamesische Diplomaten dürfen nur noch mit Visum in Deutschland einreisen. Der Entführungsfall belastet mittlerweile nicht nur die Beziehungen zwischen Deutschland und Vietnam, sondern auch die zu Slowenien. Es gibt Hinweise, dass Trinh Xuan Thanh über Bratislava nach Vietnam ausgeflogen wurde - mit einer slowenischen Regierungsmaschine. Der slowakische Ministerpräsident Pellegrini versprach der Kanzlerin die volle Unterstützung der Slowakei bei der Aufklärung.

Ein "Bauernopfer" vor Gericht?

Ob Long H. begreift, in was er da hineingeraten ist? Der Angeklagte sitzt im Kammergericht hinter Panzerglas. Sein Gesichtsausdruck wirkt starr, wie eine Maske, verrät nicht die leiseste Regung. Die Bundesanwaltschaft wirft ihm "geheimdienstliche Agententätigkeit" und "Beihilfe zur Freiheitsberaubung" vor. Der 47-jährige Vietnamese soll dem Geheimdienst bei der Entführung geholfen haben. Gegen fünf weitere Personen, die an der Entführung beteiligt gewesen sein sollen, darunter zwei Mitarbeiter der Botschaft, wird noch ermittelt. 

Long H. wirkt unsicher, bleibt stehen, als sich alle setzen. Erst als die Vorsitzende Richterin ihm sagt, dass er Platz nehmen dürfe, sinkt er auf seinen Stuhl. Den Blick auf die Tischplatte gerichtet, lauscht er über Kopfhörer, was die beiden Dolmetscher übersetzen. Laut Anklage soll er für die Entführer Autos angemietet und Hotelzimmer gebucht haben. Long H. ist also, wenn überhaupt, nur ein Handlager des Geheimdienstes. Ein "Bauernopfer", wie sein Verteidiger Stephan Bonell aus Leipzig sagt. Long H. betrieb in Prag eine Geldwechselstube, lebte mit seiner Freundin und deren Kinder in einem Plattenbau. Vorbestraft ist er nicht. "Mein Mandant hat in Prag ein Auto angemietet und es nach Berlin gefahren, weil ihm gesagt wurde, dass es dort zu touristischen Zwecken gebraucht wird. Er war arglos und wusste von nichts. Unter Vietnamesen ist es üblich, sich gegenseitig zu helfen."

Doch selbst wenn Long H. nur Laufbursche des Geheimdienstes gewesen sein sollte, erlaubt die Anklage einen seltenen Blick in die Arbeitsweise von Geheimdiensten, die oft in rechtlichen Grauzonen operieren und die vor Entführungen nicht zurückschrecken (lesen Sie hier im stern mehr zu Entführungen und Verschleppungen durch Geheimdienste - auch in Deutschland oder von deutschen Agenten). 

Das Entführungsopfer Trinh Xuan Thanh, 52, hatte in der ehemaligen DDR Architektur studiert. Er kehrte nach Vietnam zurück, wurde Manager. Bis 2012 war er Vorstandsvorsitzender des Baukonzerns "Petro Vietnam Constructions". Danach machte er als Politiker in der Kommunistischen Partei Karriere, bekleidete Führungsposten im Ministerium für Industrie und Handel. Er war sogar als stellvertretender Minister im Gespräch. Doch dann gab es im Januar 2016 in Vietnam einen Machtwechsel. Der westlich orientierte Reformflügel, dem Trinh Xuan Thanh angehörte, verlor die Herrschaft an die Konservativen um den Generalsekretär der kommunistischen Einheitspartei Nguyen Phu Trong, 73. Der Literaturwissenschaftler hat in der Sowjetunion promoviert und gilt als Anhänger der autoritären Volksrepublik China. Präsident wurde der ehemalige Geheimdienstler Tran Dai Quang. 

