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Berliner Lüftbrücke: Rettung aus dem sowjetischen Würgegriff

Vor 60 Jahren startete die bedeutendste und größte humanitäre Luftoperation aller Zeiten: die Berliner Luftbrücke. Um das von der Sowjetunion blockierte Berlin zu retten, flogen die West-Alliierten weit über zwei Millionen lebenswichtiger Güter in die bedrohte Stadt. Ein Rückblick auf einen logistischen Kraftakt zur Wahrung der Freiheit.

Am 24. Juni 1948 morgens um 6 Uhr ließ der sowjetische Staatschef Josef Stalin die Autobahnen nach Berlin sperren. Wegen "technischer Störungen", wurde verkündet. Wieder einmal. Doch diesmal, auf dem ersten Höhepunkt des Kalten Krieges, wurde es ernst. Der "Pfahl im Fleische" des "sozialistischen Lagers" war abgeriegelt, West-Berlin sollte buchstäblich ausgehungert werden.

Die Antwort der West-Alliierten war die Luftbrücke, die bedeutendste und größte humanitäre Luftoperation aller Zeiten. Vom 26. Juni 1948 bis zum 27. August 1949 wurden mit 277.278 Flügen 2.326.205 Tonnen lebenswichtige Güter in die von der Außenwelt abgeschnittenen Westsektoren Berlins gebracht. Vor allem Lebensmittel und Kohle, aber auch das Material für ein komplettes Kraftwerk. Und 200.000 Care-Pakete wurden von privat gecharterten Flugzeugen für die hungernden Berliner eingeflogen.

Captain Jack O. Bennett flog 22.232 mal nach Berlin geflogen

Am 23. Juni 1948 abends hatte die sowjetische Besatzungsmacht kurz vor Mitternacht den Westsektoren den Strom abgeschaltet; am folgenden Tag wurden alle Straßen- und Eisenbahnverbindungen zwischen den Westzonen und Berlin gekappt und alle Wasserwege unterbrochen. Die Blockade hatte begonnen. Heute ist Berlin wieder eine der attraktivsten Metropolen Europas. Vor 60 Jahren hätte sich das niemand träumen lassen.

Es war der amerikanische Militärgouverneur in Deutschland, General Lucius D. Clay, der sofort handelte und unter dem Namen "Operation Vittles" den Aufbau der Luftbrücke organisierte. Captain Jack O. Bennett war der erste Luftbrückenpilot. 22.232 mal ist der spätere Wahl-Berliner zwischen 1945 und 1974 zwischen Berlin und den Westzonen, der späteren Bundesrepublik hin- und hergeflogen: Am 23. Juni 1948, als sich in Marienborn die Schranken schlossen, wurde der leidenschaftliche Flieger aus Ebensburg in Pennsylvania gefragt:

"Können Sie heute Abend mit einer DC-4 Kohlen nach Berlin fliegen?"

Gegen alle logitischen Widerstände

Bennett glaubte sich verhört zu haben. Seinen Vorgesetzten aber war es bitter ernst. Es war der erste Flug der Luftbrücke. Es war viel mehr als ein Testflug. Es war die Probe aufs Exempel. Am 26. Juni begann die Luftbrücke offiziell. Schon am vierten Tag wurden 384 Tonnen eingeflogen. Der schier endlose Strom der "Rosinenbomber" wurde täglich größer. Innerhalb nur weniger Wochen waren 224 "Skymaster" in Frankfurt zusammen gezogen worden. Überflüssige Trennwände, Waschtische oder Treibstofftanks wurden ausgebaut; Fleisch, Kohlen und Mehl geladen. Ein erstes großes logistisches Problem: Die DC-4 waren viel schneller als die DC-3. Also wurden "Stundenpläne" erstellt: Eine Stunde flogen nur DC-3 im Korridor, dann 45 Minuten die DC-4.

Ein Flieger alle 63 Sekunden

Wer seinen Landeanflug verpasste, musste umdrehen und nach Frankfurt zurück. Einen zweiten Anflug gab es nicht: Zu eng gestaffelt flogen die "Rosinenbomber". Bennett verdeutlicht es in seinem Buch "40.000 Stunden am Himmel": "Ein Blick auf den Radarschirm am Boden war höchst eindrucksvoll. Die Flugzeuge erschienen als einzelne grüne Punkte aufgereiht wie an einer Kette. Mit Metronom-Genauigkeit bewegten sie sich auf Berlin zu."

Der Höhepunkt, der auch zu einem Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde führt, war die "Osterparade" am 16. April 1949, als an einem einzigen Tag 12.940 Tonnen Kohle, Treibstoff und Lebensmittel nach Berlin geflogen wurden - schier unvorstellbar, wenn man weiß, wie klein die größten Flugzeuge damals noch waren. Es landete alle 63 Sekunden auf einem der drei Flughäfen Tempelhof - damals gab es nur eine provisorische Stahllandebahn - Gatow und Tegel ein Flugzeug.

Auch das war vor 60 Jahren eine beispiellose Tat: 19.000 Berliner, vorwiegend Frauen, hatten in Tag- und Nacharbeit in Berlin-Tegel die mit 2400 Metern damals längste Start- und Landebahn in Europa in nur 85 Tagen wie aus dem Nichts geschaffen. Die Luftbrücke forderte aber auch Opfer. 78 Menschen - 31 Amerikaner, 39 Engländer und acht Deutsche - verloren ihr Leben. Ein 1951 eingeweihtes Denkmal vor dem Flughafen Tempelhof erinnert an diese Opfer des Kalten Krieges. Am 12. Mai 1949 hob die Sowjetunion die Blockade West-Berlins auf.

Karl Morgenstern, DPA / DPA