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Hashtag-Debatte zur KZ-Befreiung: #Auschwitz - darf man das?

Zum 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz ruft die ARD zur Anteilnahme unter dem Hashtag #Auschwitz auf. Gedenken in 140 Zeichen - geht das? "Süddeutsche.de" sagt: Nein. Aber warum eigentlich?

Von Lisa-Marie Eckardt

Mit einer Werbekampagne unter #Auschwitz sorgt die ARD für Diskussionen

Mit einer Werbekampagne unter #Auschwitz sorgt die ARD für Diskussionen

Eigentlich wollte die ARD lediglich die Erinnerung am Leben halten. Doch eine Werbeaktion zum 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz am 27. Januar 2015 hat nun für Diskussionen gesorgt: "#Auschwitz ist für mich: ___________" steht in der umstrittenen ARD-Anzeige, die unter anderem in der "Zeit" und im "Spiegel" zu sehen ist. Gedenken mit einem Hashtag auf Twitter - für manche scheint das moralisch verwerflich zu sein.

"Auschwitz ist kein Hashtag", findet die Redaktion von Süddeutsche.de. Betroffenheit ließe sich nicht in 140 Zeichen fassen - die Anzahl an Zeichen, die ein Twitter-Beitrag höchstens enthalten darf.

Weil ein Hashtag Reflex statt Reflexion ist

Auschwitz ist zum Synonym für den Holocaust geworden. Von insgesamt mehr als 5,6 Millionen Opfern wurden etwa 1,1 Millionen im Lager Auschwitz-Birkenau ermordet - davon eine Million Juden. Grauen, das sich in Zahlen kaum fassen lässt - aber in einem Hashtag?

Twitter-Nutzer und Historiker @HannesBurkhardt reagiert darauf mit Verwunderung: "Warum soll #Auschwitz kein Hashtag sein?", fragt er den Redakteur bei Twitter. "140 oder 140.000 machen keinen Unterschied." (Sein Tweet wurde inzwischen gelöscht)

Muss die Länge eines Beitrags zum Gedenken an Auschwitz tatsächlich etwas mit seiner Qualität zu tun haben? Ja, findet offenbar @pramstaller, "SZ"-Redakteur Christopher Pramstaller. In seiner Antwort an @HannesBurkhardt meint er: "Weil ein Hashtag und 140 Zeichen nicht zu Reflexion sondern nur zu Reflex führt.

Selfies aus der Hölle

Ein Phänomen ist der Umgang mit Auschwitz in sozialen Netzwerken durchaus. Besucher der Gedenkstätte inszenieren sich mit Selfies vor den Todeskammern, so wie sie sich vor dem Eiffelturm oder dem Kolosseum knipsen würden. Geschmacklich darf man das fragwürdig finden. Fotos von der Gedenkstätte aber gab es schon immer. Dennoch löste eine junge Amerikanerin mit einem Selfie aus Auschwitz im Sommer 2014 einen Shitstorm aus: Unter dem Namen "Princess Breanna" postete sie ein Foto von sich - lächelnd an dem Ort, an dem so viele Menschen gestorben sind. Für viele Teenager ist das vielleicht normal. Doch ihr Bild sorgte für Empörung, wurde zeitweise als das "schlimmste Selfie aller Zeiten" bezeichnet. Breanna wurde nicht nur beschimpft, sie erhielt sogar Todesdrohungen.

Seitdem kontrollieren Angestellte von KZ-Gedenkstätten laut einem Bericht des "Tagesspiegels" Internetportale nach Fotos, die auf ihren Geländen entstanden sind. Was sie dort finden, mache sie manchmal sprachlos. Auch unter Hashtags wie #lookinghotinauschwitz oder #yolocaust.

Doch muss deshalb jeder Tweet zum Thema Auschwitz unpassend sein? Das Hashtag-Zeichen dient dazu, Schlagwörter leichter auffindbar zu machen. So lassen sich auch Tweets von Nutzern besser finden, die zu einem wirklichen Gedenken beitragen wollen. Und warum sollte das kein emotionales Erinnern sein dürfen, findet zumindet der Historiker und Geschichtsdidaktiker @HannesBurkhardt auf Twitter. Er arbeitet an der Uni Erlangen am Lehrstuhl für Geschichtsdidaktik und hat Publikationen zum Thema Erinnerungskulturen im Social Web veröffentlicht.