Internationaler Haftbefehl aus Vietnam

Die neue Regierung warf Trinh Xuan Thanh vor, in seiner Zeit als Manager des staatlichen Baukonzerns 130 Millionen Euro veruntreut zu haben. Im Sommer 2016 leiteten die vietnamesischen Sicherheitsbehörden ein Ermittlungsverfahren gegen ihn ein. In Vietnam, wo selbst kleine Dealer hingerichtet werden, drohte dem vermeintlichen Wirtschaftskriminellen die Todesstrafe. Im August 2016 reiste Trinh Xuan Thanh mit seinem Diplomatenpass nach Deutschland und bat um politisches Asyl. Die vietnamesischen Sicherheitsbehörden schrieben ihn kurz darauf mit einer "Red Notice", also einem internationalen Haftbefehl, zur Fahndung aus. 

Fast zwei Jahre später begleiten drei Polizisten seine Ehefrau über einen unterirdischen Gang in den Saal 145 A des Berliner Kammergerichts. Die 49-jährige Vietnamesin hält sich ein Blatt Papier vors Gericht, will nicht erkannt werden. Sie war kurz vor ihrem Mann, im Juli 2016, mit den beiden Töchtern nach Deutschland geflohen. Sie fürchtete sich vor der Sippenhaft, die in Vietnam praktiziert wird. Die Familie zog in Berlin von Hotel zu Hotel. Bis eine Firma, an der die Ehefrau beteiligt ist, ein Haus für sie kaufte. Allerdings meldeten sich Trinh Xuan Thanh und seine Frau unter falscher Adresse beim Einwohnermeldeamt an. "Enge Verwandte warnten uns, dass Agenten eingesetzt werden, um meinen Mann zu fangen", erzählt die Ehefrau mit leiser Stimme. Einmal seien sie Golfspielen gewesen, als plötzlich zwei Vietnamesen auf dem Platz erschienen seien. "Mein Mann sagte, 'die sehen wie Sicherheitsorgane aus'. Wir sind sofort nach Hause."

Tatsächlich war der Geheimdienst dem Politiker zu dieser Zeit schon auf der Spur. Einen Monat nach seiner Flucht, im September 2016, reisten hohe vietnamesische Polizeibeamte nach Prag, um dort das Personal für die Entführung zu rekrutieren - "teilweise aus dem kriminellen Milieu", wie die Bundesanwaltschaft in ihrer Anklage schreibt. Vier Wochen später, im Oktober 2016, kamen Agenten nach Deutschland, um herauszufinden, wo sich Trinh Xuan Thanh aufhielt. Die Agenten spionierten in der vietnamesischen Community, fanden heraus, wo er Golf spielte, recherchierten das Autokennzeichen seines Wagens. Wo er wohnte, blieb ihnen verborgen. Doch sie wussten von seinem Geheimnis, dem wunden Punkt in seinem Leben: Der Politiker hatte eine Geliebte in Vietnam, eine ehemalige Kollegin, die ihn regelmäßig in Deutschland besuchte: Thi Minh P., 26, Nichte eines hohen Polizeigenerals in Vietnam. 

Die vietnamesische Botschaft gab ihre Erkenntnisse an Bundespolizei und ans Bundeskriminalamt weiter, um die Auslieferung zu erreichen. Angeblich bat der vietnamesische Premierminister Nguyen Xuan Phuc Kanzlerin Merkel Anfang Juli 2017 in Hamburg beim G20 Gipfel höchstpersönlich um die Auslieferung des Ex-Managers. Doch Deutschland liefert nicht so ohne weiteres an Länder aus, in denen die Todesstrafe verhängt wird. Es gibt auch kein Auslieferungsabkommen mit Vietnam. Das Auslieferungsverfahren, dass die Vietnamesen trotzdem angestrengt hatten, zog sich hin. 

Geliebte half den Geheimdienstlern - offenbar unfreiwillig

Unterdessen buchte die Geliebte Thi Minh P. übers Internet Flüge von Hanoi nach Berlin für den 19. Juli. Sie ahnte offenbar nicht, dass auch sie ins Visier des Geheimdienstes gerückt war, der ihre Internetverbindungen offenbar überwachte. Als sie in Berlin-Tegel ankam, warteten die Agenten schon am Flughafen. Sie verfolgten die junge Frau heimlich, als sie mit dem Taxi ins "Sheraton" fuhr, wo Trinh Xuan Thanh auf sie wartete. 
Seiner Frau hatte der Politiker erzählt, dass er für ein paar Tage im Asylbewerberheim übernachten müsse. In den nächsten Tagen telefonierte er mehrmals mit seiner Familie. Seine fünfjährige Tochter fragte ihn: "Papa, wo bist du, was machst du?" So erzählt es seine Ehefrau jetzt vor Gericht. Sie habe nichts von der Geliebten geahnt, sagt sie.

Während seine Familie glaubte, er sei im Asylbewerberheim, ging Trinh Xuan Thanh mit seiner Geliebten bei Louis Vuitton und Chanel shoppen, aß mit ihr in einem feinen, italienischen Restaurant. Die beiden merkten nicht, dass sie rund um die Uhr beschattet wurden. Die Agenten wechselten sich ab, tauschten Autos, blieben dem Paar immer dicht auf den Fersen. Die Geheimdienstler gingen stümperhaft vor, hinterließen jede Menge Spuren, die es deutschen Staatsschützern später erlauben sollten, die Entführungsvorbereitungen ziemlich genau zu rekonstruieren: GPS-Koordinaten in den gemieteten Autos, Mobilfunkdaten, Internetverbindungen, Bilder aus Überwachungskameras.

Als Trinh Xuan Thanh mit seiner Geliebten am Sonntag gegen elf Uhr durch den Tiergarten bummelte, schlugen die Agenten zu. Nachdem die Geheimdienstler das Paar in die Botschaft gebracht hatten, beeilten sie sich, die Beiden so schnell wie möglich außer Landes zu schaffen.

Um 14 Uhr, drei Stunden nach der Entführung, buchte eine Mitarbeiterin der vietnamesischen Botschaft drei

One-Way-Tickets nach Hanoi. Um 19.40 Uhr hob der Flieger ab. An Bord war die Geliebte Thi Minh P., zwei Agenten saßen neben ihr. Unterdessen wurde Trinh Xuan Thanh vermutlich mit einem silbernen BMW nach Prag gefahren. Am späten Abend trafen sich die Entführer in einem vietnamesischen Restaurant. Dort feierten sie, so glaubt die Bundesanwaltschaft, den gelungenen Coup. Auch der Angeklagte saß angeblich mit am Tisch. 

Als Trinh Xuan Thanh am nächsten Morgen nicht zur Anhörung ins Amt für Migration und Flüchtlinge kam, rief seine Anwältin Petra Schlagenhauf um kurz nach neun Uhr im Landeskriminalamt beim Staatsschutz an. Sie ahnte Schlimmes. Ihr Mandant hatte ihr erzählt, dass er fürchte, entführt zu werden. "So richtig ernst genommen haben die das nicht", erinnert sich Schlagenhauf. Als kurz darauf feststand, dass die Passanten am Sonntagmorgen offenbar die Entführung von Trinh Xuan Thanh und seiner Freundin beobachtet hatten, war es zu spät. 

Will die Regierung Kritiker kaltstellen?

Ein paar Tage später trat Trinh Xuan Thanh im vietnamesischen Fernsehen auf. Er wirkte abgekämpft, sprach wie ein Roboter: "Ich bin zurück, um der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und ich will hohe Führer treffen, um mich zu entschuldigen", sagte er.

Trinh Xuan Thanh ist nicht der einzige Ex-Manager eines Staatsunternehmens, der sich wegen Korruption und Misswirtschaft vor Gericht verantworten muss. Über 20 ehemalige Wirtschaftsbosse sind in Hanoi vor dem "Gericht des Volkes" angeklagt. Im Jahr nach dem Machtwechsel wurden 2017 in Vietnam etwa 200 Parteimitglieder verhaftet und vor Gericht gestellt. Die neue Regierung brüstet sich damit, hart gegen korrupte Funktionäre durchzugreifen. Auf der Anklagebank sitzen allerdings auffällig viele Funktionäre, die früher zum inneren Zirkel des alten Ministerpräsidenten gehörten, darunter sogar ein ehemaliges Mitglied des Polit-Büros. Experten vermuten deshalb, dass es der Kommunistischen Partei weniger um den Kampf gegen Korruption geht, sondern eher darum, politische Gegner auszuschalten.

Auch vor dem Berliner Kammergericht verlangt Verteidiger Bonell nun, dass das Gericht prüfen müsse, ob Trinh Xuan Thanh wirklich "ein unschuldiges Opfer oder ein korrupter Parteifunktionär" sei. "Hätte die Bundesregierung anders reagiert, wäre die Entführung gar nicht nötig gewesen", sagt er und offenbart eine eigentümliche Rechtsauffassung. So als sei die Entführung kein Verbrechen, sondern Notwehr gewesen. Und als wären Beschuldigte von Wirtschaftsverbrechen, die von Todesstrafe bedroht sind, Freiwild ohne Anrecht auf rechtsstaatliches Verfahren. "Das wäre, als würde ein Räuber sich damit verteidigen, dass er das Opfer ausrauben musste, weil es die Beute nicht freiwillig rausgerückt habe", sagt Anwältin Schlagenhauf wenig später in der Pause auf dem Gerichtsflur. Schlagenhauf vertritt Trinh Xuan Thanh, der als Nebenkläger zugelassen ist, im Prozess gegen Long H. Sie war auch in Vietnam, um ihrem Mandanten dort bei seinem Prozess beizustehen. "Ich wurde als unerwünschte Person nichts ins Land gelassen."

Viele Vietnamesen verfolgen den Prozess. Le Trung Khoa, Chefredakteur von ThoiBao.de, einer vietnamesischen Nachrichtenseite im Netz, sitzt fast jeden Tag im Gerichtssaal. Der Journalist berichtet kritisch im Internet über den Prozess und die zweifelhaften Methoden des vietnamesischen Geheimdienstes. Als Trinh Xuan Thanh im vietnamesischen Fernsehen sagen musste, er sei freiwillig zurückkehrt, veröffentlichte Le Trung Khoa die Stellungnahme von dessen Anwältin Petra Schlagenhauf, die schrieb, ihr Mandant hätte Deutschland niemals freiwillig verlassen. Offenbar zum Missfallen der vietnamesischen Regierung. In Vietnam kontrolliert die Kommunistische Einheitspartei die Presse, obwohl Presse- und Meinungsfreiheit in der Verfassung steht. Propaganda gegen die Regierung ist allerdings eine Straftat, die Journalisten, Bloggern und anderen Regierungskritikern oft zum Verhängnis wird. Viele Vietnamesen misstrauen der kontrollierten Staatspresse, freie Internetmedien boomen. 1,5 Millionen Leser habe er, sagt Le Trung Khoa. Doch seit einiger Zeit gingen die Klickzahlen zurück. "Meine Seite wird von professionellen Hackern angegriffen." Der Journalist ist davon überzeugt, dass die vietnamesische Regierung dahinter steckt. "In Vietnam ist meine Seite abgeschaltet worden. Meine Landsleute können sie dort nicht mehr lesen." Auch in Deutschland werde er verfolgt. "Ein Mann schickte mir eine Kurznachricht aufs Handy. Ich solle Entenfleisch mit frischem Blut essen. In Vietnam ist das eine Todesdrohung." Tatsächlich ermittelt die Staatsanwaltschaft. 

Korruption in Vietnam weit verbreitet

Obwohl Le Trung Khoa die Entführung für Unrecht hält, glaubt der Journalist nicht, dass Trinh Xuan Thanh unschuldig ist. Er zeichnet ein düsteres Bild von seiner Heimat. "Wer in Vietnam nach oben kommen will, kann das nur mit Geld", sagt er. "Vietnam ist ein zutiefst korruptes Land. Ob Anwalt oder Kinderarzt - kaum einer hilft, ohne vorher die Hand aufzuhalten."

Tatsächlich gehört Vietnam laut Transparency International zu den korruptesten Ländern der Welt. Doch selbst wenn Trinh Xuan Thanh Millionen veruntreut haben sollte, darf er vermutlich nach Deutschland zurückkehren. Es geht ums Prinzip. Deutschland kann sich nicht gefallen lassen, dass, wie im Kalten Krieg, unliebsame Bürger von Geheimdiensten in fremde Länder entführt und dort abgeurteilt werden. "Seit der Entführung haben wir einen engmaschigen Gesprächsprozess mit der vietnamesischen Seite geführt. Sie weiß, was zu tun ist, um den Schaden, den die bilateralen Beziehungen genommen haben, zu reparieren", sagt ein Sprecher des Auswärtigen Amtes zum stern. Deutschland sitzt am längeren Hebel. Die Bundesrepublik ist Vietnams wichtigster Handelspartner in der Europäischen Union. Seit der Entführung sind keine Großprojekte genehmigt worden. Das Freihandelsabkommen, das zwischen Vietnam und der EU 2016 geschlossen wurde, ist noch nicht in Kraft. Doch es ist wichtig für die Entwicklung Vietnams, das in den letzten Jahrzehnten ein rasantes Wirtschaftswachstum erlebt hat. Anfang der 1990er Jahre waren fast 60 Prozent der Vietnamesen arm. Heute sind es nur noch 13 Prozent. Die Regierung will die Wirtschaft weiter ankurbeln, steht deshalb unter Druck. "Vietnam legt immer großen Wert auf die strategische Partnerschaft mit Deutschland", beteuert eine Sprecherin des vietnamesischen Außenministeriums. 

Anfang Juni durfte der Bürgerrechtlicher Nguyen Van Dai nach Deutschland ausreisen. Der Anwalt gehörte zu den prominentesten Regimekritikern in Vietnam und war in Hanoi wegen angeblicher Umsturzversuche zu 15 Jahren Gefängnis und fünf Jahren Hausarrest verurteilt worden. Kaum war Nguyen Van Dai mit seiner Frau in Frankfurt gelandet, lobte das Auswärtige Amt diesen "bemerkenswerten humanitären Schritt Vietnams". Kurz darauf meldeten mehrere Zeitungen, die vietnamesische Regierung hätte auch die Rückkehr von Trinh Xuan Thanh zugesagt. Das Auswärtige Amt dementiert allerdings. Und auch Anwältin Schlagenhauf sagt: "Man muss abwarten. Ich jubele erst, wenn mein Mandant wieder hier ist." Sollte er zurückkehren, darf Trinh Xuan Thanh in Deutschland bleiben - den Korruptionsvorwürfen zum Trotz. Im Dezember 2017 hat das Bundesamt ihn in Abwesenheit als Flüchtling anerkannt. 

Über das Schicksal seiner jungen Geliebten ist nichts bekannt. Darauf, dass sie ein Lockvogel des Geheimdienstes war, der Trinh Xuan Thanh in die Venusfalle gelockt hat, gibt es laut Bundesanwaltschaft keine Hinweise. Thi Minh P. wurde zuletzt in einem Krankenhaus in Hanoi gesehen. Ihr Arm war gebrochen. Nach dem Krankenhausaufenthalt verliert sich ihre Spur. 

Long H. ist heute vom Kammergericht Berlin zu drei Jahren und zehn MonatenHaft verurteilt worden. Der Angeklagte habe von den Plänen des vietnamesischen Geheimdienstes gewusst, jedoch nicht zur obersten Kommandoebene gehört, hieß es im Urteil. Er sei der Beihilfe zur Freiheitsberaubung und geheimdienstlichen Agententätigkeit schuldig. Der Mann hatte die Vorwürfe zugegeben, das Gericht hatte dafür ein vergleichsweise mildes Urteil in Aussicht gestellt. Mit dem Strafmaß entsprach das Gericht der Forderung der Bundesanwaltschaft.

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